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05.04.2012

10:27 Uhr

Minirendite und teure Kredite

Die miesesten Zinsen der Republik

VonJens Hagen, Jessica Schwarzer

Das Zinstief beutelt die deutschen Sparer. Einige Banken nutzen die Situation aus und bieten ihren Kunden nur Zinsen nahe null Prozent. Wer bei den Sparzinsen knausert und bei den Krediten ungeniert zulangt.

Niedrige Habenzinsen, hohe Sollzinsen: Viele Deutsche verschenken Geld. Michael S. Schwarzer

Niedrige Habenzinsen, hohe Sollzinsen: Viele Deutsche verschenken Geld.

Düsseldorf14 Prozent für den Dispokredit, aber nur 0,2 Prozent für das Tagesgeld – wie passt das zusammen? Und wieso lassen Kunden sich das bieten? Anleger reiben sich beim Blick auf die Zinstableaus verdutzt die Augen: Der Markt für Sparkonten und Kredite bietet aktuell ein kurioses Bild. Auf der einen Seite klagen die Institute über das Zinstief, einige bieten ihren Kunden Tagesgeldkonten zu einem Satz knapp über Null an. Auf der anderen Seite schlagen sie bei den Kreditzinsen richtig zu.

Verbraucherschützer monieren, dass die Diskrepanz zwischen Soll- und Habenzinsen immens sei. Manche Banken würden davon sehr gut leben. „Aber leider sind die Deutschen etwas lethargisch, wenn es um ihre Bankverbindung geht“, sagt Thomas Mai, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. „Und so lassen sie sich dann mit Mini-Guthabenzinsen weit unter Marktdurchschnitt abspeisen und zahlen gleichzeitig viel zu viel für ihren Dispo.“

Der Vorwurf von Marktbeobachtern wiegt schwer. „Einige Banken nehmen das Zinstief nur als Vorwand, um lausige Sparkonditionen zu bieten“, sagt Max Herbst, Inhaber der FMH Finanzberatung. Nur so lässt sich erklären, dass Sparbuchkunden bei der einen Bank nur ein Zehntel dessen ergattern, was andere Institute an Zinsen zahlen. Oder beim Ratenkredit den dreifachen Satz wie in der Regionalbank an der Ecke akzeptieren.

Interview: „Bankkunden sind gutmütig“

Interview

„Bankkunden sind gutmütig“

Warum wechseln so wenig Kunden trotz schlechter Konditionen die Hausbank? Marktforscher Hans-Joachim Karopka erklärt, warum sich Banker so viel herausnehmen können und wann bei den Kunden die Schmerzgrenze erreicht ist.

Handelsblatt Online nimmt die erstaunlichen Unterschiede auf dem Zinsmarkt zum Anlass, einmal besonders schlechte Konditionen zu analysieren - und zeigt die Top-Angebote. Auf den folgenden Seiten finden Sie Zinsangebote für Tages- und Festgeld, Sparbücher sowie Raten- und Dispokredite, von denen Sie lieber die Finger lassen sollten. Dabei übernimmt die Redaktion trotz umfangreicher Recherche keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es kann durchaus sein, dass eine der mehr als 2.000 Banken in Deutschland noch schlechtere Konditionen bietet.

Um Ausreden sind die Institute übrigens nicht verlegen. „Wir vergleichen unsere Konditionen regelmäßig mit dem Referenzzinssatz und legen in Verbindung mit eines Margenanspruchs unseres Hauses die Kundenkondition fest“, heißt es bei der Volksbank Leipzig auf Nachfrage, warum das Institut für Tagesgeld aktuell nur 0,2 Prozent zahlt. Der Drei-Monats-Euribor notiert aktuell bei 0,75 Prozent. Noch Ende vergangenen Jahres lag der Satz bei 1,5 Prozent. Andere Banker reagieren schmallippig: „Wollen wir überhaupt so deutlich auf die Fragen (wegen überwiegend negativer Berichterstattung) antworten“, fragt ein Mitarbeiter der Sparkasse Aachen in einer internen E-Mail, die die Banker auch an die Redaktion weitergeleitet hatten. Handelsblatt Online wollte wissen, warum das Institut fürs Sparbuch nur 0,25 Prozent anbietet und nach welcher Vorgabe die Bank ihre Sätze anpasst.

