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27.01.2016

14:53 Uhr

Neue Lebenpolicen

„Die Chance ist da, etwas stärker am Kapitalmarkt zu profitieren“

VonSara Zinnecker

Die Renditen der klassischen Lebensversicherungen fallen immer tiefer. Die Gesellschaften entwickeln neue Policen. Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata erklärt, was sie taugen.

Neue Policen bieten geringere Garantien. dpa

Lebensversicherung

Neue Policen bieten geringere Garantien.

Im alten 4711-Gebäude in Köln ist der Hauptsitz der auf Versicherungen spezialisierten Ratingagentur Assekurata. Am Donnerstag stellen die Altersvorsorge-Spezialisten ihre neue Studie zur Überschussbeteiligung der Lebenpolicen vor. Das Ergebnis scheint jetzt schon klar: Laufende Verzinsung und Renditen sinken. Die Branche versucht sich an neuen Policen mit neuen Garantiesystemen. Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse bei Assekurata erklärt, was Versicherte von diesen neuen Policen zu erwarten haben.

Bereichsleiter Analyse bei Assekurata.

Lars Heermann

Bereichsleiter Analyse bei Assekurata.

Herr Heermann, immer mehr Lebensversicherer bringen flexiblere Produkte auf den Markt. Wie unterscheiden sie sich im Vergleich zur klassischen Lebenpolice mit Garantieverzinsung?
Die neuen Produkte haben eines gemeinsam: Sie sind mit geringeren Garantien ausgestattet als klassische Lebensversicherungen. Viele der neuen Policen bieten aber zumindest eine Bruttobeitragsgarantie – der Kunde bekommt also das Versprechen, dass er seine eingezahlten Beiträge am Ende der Laufzeit mindestens wieder zurückerhält.

Aber ein echter Garantiezins auf den Sparanteil fehlt …
Ja, zumindest bei einigen Tarifen. Die neuen Produkte versuchen dem Kunden eine Renditeerwartung zu geben, die über der von klassischen Policen liegt. Der Preis, den der Kunde dafür zahlt, ist der Verzicht auf einen Teil der klassischen Garantien. Dabei kann er den Umfang der Garantie manchmal sogar selbst wählen: Möchte er 100 Prozent, 80 Prozent, 50 Prozent – oder vielleicht gar keine Beitragsgarantie mehr.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Die laufende Verzinsung der Lebensversicherer ist zuletzt unter drei Prozent gesunken, Tendenz fallend. Können Versicherer neue Garantien nicht mehr finanzieren?
Die laufende Verzinsung ist ein Maß für die Überschussbeteiligung und geht über die Garantieverzinsung im Neugeschäft hinaus. Allerdings müssen die Gesellschaften langlaufende Garantien nach den neuen Solvenzrichtlinien unter Solvency II mit viel Kapital hinterlegen. Je mehr hohe und langfristige Garantien Versicherer vermeiden oder in die Zukunft verschieben können, umso weniger Kapital müssen sie heute vorhalten. Das verschafft ihnen mehr Spielraum.

Viele Gesellschaften verschieben Garantien in die Zukunft …
… indem sie die Faktoren für die Bemessung der Rentenhöhe nicht zum heutigen Stand festlegen, sondern erst zum Anfang der Rentenphase. Allerdings bieten die meisten Tarife noch eine garantierte lebenslange Mindestrente. Dieses Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung bleibt damit auch bei den neuen Produkten erhalten.

Neben der Garantie – worin unterscheiden sich die neuen Policen noch von den klassischen?
Jedes Produkt enthält einen bestimmten Verzinsungsmechanismus. Die Frage ist dabei, wie die Verzinsung hergestellt wird. Sofern sie zumindest teilweise aus dem klassischen Deckungsstock herrührt, ist die Finanz- und Deklarationsstärke des Anbieters besonders wichtig. Alternativ kann das Geld des Kunden unmittelbar in Fonds fließen – oder neuerdings Indizes.

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