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24.06.2015

14:18 Uhr

OECD-Studie

Lebensversicherer spielen mit dem Leben

VonSara Zinnecker

Die internationale Wirtschaftsorganisation OECD findet klare Worte: Lebensversicherern drohen Insolvenzen. Die Suche nach Rendite werde zu riskant. Was bedeutet das für Ihren Vertrag?

Lebensversicherungen kämpfen mit Problemen und einigen droht die Pleite – die Niedrigzinsen tragen dazu bei. Imago

Warnschild

Lebensversicherungen kämpfen mit Problemen und einigen droht die Pleite – die Niedrigzinsen tragen dazu bei.

Düsseldorf Sie sind die ersten, die es gerade heraus ansprechen: In ihrem jüngsten Unternehmens- und Finanzausblick warnt die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) davor, dass das Niedrigzinsumfeld Lebens- und Rentenversicherung einzelne Unternehmen in die Insolvenz treiben könnte.

Den Versicherern – vor allem in Deutschland und Österreich – werden ihre hohen Garantieversprechen zum Verhängnis, die sie Kunden über Jahre gegeben hatten. Über Deutschland und Österreich hinaus sind auch Pensionsfonds betroffen, die Arbeitnehmern festgeschriebene Rentenzusagen erwirtschaften müssen.

Das Problem: Um ihre Versprechen im anhaltenden Niedrigzinsumfeld halten zu können, müssten die Gesellschaften auf ertragsstärkere – und damit – riskantere Anlagen ausweichen. Genau hier sieht die OECD die Gefahr: „Solche Strategien bergen große Risiken“, warnt die Organisation. Müssen deutsche Kunden nun um ihre Altersvorsorge fürchten?

Soweit geht die OECD mit ihrer Warnung nicht. Sie spricht lediglich an, dass manche Unternehmen zu viel Risiko in die Bilanz aufnehmen könnten – und daran kaputt gehen. Für kleinere Versicherer, Pensionskassen oder Versicherer außerhalb des Euro-Raumes bestehe diese Gefahr so lange, bis sie ein tragfähiges Risikomanagement-System einführen, so die OECD.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Für die großen Versicherer in Europa sieht es anders aus. Denn ab dem 1. Januar 2016 müssen Gesellschaften riskantere Anlagen auch mit mehr Kapital hinterlegen. Es greifen die neuen Eigenkapitalvorschriften (Solvency II). Nicht nur vom Rating her schlechtere Anlagen, etwa Hochzinsanleihen, müssen dann mit ordentlich Kapital hinterlegt werden. Auch, wenn ein Versicherer zu viele kurzlaufende Anleihen hält, muss er neuerdings Kapital vorhalten.

Insofern relativiert die OECD für diese Gesellschaften ihre Warnung: Die Sorge, dass Versicherer unter dem neuen Regelwerk exzessiv nach Rendite Ausschau hielten, sei nur „moderat“ vorhanden. Der regulatorische Rahmen würde stattdessen „abschreckend“ wirken. Die OECD räumt auch ein, bislang zu wenige Daten zur Verfügung zu haben, um eine exzessive Suche nach Rendite bei den Versicherern und Pensionsfonds auch belegen zu können.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

24.06.2015, 14:42 Uhr

Das ist doch schon lange keine Altersversrgung mehr. Deutschland debattiert über Altersvorsorge und die Renditen sind bei so gut wie Null. In die Rentenversicherung zahlen heute schon die späteren armen Rentner 1 Euro ein und erhalten zum Dank 78 Cent zurück.
So funktioniert moderne Sklaverei mit der Folge der Altersarmut. Falsche Intergration und Flüchtlingsströme und die EU mit dem bevorstehenden Grexit kommen obendrauf.

Die gearschten werden die Normalverdiener mit wenig Vermögen oder Erbe sein.

Die dürfen 45 Jahre oder länger malochen und werden dann mit 63,65,67,70 mit einer Minirente von 800 bis 1000 Euro Kaufkraft in Rente geschickt.

Wenn dasmal so weiter und gut geht.

Herr M. M.

24.06.2015, 15:25 Uhr

 
Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

Frau Ich Kritisch

24.06.2015, 15:38 Uhr

Zitat: "... Versicherer außerhalb des Euro-Raumes bestehe diese Gefahr ..."

also in erster Linie USA-Versicherungen. wer die wählt ist selbst schuld :-)

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