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28.02.2013

15:54 Uhr

Neue Produktfamilie

Allianz setzt auf Policen ohne Garantien

Niedrige Zinsen auf Staatsanleihen und andere festverzinsliche Papiere wecken die Kreativität der Lebensversicherer: Statt einer Mindestverzinsung wird den Kunden nun ein „flexibles Konzept“ mit hohen Renditen angeboten.

Mit einem neuen Lebensversicherungsmodell will die Allianz neue Kunden anlocken. dpa

Mit einem neuen Lebensversicherungsmodell will die Allianz neue Kunden anlocken.

UnterföhringDer größte deutsche Lebensversicherer Allianz will neue Kunden angesichts schrumpfender Renditen mit Policen ohne die herkömmlichen langfristigen Zinsgarantien locken. Die Allianz Leben werde im Juli eine neue Rentenversicherungs-Produktfamilie vorstellen, die zusätzlich zu den klassischen Policen angeboten werde, kündigte der Chef der Lebensversicherungs-Sparte, Markus Faulhaber, am Donnerstag in München an. Dabei werde den Kunden keine Mindestverzinsung mehr über die ganze Laufzeit des Vertrags garantiert. Das soll sich aber in deutlich höheren Renditen niederschlagen. „Der Renditeaufschlag wird signifikant sein.“

Das Konzept sei in den vergangenen Monaten getestet worden und verspreche daher Erfolg: „Wir schießen damit nicht ins Blaue“, sagte Faulhaber. „Wir werden einen signifikanten Anteil des Neugeschäfts in diesen neuen Produkten sehen“, zeigte er sich zuversichtlich. Die Lebensversicherung leidet unter den sinkenden Zinsen auf Staatsanleihen und andere festverzinsliche Wertpapiere, in die die Versicherer einen Großteil des Geldes ihrer Kunden anlegen müssen. Seit dem vergangenen Jahr dürfen sie neuen Kunden maximal 1,75 Prozent Verzinsung versprechen.

Die Allianz liegt mit einer Gesamtverzinsung – einschließlich der jährlich neu festgelegten Überschussbeteiligung - von 3,6 Prozent im Marktdurchschnitt. Mit Neuanlagen festverzinslicher Papiere verdient die Allianz nur noch 3,4 Prozent.

Zahlreiche Lebensversicherer arbeiten an neuen Konzepten, die wenigsten haben aber ihre Pläne schon offengelegt. „Der Kapitalmarkt hat sich verändert und wir werden auf diese neue Situation auch reagieren“, sagte der Vorstandschef der Allianz Deutschland, Markus Rieß. Die Zurich Versicherung (Deutscher Herold) verkauft seit Jahresbeginn in Deutschland keine klassischen Leben-Policen mehr und setzt ganz auf fondsgebundene Lebensversicherungen.

Gegenrede: Drei Irrtümer über die Lebensversicherung

Allianz-Chef widerspricht

Der Deutschland-Chef der Allianz, Markus Rieß, sieht die Berichterstattung über Lebensversicherungen kritisch. Es werde viel Irreführendes berichtet. Auf die drei größten Irrtümer ging er auf der Bilanzpressekonferenz in München ein.
Quelle: Bilanzpressekonferenz der Allianz Deutschland am 28. Februar 2013

Irrtum Nr. 1

„Die Lebensversicherung lohnt sich wegen niedriger Zinsen nicht mehr.“

Gegenargumente: 1. Anlageerfahrung

„Eine Lebensversicherung deckt als einziges Vorsorgeprodukt das Langlebigkeitsrisiko – was bei stetig steigender Lebenserwartung von elementarer Bedeutung ist. Gleichzeitig bietet die Lebensversicherung der Allianz hohe Sicherheit und ist mit einer gesamten Verzinsung einschließlich Überschussbeteiligung von mindestens 4,2 Prozent nach wie vor sehr attraktiv. Das hängt wesentlich mit den erfolgreichen Kapitalanlage-Experten der Allianz zusammen, deren Erfahrungen wir nutzen.“

2. Nachteil für Kleine

„Für Privatsparer bieten sich meist nur begrenzte Möglichkeiten einer Diversifikation der Kapitalanlage – der Marktüberblick und die Expertise sind naturgemäß eingeschränkt, die Mindestanlagesummen sind oftmals zu hoch und der Zeitaufwand für eine enge Steuerung ist immens.

