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29.03.2012

13:45 Uhr

PKV-Chef Reinhold Schulte

"Hysterische Berichte über Einzelfälle"

VonThomas Schmitt

ExklusivZehn Antworten zur Kritik an der privaten Krankenversicherung (PKV): Verbandschef Reinhold Schulte räumt im Handelsblatt-Interview Fehler ein. Er gibt Tipps für Kunden und wehrt sich gegen die Rolle als Zahlmeister.

Der Vorstandschef der Signal Iduna Gruppe, Reinhold Schulte, leitet den Verband der privaten Krankenversicherung (PKV). picture-alliance

Der Vorstandschef der Signal Iduna Gruppe, Reinhold Schulte, leitet den Verband der privaten Krankenversicherung (PKV).

DüsseldorfReinhold Schulte leitet seit einem Jahrzehnt den Verband der privaten Krankenversicherung (PKV). Der Vorstandsvorsitzende der Signal-Iduna-Gruppe will zusammen mit Ärzten und Krankenhäusern verhindern, dass hierzulande eine Bürgerversicherung eingeführt wird. Schließlich seien bis zu 32 Millionen Wähler betroffen, wenn es zwischen privaten Anbietern und gesetzlichen Krankenkassen keinen echten Wettbewerb mehr gebe. Als seinen größten beruflichen Irrtum bezeichnet er es: "Dass Teile der Politik guten Argumenten nicht immer zugänglich sind."

Herr Schulte, die Politik denkt über eine Bürgerversicherung für alle nach. Macht das die PKV schon nervös? 

Hier müssen alle wachsam sein, nicht nur die PKV: Denn die sogenannte Bürgerversicherung läuft auf eine Einheitsversorgung mit immer weiter steigendem Staatsanteil hinaus. Wo das endet, lässt sich am maroden Gesundheitssystem in Großbritannien beobachten: Wartelistenmedizin, keine freie Wahl des Arztes, getrennte Versorgungsstrukturen für Arm und Reich: Das ist Zweiklassenmedizin in Reinkultur.

Aber die Bürgerversicherung verschlechtert nicht nur die medizinische Versorgung: Sie bringt auch massive Steuer- und Beitragserhöhungen. Geradezu fatal wäre die implizierte Sondersteuer auf Arbeitsplätze, denn nichts anderes ist die von der SPD beschlossene Abschaffung der Bemessungsgrenze für Arbeitgeber beim Krankenkassenbeitrag. Hier droht die Vernichtung wertvoller Arbeitsplätze. Überdies wirkt der Wegfall der Bemessungsgrenze wie ein Bremsklotz auf künftige Lohnerhöhungen.   

 

Die Krankenkassen halten das Geschäftsmodell der PKV für gescheitert. Hat ihr letztes Stündchen bald geschlagen? 

Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung. Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch. Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös. Tatsache ist: Der Saldo der Wanderungsbewegungen zwischen GKV und PKV zeigt Jahr für Jahr einen großen Abstand zu Gunsten der PKV. Dieser Abstand ist 2011 gegenüber dem Vorjahr sogar noch gewachsen.

Die PKV startet eine Anzeigenkampagne. Haben Ihre Kunden das Vertrauen verloren? 

Die Informationskampagne läuft schon seit vielen Jahren. Und was das Kundenvertrauen angeht, lassen wir doch einfach die Fakten sprechen: Wir haben jetzt 9 Millionen Vollversicherte und 22 Millionen Zusatzversicherungen, das ist der höchste Stand aller Zeiten.

 

Ab April werden die Provisionen für PKV-Vermittler gesetzlich begrenzt. Geben die Versicherer zu viele Kundengelder für die Verkaufsförderung aus? 

Hier haben alle Verantwortlichen erkannt, dass man im Interesse des Verbraucherschutzes Fehlentwicklungen begegnen muss. Wir begrüßen deshalb insbesondere die Verlängerung der Stornohaftungszeit auf fünf Jahre. Diese Regelung wird zu einer spürbaren Minderung der Abschlusskosten führen und „Umdeckungen“, die nicht im Interesse des Versicherten liegen, wirksam begegnen. Bei den Provisionen geht es darum, Übertreibungen zu vermeiden, ohne jedoch die persönliche Beratung und Betreuung der Versicherten durch die Vermittler zu beeinträchtigen. Hier muss die Praxis zeigen, ob sich die Neuregelung bewährt.

Einige Krankenversicherer erhöhen dieses Jahr ihre Prämien für einige Kundengruppen deutlich zweistellig. Ruiniert dies den Ruf der gesamten Branche? 

Der unabhängige map-report hat errechnet, dass die Erhöhungen bei den analysierten Unternehmen 2012 bei durchschnittlich 2 Prozent lag – ganz im Gegensatz zu den teilweise hysterischen Berichten über Einzelfälle. 

45 Prozent aller Tarife sind überhaupt nicht gestiegen. Wer die Prämienanpassungen in der PKV beurteilen will, muss redlicherweise auch die Beitragsentwicklung in der GKV zur Kenntnis nehmen. Dort stieg der allgemeine Beitragssatz ab 1. Januar 2011 von 14,9 auf 15,5 Punkte. Dies bedeutet für alle Mitglieder der GKV eine Mehrbelastung um rund 4 Prozent. Und ohne die Steuersubventionen von 14 Milliarden Euro pro Jahr müsste der GKV-Beitrag schlagartig nochmals um etwa zehn Prozent steigen. Gerade erst hat eine Expertenanhörung im Bundestags-Gesundheitsausschuss gezeigt, dass die Beitragsentwicklung bei Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung im Schnitt der letzten zehn Jahre nahezu identisch ist.

 

Prämienvergleich: Privatversicherte in der Beitragsfalle

Prämienvergleich

Privatversicherte in der Beitragsfalle

Ob Krankenkasse oder Versicherer: Die Prämien steigen viel schneller als die Inflationsrate. Mit wie viel Prozent zusätzlich Versicherte jedes Jahr rechnen müssen, wenn sie sich für eines der beiden Systeme entscheiden.

Kommentare (12)

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AllesQuatsch

20.03.2012, 13:30 Uhr

besonders bei der antwort auf die erste frage muss ich schallend lachen. wir haben doch schon längst zweiklassenmedizin mit längeren wartezeiten. die haben doch nur angst, dass es bald viele aus der pkv genauso in die 2. klasse zieht. und dies befürwortet der werte herr ja auch, indem er für leute, die die höheren prämien nicht mehr zahlen können, in die standardtarife rationalisiert. diese sind vielleicht sogar dann schlechter gestellt als in der gkv. also ich hab selten so einen quatsch von einem komiker(lobbyisten) gehört.

MM3987

20.03.2012, 13:58 Uhr

Ist doch super in diesem Fall, wenn Arbeitsplätze vernichtet werden. Es dürfte preiswerter und effizienter für die Versicherten werden. Es will doch niemand mit seinem Versicherungsbeitrag ein zu "fettes" System alimentieren.

wadenzwicker

20.03.2012, 14:11 Uhr

Da würden keine Arbeitsplätze vernichtet. Schließlich müssten die in PKV's versicherten Bürger ja weiterhin betreut werden, von wem auch immer. Aber die mit fetten Gehältern vergoldeten Pöstchen der PKV-Manager würden "vernichtet" werden. Dies wiederum wäre aber alles andere als eine Katastrophe, jedenfalls nicht für die Versicherten. Also: Weg damit!

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