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13.02.2015

07:52 Uhr

Milliarden für Pensionen

Betriebsrente in Zeiten der Niedrigzinsen

Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Betriebsrente bieten, müssen dafür Geld beiseite legen. Die niedrigen Zinsen zwingen Konzerne Milliardensummen nachzuschießen. Das greift das Eigenkapital an.

Die Rückstellungen für die Betriebsrenten deutscher Unternehmen fallen deutlich höher aus – wegen niedriger Zinsen. dpa

Eine ältere Frau zählt ihr Geld

Die Rückstellungen für die Betriebsrenten deutscher Unternehmen fallen deutlich höher aus – wegen niedriger Zinsen.

München/Stuttgart„Denn eins ist sicher: Die Rente!“ Kaum eine Aussage wird so oft zitiert wie die über die gesetzliche Rentenversicherung von Norbert Blüm aus dem Jahr 1986. Doch wie sicher sind eigentlich Betriebsrenten? Viele Firmen haben schon vor Jahren angefangen, Geld für ihre Mitarbeiter zurückzulegen. Doch angesichts niedriger Zinsen müssen sie inzwischen kräftig nachlegen, um ihre Zusagen für die Zukunft auch zu erfüllen.

Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, ihren Mitarbeitern eine Entgeltumwandlung für die Altersvorsorge anzubieten. Wählen sie die Form einer Betriebsrente, müssen sie Geld in der Bilanz beiseitelegen - sogenannte Rückstellungen bilden. Vor allem bei großen Konzernen mit einer langen Historie sind das beachtliche Summen: Bei Siemens beliefen sich die Pensionsrückstellungen im Jahr 2014 auf 11,1 Milliarden Euro - gut 700 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor.

Der richtige Schutz gegen die Versorgungslücke im Ruhestand

Die Zahlen

Im Ruhestand müssen viele Frauen ihre Ansprüche deutlich zurückschrauben. Lag die Durchschnittsrente für Männer 2011 im Westen bei 987 Euro und im Osten bei 1.058 Euro, betrug sie für Frauen aus Westdeutschland im Schnitt nur 495 Euro und für ostdeutsche Frauen 711 Euro. Auf die Versorgung durch den Partner im Alter sollten Frauen sich – auch wegen der hohen Scheidungsraten – nicht verlassen. Neben der gesetzlichen Rentenversicherung gibt es weitere Möglichkeiten, für das Alter vorzusorgen.

Warum bekommen Frauen so viel weniger Rente?

Je länger und je mehr ein Versicherter Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, desto höher fällt die Rente aus. Da Frauen immer noch rund 22 Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen verdienen, zahlen Frauen auch deutlich weniger in die Rentenkasse. Außerdem erreichen Frauen im Schnitt 15 Versicherungsjahre weniger als Männer.

Hauptgrund dafür sind Jobpausen wegen Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen. Auch längere Teilzeittätigkeit mindert den Rentenanspruch. Hinzu kommt, dass das Rentenniveau wegen der Bevölkerungsentwicklung weiter sinken wird.

Wie werden Kindererziehungszeiten berücksichtigt?

Mit den sogenannten Kindererziehungszeiten soll der Verdienstausfall in den ersten Lebensjahren eines Kindes bei der Rente ausgeglichen werden. Für alle Kinder, die ab 1992 geboren wurden, werden der Mutter – auf Antrag auch dem Vater – drei Jahre Beitragszeiten auf Grundlage des Durchschnittseinkommens gutgeschrieben. Zwei Kinder ergeben dann eine Rente von etwa 660 Euro im Jahr. Für vor 1992 geborene Kinder gibt es nur ein Jahr Beitragszeit. Auch wer sich um pflegebedürftige Angehörige kümmert, kann sich dies auf dem Rentenkonto gutschreiben lassen.

Können Frauen mit Minijobs ausreichend fürs Alter vorsorgen?

"Auf Dauer Minijob und Rente – das verträgt sich nicht gut. Dafür ist das Rentensystem nicht gemacht", warnt ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung. Bei einem Monatsverdienst von 450 Euro steigt die monatliche Rente mit jedem Jahr in einem Minijob um lächerliche 4,45 Euro. Allerdings können Frauen, die kein oder nur ein Kind bekommen haben, mit einem Minijob die Mindestversicherungszeit von fünf Jahren erreichen.

