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09.04.2015

15:19 Uhr

Nullzins

Sparer verlieren durch EZB-Politik Milliarden

Für Kreditnehmer ist die Niedrigzins-Politik der EZB ein Segen. Das gilt auch für den Staat. Für vorsichtige Sparer ist sie hingegen ein Fluch: Wer auf verzinslichen Anlagen setzt, verliert derzeit viel Geld.

EZB-Geldpolitik in der Kritik

Was der Euro Mario Draghi zu verdanken hat

EZB-Geldpolitik in der Kritik: Was der Euro Mario Draghi zu verdanken hat

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Frankfurt/KielDie Null-Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kostet deutsche Privathaushalte laut einer Studie Milliarden. Der deutsche Staat kann sich hingegen über kräftige Einsparungen freuen. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse des genossenschaftlichen Zentralinstituts DZ Bank sind deutschen Sparern in den vergangenen fünf Jahren Zinseinkünfte in Höhe von 190 Milliarden Euro durch die Lappen gegangen. Der Einbruch dieser Einkünfte bei der Geldanlage zähle damit zu den gravierendsten Folgen der immer weiter sinkenden Zinsen, erklärte DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier.

Den Zinsverlusten stünden zwar auch Einsparungen infolge geringerer Kreditzinsen im Wert von 78 Milliarden Euro gegenüber. So können nicht nur Immobilien so günstig finanziert werden wie nie. Unter dem Strich bleibe aber ein erheblicher Verlust – von durchschnittlich 1366 Euro pro Bundesbürger.

Diese Zahlen sind allerdings rein hypothetisch und bedeuten nicht, dass die Menschen wirklich Vermögen verloren haben: Die Ökonomen vergleichen das tatsächliche Zinsniveau mit einem unterstellten (höheren) „Normalzinsniveau“, also einem langjährigen Durchschnittszins.

Zudem sind die Aktienkurse in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen - unter anderem befeuert durch die Niedrigzinspolitik. Das Problem: Nur wenige der traditionell eher vorsichtigen deutschen Anleger profitieren davon, wie Bielmeier betont. „Lediglich rund zehn Prozent des gesamten privaten Geldvermögens besteht hierzulande aus Aktien.“ Das sei nicht einmal die Hälfte des Anteils, den private Haushalte in anderen europäischen Ländern halten.

Nach der Studie waren vor allem die Jahre 2011 bis 2013 für Sparer problematisch. Denn seinerzeit fiel der durchschnittliche Nominalzins aller verzinslichen Vermögensbestandteile der Bürger unter die Inflationsrate: „Für letztes Jahr lässt sich lediglich dank einer extrem niedrigen Inflationsrate ein leicht positiver Realzins errechnen“, betonten die Experten.

Um das angestrebte Niveau bei der Vermögensbildung halten zu können, müssen die privaten Haushalte einen immer größeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen, betont DZ-Bank-Experte Michael Stappel. Die Ökonomen erwarten, dass sich die Entwicklung im laufenden Jahr fortsetzten oder sogar noch verstärken wird: „Je länger die Niedrigzinsphase dauert, desto stärker schlägt das auf die Durchschnittsverzinsung des Geldvermögens durch.“

Generell gilt: Netto-Schuldner, allen voran der Staat, aber auch Unternehmen und Privatleute, profitieren von den Mini-Zinsen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat ausgerechnet, dass der deutsche Finanzminister bis ins Jahr 2030 auf Zinseinsparungen von 160 Milliarden Euro zählen kann.

So sparen die Deutschen

Der Durchschnitt

Ich spare regelmäßig: 64 Prozent
gelegentlich: 26 Prozent
gar nicht: 9 Prozent
keine Angabe: 1 Prozent
Quelle: Forsa-Umfrage „Sparerkompass 2015“

Nach Geschlecht

Regelmäßige Sparer:

Männer: 65 Prozent
Frauen: 62 Prozent

Gelegentliche Sparer:
Männer: 22 Prozent
Frauen: 30 Prozent

Nicht-Sparer:
Männer: 11 Prozent
Frauen: 7 Prozent

Nach Alter

Regelmäßige Sparer:

18-29 Jahre: 63 Prozent
30-39 Jahre: 68 Prozent
40-49 Jahre: 62 Prozent
50-59 Jahre: 62 Prozent
60-69 Jahre: 65 Prozent

Nach Familienstand

Regelmäßige Sparer:
Mit einem Partner lebend: 68 Prozent
Allein lebend: 56 Prozent

Gelegentliche Sparer:
Mit einem Partner lebend: 24 Prozent
Allein lebend: 31 Prozent

