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07.07.2015

13:47 Uhr

Nachteile der Riester-Förderung

Riester-Rente fast nur für Gutverdiener

Die Riester-Rente soll vor allem Klein- und Mittelverdiener bei der privaten Altersvorsorge unterstützen – von der staatlichen Förderung profitieren einer Studie zufolge aber zum großen Teil Gutverdiener.

Mehrere Spielfiguren, die Rentner darstellen, sind am vor einer Stadt aus Geld zu sehen. Laut einer neuen Studie profitieren zum großen Teil Gutverdiener bei der Riester-Förderung. dpa

Symbolbild - Vermögen

Mehrere Spielfiguren, die Rentner darstellen, sind am vor einer Stadt aus Geld zu sehen. Laut einer neuen Studie profitieren zum großen Teil Gutverdiener bei der Riester-Förderung.

Berlin38 Prozent der Gesamtförderung bei der Riester-Rente verteilen sich auf die oberen zwei Zehntel der verfügbaren Einkommen in der Gesamtbevölkerung, wie aus der am Dienstag veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Freien Universität Berlin (FU) hervorgeht.

Von den 2,79 Milliarden Euro Fördergeld, die der Staat im Jahr 2010 ausschüttete, entfiel laut Studie mehr als eine Milliarde Euro auf Menschen, die mehr als 60.000 Euro netto im Jahr verdienten. Auf die unteren beiden Zehntel der Einkommensbezieher entfielen demnach nur sieben Prozent der Gesamtfördersumme.

Die Forscher werteten repräsentative Daten der Bundesbank aus den Jahren 2010 und 2011 aus. Sie prüften, wie sich Alter, Geschlecht, Region, Bildung, Anzahl der Kinder oder eben das Einkommen auf den Abschluss einer Riester-Rente auswirken. Sie fanden heraus, dass vor allem das Einkommen bestimmend ist. "Man braucht offenbar ein gewisses Einkommen, um sich die Teilnahme an der Riester-Rente überhaupt leisten zu können", sagte FU-Forscher Johannes König der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Riester-Sparer bekommen eine Grundzulage von 154 Euro sowie 300 Euro für jedes ab dem Jahr 2008 geborene Kind. Für ältere Kinder gibt es eine Zulage von 185 Euro. Die Kinderzulage gibt es, solange Eltern Kindergeld für ihren Sprössling erhalten. Wer die volle Zulage bekommen möchte, muss vier Prozent seines Bruttoeinkommens einzahlen. Für viele Niedrigverdiener ist das laut König schwer zu leisten.

Ein zweiter Grund ist laut dem FU-Forscher, dass Riester-Renten im Alter auf die Grundsicherung angerechnet und nachgelagert voll besteuert werden. Wer frühzeitig wisse, dass er auf Grundsicherung angewiesen sein werde, habe wenig Anreize, einen Vertrag abzuschließen.

Der rentenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Markus Kurth, nannte die Riester-Rente in ihrer bisherigen Form gescheitert. Für Menschen mit geringem Einkommen berge die geförderte private Altersvorsorge mehr Risiken als Chancen. Kurth forderte, die private Altersversorgung zu vereinfachen. Die Grünen wollen ein öffentlich-rechtlich verwaltetes Basisprodukt.

Linken-Chefin Katja Kipping kritisierte die Riester-Rente als "sozialpolitisch unsinnig". Auch hier zeige sich: "Wer viel hat, dem wird gegeben." Das Modell sei eine Verschwendung von Steuergeld. Sie forderte, wieder ausschließlich auf die gesetzliche Rentenversicherung zu setzen und das Rentenniveau anzuheben. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangte, das Rentenniveau wieder zu heben. Die Riester-Rente erzeuge in erster Linie Mitnahmeeffekte für Besserverdienende in Milliardenhöhe.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kritisierte, die Studie berücksichtige nicht die Verteilungswirkungen der Riester-Förderung nach Steuern. Diese fielen "deutlich" zu Gunsten der sozialpolitischen Zielgruppen aus. Es müssten noch mehr Anstrengungen unternommen werden, Geringverdiener zur Teilnahme zu motivieren, räumte der Verband aber auch ein. So fordere der GDV seit Jahren, dass die Einnahmen aus der Riester-Rente nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden.

Im vergangenen Jahr waren laut GDV rund 464.000 Riester-Verträge abgeschlossen worden. Ende 2014 lag die Zahl der Verträge demnach insgesamt bei knapp elf Millionen.

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Von

afp

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

07.07.2015, 14:39 Uhr

Zum Glück bin ich kein Gutverdiener sondern ein Aufstocker und muß mich mit so etwas nicht beschäftigen.

Herr M. M.

07.07.2015, 15:21 Uhr

Die gesamte Politik der letzten 20 Jahre war ausschließlich für Gutverdiener,egal welche Farbe gerade so tat,als vertrete sie die Interessen der Bevölkerung.

Frau Ursula Neumann

07.07.2015, 15:24 Uhr

Da haben die Wissenschaftler also nach Jahren der Forschung das herausgefunden, was ihnen jeder Steuerberater (selbst ein schlechter), bereits bei Einführung der Riester-Rente gesagt hat oder vielmehr gsagt hätte, wenn sie gefragt hätten.
Und für sowas geben Unis und FHs ihr Geld aus.
Das erklärt manches - von dort kommen auch unsere Eliten.

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