Was Zinsprodukte taugen

Tagesgeld

Kunden können ihr Geld tagesaktuell auf den Konten anlegen und wieder abbuchen. Einige Banken nutzen Tagesgeldkonten als Marketinginstrument und locken mit Zinsen weit über dem Geldmarktniveau. Solche Lockvogelangebote haben oftmals nur kurze Zeit Bestand. Kunden mit Renditeneigung wechseln dann zu einer Top-Offerte bei einer anderen Bank. Wichtig ist die Prüfung der Einlagensicherung, bei den Banken gibt es große Unterschiede. Neben der staatlichen Einlagensicherung sind viele Banken Mitglied in Sicherungssystemen der verschiedenen Bankengruppen.

Festgeld

Kunden legen zu einem fest vereinbarten Zinssatz für einen bestimmten Zeitraum an. Bei einigen Instituten können sich Kunden den Zinssatz schon für wenige Monate sichern, üblich ist die Anlage für mehrere Jahre. Da die meisten Banken aktuell mit steigenden Zinsen rechnen, steigen die Sätze meist mit der Länge der Laufzeit. Anleger sollten immer reine Zinskonten wählen und so genannte Sternchenangebote meiden. Diese bestehen häufig aus komplizierten Produktkombinationen. Vor dem Abschluss ist ein Blick auf die Einlagensicherung Pflicht.

Sparbuch

Sparkonten zählen immer noch zu den Lieblingsprodukten der Deutschen – auch wenn die Zinsen bei einigen Instituten empörend niedrig sind. Einige Institute entdecken das Sparbuch aber gerade neu und werben mit Zinsen weit über Marktschnitt. Das Sparbuch ist flexibler als Festgeld, da Kunden in der Regel täglich abheben können. Im Vergleich zum Tagesgeld sind viele Sparbücher weniger flexibel, weil es Obergrenzen bei der Summe gibt, die Kunden abbuchen können. Wer das Geld benötigt, wird mit Kündigungsfristen oder Vorschusszinsen bestraft. Vor dem Abschluss ist ein Blick auf die Einlagensicherung Pflicht.

Girokonto

Im Ringen um die Privatkunden zahlen einige Direktbanken Zinsen für die Einlagen auf dem Girokonto. Eine Kontoführungsgebühr fällt in der Regel nicht an, wenn Kunden bestimmte Einkommensgrenzen einhalten. Interessenten sollten immer alle Konditionen vergleichen, etwa ob hohe Gebühren für beleghafte Überweisungen anfallen oder ob sie an genügend Geldautomaten gratis mit der EC-Karte Geld ziehen können.

Sparbrief

Anleger legen einen festen Betrag für einen längeren Zeitraum zu einem festen Zinssatz an. Die Laufzeiten variieren zwischen einem und zehn Jahren, üblich sind zwei bis sechs Jahre. Ein früherer Ausstieg ist in der Regel nicht möglich. Anleger können bei der Verzinsung zwischen drei Varianten wählen. Bei der jährlichen Ausschüttung landen die Erträge jedes Jahr auf dem Girokonto des Kunden. Das kann einen Vorteil bei der Abgeltungssteuer bringen. Wer eine Variante mit Zinsansammlung wählt, kann eine höhere Rendite erzielen. Die Erträge werden angelegt und der Kunde profitiert vom Zinseszinseffekt. Nachteil: Bei der Auszahlung dürften die Erträge in den meisten Fällen den Sparerfreibetrag überschreiten. Kunden sollten also immer die Nachsteuerrendite zum Vergleich beider Varianten heranziehen. Wichtig ist die Prüfung der Einlagensicherung, bei den Banken gibt es große Unterschiede. Neben der staatlichen Einlagensicherung sind viele Banken Mitglied in Sicherungssystemen der verschiedenen Bankengruppen.

Bonussparen

Bei Ratensparverträgen zahlen Kunden einen festen monatlichen Betrag über eine Laufzeit von meist mehreren Jahren ein. Neben den Zinsen zahlen viele Banken einen Zinsbonus, der an bestimmte Zeitmarken gekoppelt ist. Wegen der langen Laufzeit ist der Grundzins häufig variabel. Banken müssen den Zins an entsprechende Referenzsätze anpassen. Interessenten müssen die Gesamtrendite nach Steuern vergleichen, um die Qualität eines Produktes einschätzen zu können. Da sich Kunden lange binden, sollten sie immer die Konditionen für einen vorzeitigen Ausstieg checken. Unfaire Verträge verzinsen die Einlagen bei einem vorzeitigen Ausstieg nur mit Sparbuchniveau.