Was hat sich bei Minijobs geändert?

Zwar sind Minijobber seit diesem Jahr in der gesetzlichen Rentenversicherung versicherungspflichtig, sie können sich aber von der Versicherungspflicht und dem damit verbundenen Eigenbeitrag befreien lassen. Dann zahlt der Arbeitgeber nur noch seinen Pauschalbeitrag zur Rentenversicherung. Die Rentenversicherung rät aber, sich über die Folgen zu informieren. So könne eine Befreiung von der Versicherungspflicht dazu führen, dass eine schon erworbene Absicherung im Invaliditätsfall oder die Förderung der Riester-Rente wieder wegfällt.

Sollten Minijobber riestern?

Die Deutsche Rentenversicherung rät Minijobberinnen, auf jeden Fall die Riesterförderung in Anspruch zu nehmen. Mit einem Eigenbeitrag von 60 Euro im Jahr könnten sie sich die recht umfangreichen staatlichen Zulagen sichern. Die volle Grundzulage beträgt 154 Euro und für Kinder 185 Euro pro Jahr. Für Kinder, die ab 2008 geboren wurden, fließen sogar 300 Euro pro Jahr.

Wie können Frauen zusätzlich vorsorgen?

Mit einer zusätzlichen Altersvorsorge sollten Frauen grundsätzlich so früh wie möglich anfangen. Ein Vertrag über vermögenswirksame Leistungen kann schon mit dem Ausbildungsvertrag abgeschlossen werden. Entscheidend für die persönliche Vorsorgestrategie ist, wieviel Zeit noch für das Ansparen bis zum Rentenalter bleibt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband verweist auf die Faustformel: Je kürzer der Anlagezeitraum, desto sicherer sollten die gewählten Produkte sein. Wer noch 30 Jahre bis zum voraussichtlichen Rentenbeginn vor sich habe, könne auch auf risikoreichere Angebote mit höheren Ertragschancen wie Aktienfonds zurückgreifen.

Was tun, wenn die Rente jetzt schon nicht reicht?

Für Menschen über 65 Jahren gibt es die Grundsicherung vom Staat. Sie muss persönlich beim Grundsicherungsamt beantragt werden und wird nach dem persönlichen Bedarf berechnet.

Grund für den Zuwachs ist unter anderem das niedrige Zinsniveau. „Um die Rückstellungen zu berechnen, prognostiziert das Unternehmen, welche Leistung in Zukunft fließt“, sagt Karl Wirth vom Wirtschaftsprüfer Ernst & Young. Je weiter der Zinssatz sinkt, desto höher muss die Rückstellung ausfallen. „In der Vergangenheit mit vier bis sechs Prozent Zinsen hatten die Firmen deutlich niedrigere Verpflichtungen.“ Die höheren Rückstellungen wirken sich nicht unbedingt auf den Gewinn aus. Sie binden aber Mittel und engen den finanziellen Spielraum der Firmen ein. „Auf jeden Fall greifen sie das Eigenkapital an“, erklärt Wirth.

Viele Firmen hätten deshalb als zusätzliche Absicherung Vermögen aufgebaut - sogenannte Planvermögen - um laufende Verpflichtungen zu finanzieren, erklärt Wirth. Bei Siemens steckten im abgelaufenen Geschäftsjahr 26 Milliarden Euro in Aktien, Anleihen und anderen Anlagen, um die Zahlungen abzusichern. Bei Daimler belief sich das Planvermögen Ende 2013 auf 14,7 Milliarden Euro. Der Autokonzern zahlte im vergangenen Jahr 2014 außer der Reihe 2,5 Milliarden Euro in sein Pensionsvermögen ein, um Ansprüche abzusichern. Seit Anfang 2010 hat Daimler damit mehr als 7,4 Milliarden Euro extra eingezahlt.