3. Vorteil der Größe

„Für große Volumina, die den Anlagen von Millionen von Haushalten entsprechen, lohnt sich dieser Aufwand aber sehr wohl. So legt die Allianz vermehrt in Infrastrukturprojekte wie Solar- und Windparks oder Energienetze sowie in Anleihen der internationalen Wachstumsmärkte an, wo langfristig stabile und auskömmliche Renditen gezahlt werden. Auch wenn sich die Rendite einer Lebensversicherung nicht auf Dauer vom Kapitalmarkt abkoppeln kann, lohnt sich eine Police also sehr wohl. Auch heute.“

Irrtum Nr. 2

„Die Garantien können bei aktueller Kapitalmarktlage bald nicht mehr gedeckt werden.“

Gegenargumente

„Aufgrund unserer Bestandsverzinsung, unserer erfolgreichen Neuanlage sowie unserer herausragenden Kapitalausstattung können wir auch bei einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau von deutlich unter 1,5 Prozent die eingegangenen Garantieverpflichtungen jederzeit finanzieren. Die Kapitalanlage der Allianz ist weltweit ausgerichtet, langfristig orientiert, breit diversifiziert und kann die Vorteile großer Volumina nutzen. So erreichen wir auch heute noch in der Neuanlage eine Verzinsung, die deutlich höher ist als die Garantien – von der Bestandsverzinsung ganz zu schweigen.

Irrtum Nr. 3

„Die Kostenbelastung von Lebensversicherungen ist hoch und undurchsichtig.“

Gegenargumente: 1. Transparenz

„Die Allianz geht offen mit dem Thema Kosten um: Seit Anfang 2011 wird die Gesamtkostenquote eines Altersvorsorgevertrags im Produktinformationsblatt ausgewiesen, das unsere Kunden in der Beratung und beim Abschluss erhalten. Damit wird transparent, wie sich alle Kosten des Vertrags auf die Rendite auswirken, und die Kosten verschiedener Anlageformen können leichter miteinander verglichen werden. Gegenüber dem schon seit 2008 umgesetzten gesetzlichen Kostenausweis ist dies noch einmal eine deutliche Verbesserung.

2. Renditeminderung

"Bei der Allianz liegen die Kosten für einen klassischen Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit bei rund einem Prozent Renditeminderung pro Jahr. Das gilt für die Riester- und Rürup-Rente sowie für die private Rentenversicherung. In diesem Betrag ist alles enthalten: Abschluss- und Vertriebskosten sowie die laufenden Kosten eines Vertrags. Dieser Wert kann sich auch im Vergleich mit anderen Ansparprodukten sehen lassen."

Fazit

„Für uns bleibt die Lebensversicherung ein ideales Altersvorsorgeprodukt, denn sie bietet eine einmalige Kombination aus Sicherheit und Rendite.“ So lautet das Fazit der Gegenrede des Allianz-Deutschland-Chef Markus Rieß.

Die Allianz Leben will die neuen Renten-Policen parallel zu den klassischen Policen mit festen Garantien anbieten. Nach dem neuen Modell bekommen die Kunden nur noch für die Ansparphase eine Garantie auf den Sparanteil des eingezahlten Kapitals. Das senkt die Garantiekosten für den Versicherer, weil er geringere Risikopuffer einplanen muss. Das soll sich in höheren Renditen niederschlagen. Nach der Ansparphase können sie sich ihre Ersparnisse aber auch auszahlen lassen.

Wie hoch die Rente letztlich ausfällt, richtet sich nach der Lebenserwartung und den dann geltenden Marktzinsen. Verbraucherschützer befürchten allerdings, dass die Gesamtleistung einer Lebensversicherung für die Kunden mit diesen oder ähnlichen Angeboten unkalkulierbar wird.

„Heute gehen unsere Kunden vermehrt davon aus, dass in einer etwas ferneren Zukunft die Zinsen und damit die Leistungen höher sind als im Moment“, sagte Allianz-Deutschland-Chef Markus Rieß. „Wir werden das Konzept sehr flexibel anlegen“, fügte Faulhaber hinzu. Die neuen Produkte sollen auch für Riester-Renten und Betriebsrenten einsatzfähig sein.

Für die Versicherer bleibt die Lebensversicherung ein Verkaufsschlager: Die Allianz Leben steigerte die Zahl der Verträge 2012 um ein Prozent auf 11,7 Millionen. „Eine Lebensversicherung deckt als einziges Vorsorgeprodukt das Langlebigkeitsrisiko - was bei steigender Lebenserwartung von elementarer Bedeutung ist“, sagte Rieß. Der Garantiezins sank zwar auf 1,75 Prozent, mit einer Gesamtverzinsung von 4,2 Prozent sei die Lebensversicherung aber nach wie vor attraktiv.

2012 konnte die Allianz Deutschland den Überschuss auch wegen geringer Unwetterschäden auf 1,7 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Der Umsatz sank um 0,9 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr rechnet die Allianz aber wegen des Umbaus im Bankgeschäft sowie sinkender Erträge aus Kapitalanlagen mit einem Gewinnrückgang. Das Unternehmen hatte vor wenigen Wochen angekündigt, die Allianz Bank Ende Juni zu schließen. 450 Mitarbeiter sind davon betroffen. „Das Geschäft der Allianz Bank war defizitär, daher gab es keine Alternative zu dieser schwierigen Entscheidung“, sagte Rieß.

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