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19.11.2013

09:47 Uhr

Luxusgüter

Reiche versetzen ihren Klunker

Der Gang ins Pfandhaus muss kein Akt der Verzweiflung sein. Viele Superreiche geben ihre Diamanten, Gemälde oder Bentleys gerne eine Weile her, um schnell mal flüssig zu werden.

Nicht selten verpfändet Borro Diamanten und Rubinen. Viele der Kunden sind Unternehmer, Entertainer oder Sport-Stars, die ihren Lebensstil nicht aufgeben wollen. Sie sind es gewöhnt, dass es häufig zu Geldknappheit kommt. ap

Nicht selten verpfändet Borro Diamanten und Rubinen. Viele der Kunden sind Unternehmer, Entertainer oder Sport-Stars, die ihren Lebensstil nicht aufgeben wollen. Sie sind es gewöhnt, dass es häufig zu Geldknappheit kommt.

New YorkIm vergangenen Jahr war Marc Kaye knapp bei Kasse. Denn nicht nur waren die Gebühren für die Colleges seiner drei Kinder fällig, darunter die Eliteschulen Harvard und Columbia. Auch sein Versicherungsgeschäft warf nicht so viel ab, dass er alle seine Rechnungen hätte zahlen können. Doch Kaye hatte eine Idee: Ein Freund aus London hatte seine Uhr von Patek Philippe an ein Unternehmen namens Borro verpfändet, um eine vergleichbare Finanzlücke zu füllen.

Im Gegensatz zu traditionellen Pfandhäusern, die in den USA mit Waffen und Computern gefüllt sind, hat sich Borro auf Luxusgegenstände spezialisiert. Das Unternehmen ist der Pfandleiher für die Superreichen, das oberste Prozent, wie das Magazin Bloomberg Pursuits in seiner Weihnachtsausgabe für 2013 berichtet.

Der Kunstsammler hängte also seine Picasso-Radierung ‚Trois femmes nues près d'une fenêtre‘ von der Wand ab, stieg in den Zug und fuhr zum Büro von Borro in Manhattan. Am nächsten Tag hatte er 39.500 Dollar (rund 29.400 Euro) mehr auf seinem Konto und Borro verstaute seinen Picasso in einem Tresor.

Was man über Bentley wissen sollte

007, die Queen, und VW

Ian Flemming lies 007 in seinen frühen James Bond-Romanen einen gebrauchten Bentley steuern. Queen Elizabeth II wird heute noch in ihm chauffiert. Die Marke ist eine britische Ikone, hat aber eine äußerst wechselhafte Geschichte und eine Pleite hinter sich, seit sie 1919 gegründet wurde. 1931 vom Rivalen Rolls-Royce übernommen gehört sie seit 1998 zum Volkswagen-Konzern.

Win on Sunday, sell on Monday

1921 rollten die ersten Bentleys auf die Straße. Walter Owen Bentley, Autoverkäufer und Rennfahrer hatte das Unternehmen zwei Jahre zuvor in London gegründet. Er spezialisierte sich schnell auf die Optimierung von Fahrzeugen für Renneinsätze.

Seine Klientel in den 20er Jahren waren die so genannten "Bentley-Boys", junge Männer aus reichen Familien, die seine Leidenschaft teilten. Einer von ihnen, Woolf Barnato, stieg groß bei Bentley mit ins Geschäft ein und gewann mehrfach das äußerst prestigeträchtige Langstreckenrennen von Le Mans.

Pleite und Übernahme

War 1924 noch das erfolgreichste Bentley-Jahr, so brach der Markt für Renn-Chassis bis 1930 geradezu zusammen. Barnato und Bentley erkannten das zwar, und versuchten mit Rolls-Royce-ähnlicheren Modellen zu kompensieren, doch es blieb ein Zuschussgeschäft. Als Barnato 1930 finanziell nicht mehr konnte und wollte war Bentley zahlungsunfähig und überschuldet. Rolls-Royce übernahm die Firma 1931 für rund 105.000 Pfund.

Unter Rolls-Regie

Die erfolgreichere und größere Marke Rolls-Royce stellte Bentley aber nicht ein, sondern hielt mehr als 50 Jahre, von 1931 bis 1988, daran fest. Neben dem erfolgreichen Flugzeugmotorenbau vermarktete man einfach beide Marken, obwohl deren Modelle oft sehr ähnlich waren, und natürlich die gleichen Motoren einsetzten.

Erst in den 80 Jahren gewann Bentley wieder ein deutlicheres Profil. Mit Turbo-Technik und mehr betonter Sportlichkeit wurden jüngere Käufer wieder mit dem traditionellen Marken-Image angesprochen.