Nicht-Sparer:
Mit einem Partner lebend: 8 Prozent
Allein lebend: 11 Prozent

Nach Erwerbstätigkeit

Regelmäßige Sparer:
Erwerbstätig: 68 Prozent
Arbeiter: 66 Prozent
Angestellte: 71 Prozent
Beamte: 69 Prozent
Selbständig: 74 Prozent
Nicht erwerbstätig: 57 Prozent
Hausfrau: 65 Prozent
Rentner: 73 Prozent
Schüler/Student: 42 Prozent
Arbeitslos: 16 Prozent

Nach Ortsgröße

Regelmäßige Sparer:
Unter 20.000 Einwohner: 67 Prozent
20.000 bis 100.000 Einwohner: 64 Prozent
100.000 bis 500.000 Einwohner: 71 Prozent
500.000 Einwohner und mehr: 50 Prozent

Nach Bundesländern

Regelmäßige Sparer:
Berlin: 45 Prozent
Sachsen: 47 Prozent
Brandenburg: 53 Prozent
Niedersachsen: 53 Prozent
Mecklenburg-Vorpommern: 56 Prozent
Hamburg: 61 Prozent
Schleswig-Holstein: 61 Prozent
Saarland: 65 Prozent
Sachsen-Anhalt: 66 Prozent
Baden-Württemberg: 66 Prozent
Hessen: 67 Prozent
Thüringen: 67 Prozent
Bremen: 68 Prozent
NRW: 68 Prozent
Rheinland-Pfalz: 68 Prozent
Bayern: 74 Prozent

Nach Summen

So viel spart der Durchschnittsdeutsche pro Monat:
Weniger als 50 Euro: 10 Prozent
50 bis unter 100 Euro: 22 Prozent
100 bis unter 200 Euro: 25 Prozent
200 bis unter 300 Euro: 15 Prozent
300 bis unter 400 Euro: 9 Prozent
400 bis unter 500 Euro: 5 Prozent
500 Euro und mehr: 10 Prozent

Allein 2015 wird der Bund demnach im Vergleich zu langjährigen Durchschnitts-Zinssätzen weitere 20 Milliarden Euro an Kreditzinsen sparen. Zum Teil verdient der Staat sogar Geld mit der Schuldenaufnahme, weil Anleger mittlerweile bereit sind, eine Gebühr in Form von Negativzinsen zu zahlen.

IfW-Experte Jens Boysen-Hogrefe rechnet mit einem Anstieg des Zinsniveaus erst ab etwa 2017. „Dabei ist es wahrscheinlich, dass gerade dann die Zinslast deutlich steigen wird, wenn zeitgleich die Demografie die öffentlichen Haushalte stark belasten dürfte.“ Die aktuell sehr gute Lage dürfe daher nicht darüber hinweg täuschen, dass mittel- bis langfristig spürbare Haushaltsrisiken bestünden.

Von

dpa

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

09.04.2015, 15:31 Uhr

Falsch!
Der deutsche Sparer verliert nicht durch die EZB Politik die Zinsen für seine Altervorsorge / Kapital, sondern durch den Verrat einer Merkel-Schäuble Finanzpolitik an der deutschen Gesellschaft!

Der Maastricher Vertragsbruch und der ESM sind und waren für Schäuble und Merkel alternativlos. Und genauso alternativlos wurden wir deutsche Sparer / Gesellschaft von Schäuble und Merkel belogen und betrogen.

Account gelöscht!

09.04.2015, 16:33 Uhr

Dafür spart sich der Staat anschenend bis 2030 160 Mrd. Zinsen, dass er auf der anderen Seite wieder für soziale Zwecke wieder ausgibt.
Und die Berliner haben auch wieder mehr Strataten.
Und.... die Liste kann beliebig fortgeset werde werden.

Herr Delete User Delete User

09.04.2015, 16:52 Uhr

Irrtum Herr Hofmann!

Nicht Merkel oder Schäuble sind schuld! Es sind die Sparer selbst! Alternativen zur Geldvermehrung gibt es an der Börse zuhauf und das seit vielen Jahren.

Wer immer nur auf altbackenes setzt und dabei den Trend der Zeit verpasst, muss auch für die Konsequenzen aufkommen.

Schuld sind natürlich immer die anderen. Bringt irgendjemandem die Schuldsuche etwas? Macht es irgendjemanden glücklich oder reicher? NEIN!

Köpfchen einschalten, links blinken und an der Performance der Märkte partizipieren.

PS. "links blinken" ist nicht politisch gemeint!

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