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11.06.2012

12:29 Uhr

Lücken im Krankenschutz

Tiefschlag für private Krankenversicherer

VonThomas Schmitt

Wissenschaftler stellen ein zentrales Werbeargument der privaten Krankenversicherung (PKV) in Frage: Die Versicherer würden in vielen Tarifen weniger leisten als die Krankenkassen. Die Branche wehrt sich.

Schwergewichtsboxer Axel Schulz ap

Schwergewichtsboxer Axel Schulz

DüsseldorfViele Tarife in der privaten Krankenversicherung (PKV) bieten nur einen schlechten Schutz bei Krankheit. Zu diesem Ergebnis kommen der Kieler Gesundheitsökonom Thomas Drabinksi und die Frankfurter Beratungsfirma Premiumcircle. Ihre Studie haben sie heute in Berlin vorgelegt.

Das Papier ist ein weiterer Tiefschlag für die PKV, die ohnehin unter starkem politischem Druck ist. Starke Prämienanstiege und übertriebene Provisionen haben die Branche ebenso in die Defensive gebracht wie Pläne für eine Bürgerversicherung. In der privaten Krankenversicherung sind rund neun Millionen Deutsche versichert, vor allem Beamte, Selbstständige und besser verdienende Angestellte. 70 Millionen Deutsche sind in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die von rund 150 Krankenkassen getragen wird.

So stark steigen die Prämien in der PKV

Bandbreite

Wie stark die Prämie in der privaten Krankenversicherung steigen, ist heftig umstritten. Die Angaben von Analysten, öffentlichen Stellen und der Branche schwanken zwischen drei und neun Prozent pro Jahr. Das jeweilige Ergebnis hängt dabei stark vom Betrachter und der Rechenmethode ab.

Quelle: AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“

Finanzministerium

Die Finanzaufsicht Bafin führt seit über einem Jahrzehnt eine Statistik über die Beitragsentwicklung der gut 40 privaten Krankenversicherer. Grundlage sind Angaben der Unternehmen. Bisher war diese Statistik unbekannt. Auf eine Anfrage der Linken im Bundestag ergab sich im April 2012: 5,2 Prozent Steigerung pro Jahr im Zeitraum 2000 bis 2010.

PKV-Verband

Die Branche ist mit Angaben über die Beitragsentwicklung sehr zurückhaltend. Gemeinhin beziehen sich die Manager auf Berechnungen von Analysten. In der PKV-Publik Ausgabe 03/2012 ist ein Wert von 3,3 Prozent pro Jahr genannt.

Map-Report

In der Branche stark beachtet wird der Map-Report. Dessen Berechnungen beruhen aber nur auf einem Teil der Branche, und zwar jenen Unternehmen, die an den Analysten Daten liefern. 5,3 Prozent pro Jahr berechnete der Map-Report für den Zeitraum 1997 bis 2008. Für den Zeitraum 1994 bis 2007 sind es 5,1 Prozent. Als Quelle dafür nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Morgen & Morgen

Die Analysten von Morgen & Morgen kommen auf 4,2 bis 5,0 Prozent pro Jahr. Die Basis für diese Berechnung sind einzelne Tarifsteigerungen gerechnet für alle Tarife im Zeitraum 1998 bis 2007. Als Quelle nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Krankenkassen

Die AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“ berechnet die Steigerung der Prämie je Versicherter zwischen 1997 und 2007 auf 4,1 Prozent. Dabei wurden neue Tarife,

Selbstbehalte, Leistungskatalogänderungen nicht berücksichtigt. Quelle dafür: PKV-Zahlenbericht sowie eigene Berechnungen der Studienschreiber

So stark steigen die Bestandsprämien

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report eine Beitragssteigerung von 4,1 - 7,5 Prozent pro Jahr. Quelle: IGES Gutachten

So viel mehr zahlen Neukunden

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report in den Neukundentarifen eine Beitragssteigerung von 6,1 bis 8,9 Prozent pro Jahr.

Quelle: IGES Gutachten

So entwickeln sich die günstigsten Tarife

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 2,5 bis 3,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So geht es in den teuersten Tarifen hoch

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 4,9 - 5,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So schnell verdoppeln sich die Prämien

GKV: alle 32 Jahre, Steigerungsrate 2,2 Prozent pro Jahr

PKV: alle 17 Jahre, Steigerungsrate 4,1 Prozent pro Jahr

Zum Vergleich das BIP: alle 29 Jahre, bei einer Steigerungsrate von 2,4 Prozent

Quelle: Prognose in der AOK-Faktensammlung

Der Studie zufolge sind die Privatversicherten mit "teils existentiellen Leistungsausschlüssen im Krankheitsfall" konfrontiert, wie der "Spiegel" berichtet. "Mehr als 80 Prozent der Tarifsysteme der PKV leisten weniger als die gesetzliche Krankenversicherung", sagt einer der Autoren, Premiumcircle-Chef Claus-Dieter Gorr, dem "Spiegel". Dieses Ergebnis der Studie hatte zuvor bereits der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn in einem Thesenpapier verwendet. Damit wird ein zentrales Werbeargument der Privaten in Frage gestellt.

