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20.11.2013

16:33 Uhr

Niedrigzinsfalle

EU-Aufsicht drängt Versicherer zu raschem Handeln

Europas Lebensversicherer müssen das Geschäft rasch umbauen, um nicht in eine Niedrigzinsfalle zu treten. Nach Meinung der EU-Aufsicht sollen sie bald neue Produkte entwickeln, um auf die niedrigen Zinsen zu reagieren.

Die Allianz Lebensversicherung in Stuttgart. Sie hat bereits neue Produkte auf den Markt gebracht. dpa

Die Allianz Lebensversicherung in Stuttgart. Sie hat bereits neue Produkte auf den Markt gebracht.

FrankfurtEuropas Lebensversicherer müssen nach Einschätzung ihrer Aufsicht das Geschäft rasch umbauen, um nicht in die Niedrigzinsfalle zu tappen. Die neuen Eigenkapitalvorschriften für die Branche, die in der Europäischen Union (EU) 2016 eingeführt werden sollen, verschärften das Problem noch, warnte EIOPA-Präsident Gabriel Bernardino am Mittwoch auf einer Versicherungskonferenz in Frankfurt. Er forderte die Versicherer auf, bald neue Produkte zu entwickeln, um auf die niedrigen Zinsen zu reagieren. „Die nächsten zwei Jahre sollten genutzt werden, um aktiv Maßnahmen umzusetzen, um den Worst Case zu vermeiden“, sagte Bernardino. „Wir können nicht bis 2016 damit warten, uns ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.

Die EU hatte sich in der vergangenen Woche auf „Solvency II“ geeinigt. Das mehr am Risiko der Kapitalanlagen ausgerichtete System soll die Kunden der Versicherer besser schützen, führt aber zu deutlich stärkeren Schwankungen der Kapitalpuffer der Versicherer - vor allem wenn die Zinsen schwanken. Bernardino appellierte an die Finanzmärkte, die Versicherer nicht für diese Schwankungen zu „bestrafen“

Für viele Lebensversicherer dürfte Solvency II zumindest zum Teil eine Abkehr von den langfristigen Garantien bedeuten, wie sie vor allem in Deutschland in der Altersvorsorge üblich sind, sagte Bernardino. „Die Realität ist, dass alle Garantien etwas kosten, und dass die Verbraucher erkennen müssen, dass Produkte, die zugleich kurz- und langfristige Garantien bieten, extrem kostspielig sind.“ Daher müssten sie auf kurzfristige Sicherheit eher verzichten.

Große deutsche Lebensversicherer wie die Allianz und Ergo haben bereits neue Produkte auf den Markt gebracht, die den Kunden keine lebenslangen Zinsgarantien mehr bieten. Ein Umsteuerung im Neugeschäft könne nach und nach zu einem veränderten Produkt-Mix führen, sagte der EIOPA-Chef. Die in Frankfurt ansässige Behörde will die Widerstandsfähigkeit der Versicherer gegen Niedrigzinsen 2014 in einem Stresstest auf die Probe stellen.

Die jüngste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) habe die Probleme der Versicherer noch verschärft, sagte der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Thomas Steffen. Die Lebensversicherer haben Schwierigkeiten, die versprochenen langfristigen Zinsgarantien - im Schnitt zurzeit 3,25 Prozent - zu erwirtschaften. Steffen versprach Hilfe: Im ersten Quartal 2014 werde die neue Bundesregierung neue, konkrete Schritte einleiten, um der Branche zu helfen. Sie hatte bereits den Garantiezins auf neue Lebensversicherungs-Policen gesenkt und eine Zinszusatzreserve eingeführt.

Die Branche kämpft seit längerem für eine weniger starke Beteiligung der Kunden an den temporären Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere, war damit im Wahlkampf aber bei der Politik abgeblitzt. Im Gegenzug könnte sie laut Branchenkreisen etwa zusagen, die Verwaltungskosten zu senken und an die Versicherten mehr aus anderen Töpfen ausschütten.

Bernardino sprach sich dafür aus, Solvency II zum Vorbild für ein geplantes weltweit einheitliches Regelwerk für die großen Versicherungskonzerne zu machen. „Dennoch sollten wir, wenn nötig, für Anpassungen offen sein.“

Zugleich forderte der EIOPA-Chef mehr Macht und Freiheit für seine Behörde. Sie brauche ein von der EU unabhängiges Budget und stärkere Durchgriffs- und Zugriffsrechte auf Versicherer. Sie müsse sie auch für ihr Verhalten oder einzelne Produkte sanktionieren können.

Von

rtr

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