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22.10.2014

04:57 Uhr

Nach Reform

Moody's sieht Lebensversicherer unter Druck

Auf kurze Sicht wird sich die Reform der Lebensversicherung in Deutschland auf die Gewinne der Branche auswirken. Das stellt eine Studie der Ratingagentur Moody's heraus. Auch die Senkung des Garantiezins habe Folgen.

Provisionen für Vermittler dürfen deutsche Lebensversicherer nach der Reform nicht mehr ohne Weiteres in ihre Bilanzen einfließen lassen. dpa

Provisionen für Vermittler dürfen deutsche Lebensversicherer nach der Reform nicht mehr ohne Weiteres in ihre Bilanzen einfließen lassen.

FrankfurtDie Reform der Lebensversicherung wird die Gewinne der großen Unternehmen in der Branche nach Auffassung der Ratingagentur Moody's auf kurze Sicht schmälern.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Reform langfristig positiv auf die deutschen Lebensversicherer auswirken wird", sagte Moody's-Kreditanalyst Benjamin Serra am Mittwoch bei der Vorstellung einer Studie zu den Aussichten der Branche. "Anfänglich werden Umsätze und Gewinne jedoch zurückgehen." Vom kommenden Jahr an erwarten die Experten einen Einbruch des Neugeschäfts.

Am meisten litten zunächst jene Lebensversicherer, die die höchsten Abschlusskosten zu tragen hätten, erklärte Moody's in der Studie. Darunter fallen unter anderem die Provisionen für die Vermittler. Die Bundesregierung hatte die Möglichkeiten für die Lebensversicherer beschnitten, diese in der Bilanz zu berücksichtigen.

Als Leidtragende sieht Moody's vor allem die Zurich Deutscher Herold Leben, Axa Leben und Ergo Leben. Ihnen bleibe nur eine Senkung der Provisionen, was sich die Politik von der Reform erhofft hatte, oder eine Verteilung auf mehrere Jahre - doch das gefährde ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Die gleichzeitig beschlossene Senkung des Garantiezinses auf 1,25 von 1,75 Prozent werde vom nächsten Jahr an den Verkauf traditioneller Leben-Policen mit lebenslangen Garantien bremsen, befürchtet Moody's. Zugleich werde der Verkauf alternativer oder fondsgebundener Produkte beflügelt, wovon vor allem Zurich und AachenMünchener profitierten, die in diesem Bereich traditionell stark seien.

Auch Marktführer Allianz Leben und Ergo hatten zuletzt Produkte ohne die klassischen Garantien auf den Markt gebracht. "Die Zuwächse in diesem Segment dürften die Einbußen bei den klassischen Produkten wahrscheinlich jedoch nicht kompensieren", heißt es in der Studie.

Bei einem geringeren Neugeschäft werde es länger dauern, bis sich der gesenkte Garantiezins nachhaltig positiv auf die langfristigen Verpflichtungen der Lebensversicherer auswirke. Je nach der Größe des Bestandes könne es bei einzelnen Versicherern bis zu 17 Jahre dauern, bis die Höhe der Garantie-Versprechen im Schnitt auf 3,0 von derzeit 3,2 Prozent sinke. In den 1990er Jahren hatten die Versicherer ihren Kunden bis zu vier Prozent Rendite auf die Policen fest zugesagt.

Die Lebensversicherungsreform im Überblick

Sinn und Zweck

Die Lebensversicherer leiden unter den niedrigen Zinsen. Die Politik greift der Branche unter die Arme – auch, um langfristige Ansprüche aller Versicherungsnehmer zu sichern. Das geht allerdings zulasten von Kunden. Änderungen gibt es auch für Verbraucher, die erst noch eine Lebensversicherung abschließen. Dies sind die wichtigsten Änderungen:

Bewertungsreserven

Die Ausschüttung von Bewertungsreserven an die ausscheidenden Versicherten wird begrenzt, soweit dies zur Sicherung der den Bestandskunden zugesagten Garantien erforderlich ist. Die stillen Reserven speisen sich aus Kursgewinnen etwa von Wertpapieren, aber auch von Immobilien. Bislang mussten Versicherer Kunden zur Hälfte daran beteiligen.

Risikoüberschüssen

Im Gegenzug müssen Versicherer Kunden künftig mit 90 Prozent statt bislang 75 Prozent an den Risikoüberschüssen beteiligen. Risikoüberschüsse sind Einnahmen, die den Anbietern verbleiben, weil sie zu vorsichtig kalkuliert haben – zum Beispiel, wenn weniger Menschen sterben und die Rentenzahlungen kürzer ausfallen als gedacht.

Garantiezins

Der Höchstrechnungszins bei Neuverträgen sinkt ab 1.1.2015 von 1,75 auf 1,25 ab. Umgangssprachlich nennt sich der Satz auch „Garantiezins“, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital meist eine Mindestverzinsung in gleicher Höhe garantieren.

Dividenden

Versicherer können künftig die Ausschüttung von Dividenden an ihre Aktionäre stoppen (und stattdessen Gewinne thesaurieren), solange die Erfüllbarkeit der Garantiezusagen gefährdet ist

Abschlusskosten

Die Kostentransparenz der Versicherungsprodukte wird erhöht. Insbesondere wird der sogenannte Höchstzillmersatz für die bilanzielle Anrechnung von Abschlusskosten gesenkt. Vereinfacht gesagt führt dies dazu, dass Versicherer Kosten ab sofort gerechter über die gesamte Dauer der Police verteilt ansetzen müssen, so dass für den Kunden eine frühe Stornierung nicht mehr ganz so teuer kommt.

Die gekürzte Beteiligung der Versicherten an Buchgewinnen auf festverzinsliche Wertpapiere kommt laut Moody's vor allem finanzschwachen Lebensversicherern zugute. Unter den großen, von Moody's bewerteten Unternehmen profitierten vor allem solche mit hohen Kündigungszahlen.

Besonders bei Generali und bei Zurich Deutscher Herold hätten die Stornoquoten 2013 mit rund zehn Prozent über dem Durchschnitt gelegen. "Diese Erleichterung wird jedoch nicht ausreichen, um die Wogen zu glätten, von denen die gesamte Branche anfangs erfasst sein wird", erklärte Serra.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

24.10.2014, 13:00 Uhr

"Die gekürzte Beteiligung der Versicherten an Buchgewinnen auf festverzinsliche Wertpapiere kommt laut Moody's vor allem finanzschwachen Lebensversicherern zugute.

Unter den großen, von Moody's bewerteten Unternehmen profitierten vor allem solche mit hohen Kündigungszahlen."

Das ist doch eine interessante Analyse, um beurteilen zu können, wem die Bundestagsabgeordneten mit ihrem Lebensversicherungsreformgesetz einen Dienst erweisen wollten und der Bundespräsident mit seiner Unterschrift unter dem Gesetz noch erweisen soll.

Es geht also nicht um die Versicherten, es geht um die schwarzen Schafe in der Branche.

So kann man es auch sehen, was wiederum all denen Recht gibt, die in Deutschland nicht mehr an einen Rechtsstaat glauben wollen.

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