Drabinski und Gorr haben in den PKV-Tarifen Angebote analysiert, die in der gesetzlichen Krankenversicherung fest verankert sind, wie etwa die häusliche Krankenpflege oder sogenannte "Hilfsmitteldeklarationen ohne Einschränkungen". Die Autoren wählten 85 Tarifbestandteile aus, die sich am Leistungskatalog der gesetzliche Krankenversicherung orientieren. In die Liste wurden zusätzlich auch Angebote wie privatärztliche Versorgung oder Brillen und Kontaktlinsen aufgenommen, die gesetzlich Versicherten nicht erstattet werden. Insgesamt 32 der 47 PKV-Unternehmen nahmen sie so unter die Lupe.

Wie komplex die PKV ist, zeigt dabei dies: Grundlage waren 208 Tarifsysteme mit insgesamt 1.567 Kombinationen. Die Untersuchung ergab, dass kein Produkt alle 85 Kriterien erfüllen konnte. Tarife seien nicht bedarfsgerecht für Endkunden entwickelt worden, sondern unter der Prämisse, wie sie bei Preisvergleichen abschneiden würden, heißt es in der Studie. Besonders problematisch sei, dass viele Versicherungen nur eingeschränkt Anschlussheilbehandlungen, Psychotherapien oder wichtige medizinische Hilfsmittel übernähmen.

Kommentare (13)

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PKVVersicherter

11.06.2012, 10:38 Uhr

Den Luxus kann sich (fast) keiner mehr leisten. Entweder einen einfachen Tarif -sog. Einsteigertarif- oder einen mit sehr hohen Selbstbeteilgiung 1000-1500 € p.a. kann ggf. monatlich noch finanziert werden.
Ältere Versicherte zahlen zwischenzeitlich 700 bis über 800 € mtl. für ihre Tarife. Also z.b. ein Ehepaar zwischen 1400 bis rund 1600 € monatlich.

Wer will, wer kann?
Alles andere ist bürokratisches Hickhack.

Meine Beträge haben sich (incl. Erhöhung der jährlichen Selbstbeteiligung-ohne Reduzierung der Leistung die noch dazugenommen wurde und nicht mit eingerechnet ist) in den letzten 10 Jahren um über 200 Prozent erhöht.

Wer rechnen kann, bitte.

Und das sind schön längst keine Ausnahmen mehr.

Das sind Fakten und kein bürokrtisches oder poltisches Herumgeeiere um die Beitragsenwicklung der PKV.

Hubert.Steiert

11.06.2012, 10:58 Uhr

Das stimmt leider.
ich bin von den Privaten total frustriert, weil die letzten Preisanstiege für ältere und vor allem treue Kunden mit einem Verlust an Kaufkraft einhergehen. Die letzte Erhöhung war besonders bei Central happig. Das schlimme, die Mogelpackungen. Da wird neben dem Beitrag noch der Selbstbehalt drastisch erhöht. Wenn ich dann das kleingeduckte lese, was alles ausgeschlossen ist, ist das eine totale Abzocke und Kundenunfreundlichkeit erster Klasse.
Mich würde interessieren wieviele Menschen nach der letzten Beitragserhöhung sich von den Kassen abmelden und nicht mehr krankenversichert sind.

Hubert Steiert

AntoineFavier

11.06.2012, 11:06 Uhr

Eltern behinderter Kinder wissen um dieses Problem schon lange. Nur kümmert es ja keinen. Der geschlossene Hilfsmittelkatalog ist an sich ein Skandal, schlim-mer noch, das Thema Hilfsmittelkatalog spielt gar keine Rolle.
Die Debatte in den entsprechenden Foren ist deutlich älter als diese Studie. Man hätte schobn früher darauf reagieren können.

http://www.rehakids.de/phpBB2/viewtopic.php?t=2517&highlight=geschlossener+hilfsmittelkatalog

Die Aussagen des des Verbandsdirektors der PKV, Volker Leienbach spiegeln dabei die Beratungspraxis der Vermittler eins zu eins wider. Man lenkt vom eingentlichen Skandal ab und verweist auf die Elemente, bei denen die PKV möglicherweise besser ist.

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