Wo das Geld der Deutschen liegt

Geldvermögen gesamt

2010: 4.645,4 Milliarden Euro

2011: 4.710,2 Milliarden Euro

2012: 4.939,0 Milliarden Euro

Quelle: Deutsche Bundesbank, 03.05.2013

Bargeld und Sichteinlagen

2010: 914,1 Milliarden Euro

2011: 953,3 Milliarden Euro

2012: 1.056,9 Milliarden Euro

Termingelder

2010: 262,6 Milliarden Euro

2011: 280,5 Milliarden Euro

2012: 274,4 Milliarden Euro

Spareinlagen

2010: 609,1 Milliarden Euro

2011: 608,2 Milliarden Euro

2012: 608,0 Milliarden Euro

Sparbriefe

2010: 75,0 Milliarden Euro

2011: 85,4 Milliarden Euro

2012: 75,5 Milliarden Euro

Festverzinsliche Wertpapiere

2010: 254,1 Milliarden Euro

2011: 247,1 Milliarden Euro

2012: 238,2 Milliarden Euro

Aktien

2010: 243,5 Milliarden Euro

2011: 221,5 Milliarden Euro

2012: 259,1 Milliarden Euro

Sonstige Beteiligungen

2010: 179,1 Milliarden Euro

2011: 185,2 Milliarden Euro

2012: 193,4 Milliarden Euro

Investmentzertifikate

2010: 435,4 Milliarden Euro

2011: 394,9 Milliarden Euro

2012: 420,1 Milliarden Euro

Ansprüche gegenüber Versicherungen

2010: 1.358,1 Milliarden Euro

2011: 1.400,2 Milliarden Euro

2012: 1.468,9 Milliarden Euro

Ansprüche aus Pensionsrückstellungen

2010: 284,3 Milliarden Euro

2011: 295,4 Milliarden Euro

2012: 306,6 Milliarden Euro

Sonstige Forderungen

2010: 39,0 Milliarden Euro

2011: 38,4 Milliarden Euro

2012: 37,9 Milliarden Euro

Die Pensionsvermögen aller Dax-Konzerne im Jahr 2014 schätzt die Unternehmensberatung Mercer auf eine Summe von 214 Milliarden Euro - dem stehen Pensionsverpflichtungen von 373 Milliarden Euro gegenüber. Grund zur Sorge ist die Differenz allerdings nicht, sagt Mercer-Chefaktuar Thomas Hagemann. Im Gegenteil: „Dass überhaupt ein Planvermögen angelegt wird, ist eine unternehmerische Entscheidung“, erklärt er. Es sagt nichts darüber aus, ob ein Unternehmen nicht auch aus laufenden Mitteln in der Lage wäre, seine Betriebsrenten zu zahlen.

Fällt das Unternehmen im Falle einer Insolvenz tatsächlich aus, springt der Pensions-Sicherungs-Verein ein, erklärt Bernd Hackenbroich von der Wirtschaftsprüfung PricewaterhouseCoopers (Pwc). Er wurde gegründet, um die betriebliche Altersversorgung im Falle einer Insolvenz abzusichern. „Über den Pensions-Sicherungs-Verein sind Renten in einer Höhe von bis zu 8000 Euro monatlich abgesichert“, erklärt Ernst & Young-Experte Wirth. Auch das zusätzlich gebildete Plan- oder Deckungsvermögen wäre dem Zugriff des Insolvenzverwalters entzogen.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Frau Ellis Müller

13.02.2015, 10:56 Uhr

Wie sagte doch Frau Merkel dereinst so schön: Reaktion auf EZB-Studie: Merkel rechnet Deutsche reich. Deutsche haben weniger Vermögen als Bürger in Schuldenstaaten wie Spanien oder Griechenland - das besagt eine Studie der Europäischen Zentralbank. Jetzt widerspricht Kanzlerin Merkel: Diese Darstellung sei "verzerrt" (...) Die Deutschen sind nach Ansicht Merkels reicher als die EZB vermutet. So nutzten in den südlichen Euro-Staaten viel mehr Menschen Häuser und Wohnungen als Altersvorsorge. "In Deutschland dagegen gibt es starke gesetzliche und betriebliche Rentensysteme. Die hohen Rentenansprüche der Deutschen aber sind in dieser Vermögensstatistik nicht enthalten,...http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/merkel-ueber-ezb-studie-die-deutschen-sind-reicher-als-vermutet-a-895300.html Ich hoffee sie erinnert sich an ihre Behauptungen, wenn die Firmen bei ihr anklopfen und Änderungen wollen , wie die Lebensversicher. Denn auch dies wird kommen, dann schrumpft das "Vermögen" der Deustchen gen Null..

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