Bausparvertrag

Viele Bausparkassen bieten spezielle Renditeverträge an und sind deshalb nicht nur für Immobilienkäufer sondern auch für Sparer interessant. In der Ansparphase locken sie mit ordentlicher Verzinsung. Die Raten lassen sich vielfach monatlich verändern, auch Einmalbeträge sind möglich. Am Ende einer bestimmten Laufzeit lockt häufig ein Zinsbonus. Arbeitnehmer mit geringem zu versteuertem Einkommen (Ledige: bis zu 17.900 Euro pro Jahr, Verheiratete: 35.800 Euro pro Jahr) erhalten Arbeitnehmersparzulage. Der Staat zahlt auf jährliche Einzahlungen in Höhe von bis zu 480 Euro neun Prozent Zulage. Anleger müssen dann mindestens sieben Jahre sparen und dürfen den Vertrag nicht auflösen, bevor er Zuteilungsreif ist. Wichtig: Für Kreditnehmer sind solche Rendite-Bausparverträge in der Regel nicht lukrativ.

„Die Zahl der voll emanzipierten Kunden, die immer die beste Kondition ergattert dürfte im einstelligen Prozentbereich liegen“, erklärt Hans-Joachim Karopka, Geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold im Interview. Bankkunden seien gutmütig und zögen nicht gleich Konsequenzen, wenn sie nicht das beste Angebot ergattern könnten. Angesichts der immensen Unterschiede bei den Konditionen sollten sich viele Kunden trotz aller Verbundenheit mit der Hausbank vielleicht doch nach Alternativen umsehen. „Eine Bank, die sehr gute Sparbriefkonditionen hat, muss nicht zwangsläufig auch günstige Dispo-Zinsen anbieten“, sagt Verbraucherschützer Mai. „Im Gegenteil – bei vielen Instituten gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Produkten.“ Eine Sparte sei günstig, eine andere teuer.

Kommentare (37)

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Micha

05.04.2012, 10:44 Uhr

Ich habe selten eine so einseitige Berichterstattung gelesen. Zu einer vollumfänglichen Analyse gehört, dass man auch einmal die Frage stellt, warum einige Institute ihren Kunden derzeit Konditionen über dem Marktniveau bieten? - Antwort: Die brauchen das Geld! Am Kapitalmarkt wäre es zudem noch teurer, weil dort ordentliche Risikoprämien gezahlt werden müssen dafür, dass ein Investor Geld verleiht.

Das ist ruinierender Wettbewerb auf Kosten der Steuerzahler, diese Banken müssen als nächstes gerettet werden, weil sie nicht nachhaltig Kundeneinlagen über dem Marktniveau halten und Kredit zu Dumpingkonditionen herausgeben können. Und warum gerade der Dispozins hier als Vergleichsmaßstab genutzt wird, ist mir schleierhaft. Ein Vergleich von Baufinanzierungskonditionen gibt ein viel realistischeres Bild der Lage ab. Hier läuft nämlich momentan das Spiel in umgekehrter Richtung, immer niedrigere Zinsen. Das eine Sparkasse oder Volksbank da nicht mit den scheinbar Großen am Markt mitzieht, liegt daran, dass das Geschäftsmodell nicht auf die Erzielung temporärer Verluste in der Hoffnung auf künftige Gewinne oder aber die Rettung durch den Staat ausgelegt ist.

Bitte mal nachdenken! Ich persönlich schaffe mein Geld nicht zu den Banken, über denen schön mehrfach der Pleitegeier gekreist hat ... irgendwann geht dort nämlich wirklich mal das Licht aus und keiner kann wirklich sagen, was mit den Einlagensicherungsfonds wird, wenn alle gleichzeitig Probleme haben!

Account gelöscht!

05.04.2012, 10:48 Uhr

Liebes HB, dieser Artikel ist erbärmlich. Sie selbst berichten täglich vom billigen Geld der EZB. Warum also sollte eine Bank mehr als 1,00% Zinsen zahlen, wenn sie bei der EZB jeden Betrag abfordern kann?
Glauben Sie zudem tatsächlich, dass der Einlagensicherungsfonds im Falle mehrerer Bankenpleiten in der Lage ist, die Kundengelder zu erstatten???
Der Herr von der VoBa Leipzig gibt die aktuelle Realität korrekt wieder.
Wenn Sie Ihre Leser tatsächlich zu staatlich gestützten, steuergeldverbrennenden Instituten schicken wollen, dann handeln Sie grob fahrlässig.
Aber Sie haben ja seinerzeit auch dringend zum Kauf von griechischen Staatsanleihen geraten.....

Account gelöscht!

05.04.2012, 10:49 Uhr

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