VW und BMW greifen sich ins Lenkrad

1998 wurde es turbulent. Der Vickers-Konzern verkaufte seine Tochter Rolls-Royce nach einem Bietergefecht zwischen BMW und Volkswagen an VW. BMW stellte dann die Motorenlieferung ein und kaufte vom Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls-Royce plc., der nicht verkauft worden war, die Marken- und Namensrechte an Rolls-Royce. VV hatte damit das Werk in Crewe und den Namen Bentley erworben, aber eben nicht die Namensrechte an Rolls-Royce.
Später einigten sich der damalige VW-Chef Piëch und der damalige BMW-Chef Pischetsrieder, dass VW bis 2003 unter der Lizenz BMW-Motoren in Rolls-Royce-Modelle bauen durfte und BMW mit dem Markennamen eine völlig neue Fertigung in Goodwood aufbauen werde.
Im Zuge des Übergangs der Markenrechte an Rolls-Royce an den BMW-Konzern wurde das Unternehmen Rolls-Royce Motors offiziell in Bentley Motors Limited umbenannt.

Rennerfolge und neue Modelle

2001 erinnerte sich Bentley seiner Wurzeln und nahm nach 70 Jahren erstmals wieder am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teil, mit dem EXP Speed 8. Für den Wiedereinstieg griff man aufs Know-how der Konzernschwester Audi zurück. 2003 gewann das Sport Team Joest auf dem Bentley Speed 8 mit einem Doppelsieg zum sechsten Mal in Le Mans.

Aktuell bietet Bentley die beiden großen Limousinen Mulsanne und Continental Flying Spur in je zwei Varianten an, das sportliche Coupé Continental GT gibts in sieben Varianten, darunter zwei Cabrios.
Mit dem Flying Spur und dem Continental GT Speed (mit 330 km/h) liefert Bentley wieder, wie schon in den 1950er Jahren, die schnellsten in Serie gefertigten Limousinen bzw. viersitzigen Coupés.

Something old, something new

Und alte Bentleys stehen bei Sammlern immer noch sehr hoch im Kurs. So bezahlte im Rahmen der Bonhams-Versteigerung anlässlich des "Goodwood Festival of Speed" 2012 ein anonymer Kunde umgerechnet 5,6 Millionen Euro für den 4,5-Liter Blower des Rennfahrers Tim Birkin von 1932. Kein englisches Auto erzielte zuvor einen so hohen Preis.

Und Bentley stellte beim Autosalon in Paris 2012 einen neuen GT3 für zukünftige Renneinsätze wie die FIA-Langstrecken-WM vor. Die Geschichte der Bentley Boys geht also weiter ...

„Innerhalb von sechs Monaten habe ich das Geld zurückgezahlt und habe meinen Picasso jetzt wieder bei mir”, sagt der 61-Jährige im Telefoninterview mit Bloomberg. „Wer ein eigenes Geschäft führt, dem gehen häufig die Barmittel aus.”

Gegründet wurde Borro mit Sitz in London von dem Technologie-Unternehmer Paul Aitken, als er 2007 den Sturm auf die Einlagen bei der britischen Großbank Northern Rock sah. Bis dahin sammelten die Wohlhabenden der Welt Bentleys, rosa Diamanten und haufenweise edle Uhren – bezahlt wurde häufig mit leicht erhältlichen Krediten.

Aitken vermutete, dass schon bald viele der Luxusgüter wieder zu Geld gemacht werden müssten. Sein Timing war perfekt. Er eröffnete Borro im August 2008, einen Monat vor der Pleite von Lehman Brothers. Die Weltmärkte gerieten ins Schlingern, Tausende aus der Finanzbranche stoppten ihre BMW-Käufe und wurden sparsamer. Im Januar 2012 expandierte Aitken in die USA.

Kommentare (4)

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ZockereifuerTraeumer

19.11.2013, 10:34 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Privatier

19.11.2013, 12:31 Uhr

Was für ein Schwachsinn. Wenn ein "Superriecher" das fällige Schulgeld nicht aus der Portokasse zahlen kann, ist er ein armes Schwein!
Reich ist, wer niemals einen Kredit braucht! Die Betonung liegt dabei auf braucht!
Viele, die als reich angesehen werden haben nichts, da gehört alles der Bank.

Account gelöscht!

19.11.2013, 12:35 Uhr

Seltsame Lebenseinstellung und ein gehöriger Selbstbetrug.
Also entweder ich bin wohlhabend, verfüge über ausreichend Liquidität und kann mir meinen Wohlstand leisten. Oder aber ich finanziere meinen Luxus mit Hilfe von Krediten, lebe demzufolge über meine Verhältnisse und bin eigentlich ein Habenichts und Blender, denn meine Besitztümer gehören bis zur endgültigen Ablösung des Kredits dem Geldgeber, meistens also der Bank.
Wenn ich jedoch meine Besitztümer zur Pfandleihe gebe, um liquide zu sein, ist das ein Deal. Hier muss man dann abwägen, ob nicht die Aufnahme eines Kredits günstiger wäre. Aber was sagt uns dieser Artikel nun eigentlich?

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