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02.07.2013

10:23 Uhr

PKV gegen GKV

Der Lockruf der Krankenkassen wirkt

VonThomas Schmitt

Die Private Krankenversicherung ist keine Lebensentscheidung. Seit 1998 gingen mehr als zwei Millionen Kunden zurück ins gesetzliche System. Kritiker sprechen von Geldverschwendung, die PKV sieht dennoch Erfolge.

Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse: Er kritisiert Geldverschwendung in der Privaten Krankenversicherung (PKV). Seine Kasse profitiert am stärksten von der Rückwanderung aus der PKV. dpa

Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse: Er kritisiert Geldverschwendung in der Privaten Krankenversicherung (PKV). Seine Kasse profitiert am stärksten von der Rückwanderung aus der PKV.

DüsseldorfDie private Krankenversicherung (PKV) kämpft verzweifelt um neue Kunden. Um hohe Abgänge auszugleichen, steckt die kleine Branche immer mehr Geld in die Anwerbung von Angestellten und Selbstständigen. Trotzdem gingen im vergangenen Jahr erstmals mehr Privatpatienten zurück zu den Krankenkassen als umgekehrt neue angelockt wurden. Die Folge: Die Kosten für einen neuen Kunden schossen hoch – auf einen Rekordwert. 

„Die Abschlusskosten der Privatversicherer sind abstrus und bis zu etwa hundert Mal höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Das ist reine Geldverschwendung“, kritisiert dementsprechend der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Darunter leiden die neuen Kunden: Sie bezahlen die hohen Anwerbekosten - mit ihren ersten Beiträgen.

Solche Trends in der Branche werden erst richtig deutlich, wenn man die Wanderungsbewegungen zwischen PKV und GKV sowie die jeweils neuen Vertragsabschlüsse langfristig betrachtet. Das fällt in den Rechenschaftsberichten der PKV-Branche unter den Tisch.

Warum die PKV scheitern könnte

Politische Mehrheit

Private und gesetzliche Krankenversicherung konkurrieren vor allem um Selbstständige und besser verdienende Kunden. Die Privaten haben die Nase vorn, obwohl ihre Beiträge langfristig stärker steigen. Doch die Gesetzlichen repräsentieren mit mehr als 70 Millionen Versicherten nach wie vor die große Masse – entsprechend ist ihr politisches Gewicht. Demgegenüber sind nur neun Millionen Menschen vollständig privat versichert.

Kampagne

Die Krankenkassen werben ganz offen um die Abschaffung der Konkurrenz. Ein Beispiel war Jürgen Graalmann, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Sein Credo in einem Welt-Interview: „Die private Krankenversicherung kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich halte das Geschäftsmodell der PKV in der Vollversicherung für gescheitert.“ Graalmann nennt dafür vier Gründe.

Beiträge

Die Beiträge in der PKV steigen immer weiter, monieren die Kritiker. In die Schlagzeilen geriet die PKV auch, weil manche Kunden unter extremen Erhöhungen leiden mussten. Zum Teil war die Ursache dafür eine verfehlte Geschäftspolitik der Versicherer und falsche Versprechen von Beratern.

Kosten

Die Krankenkassen sehen die private Konkurrenz vor einem „immensen Kostenproblem“. Ursache ist: Die PKV-Unternehmen können die Kosten von Arzneimitteln nicht so gut drücken wie die Krankenkassen. Zudem rechnen Ärzte oft für Privatpatienten mehr ab als für Kassenpatienten. Zudem war der Druck, die Kosten im Griff zu halten, bisher geringer als bei den Krankenkassen.

Unzufriedenheit

Aus Umfragen schließen die Krankenkassen: Jeder dritte Privatpatient würde gerne zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Vor allem ältere PKV-Kunden haben das Problem, dass sie im Rentenalter wahrscheinlich deutlich mehr als in der GKV zahlen.

Bürgerversicherung

SPD und Grüne haben mit einer Einheitsversicherung ein scheinbar attraktives Gegenmodell zur bisherigen Zweiteilung im Gesundheitswesen entworfen. AOK-Manager Graalmann kann damit gut leben, er sähe private und gesetzliche Anbieter dann als gleichberechtigte Wettbewerber.

Ein Beispiel für die Wanderungsbewegungen ist der Zugang neuer Kunden. In den vergangenen 15 Jahren zeigt sich hier ein deutlicher Abwärtstrend. Das ist eine Entwicklung, die im deutlichen Kontrast zu den sonst üblichen Erfolgsmeldungen der Branche steht. Was wichtig für die langfristige Einschätzung der Branche ist:

  •           Jedes Jahr wechseln rund 150.000 Privatpatienten zurück zu den Krankenkassen - obwohl die Rückkehr doch eine Ausnahme sein soll und sehr schwierig ist.
  •          Die Zahl der neuen Privatpatienten, die aus der GKV kommen, ist seit 1998 um ein Drittel gesunken.
  •           Die Abschlusskosten in der Branche haben sich – bezogen auf neue PKV-Versicherte – dagegen verdoppelt.
  •           Etwa die Hälfte der Kosten für Vermittler und Vertrieb entfallen auf den brancheninternen Wettbewerb.

 

Kommentare (62)

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Account gelöscht!

02.07.2013, 10:37 Uhr

Der einzige Grund, weswegen Beiträge in der GKV hoch sind, hoch bleiben und immer höher werden, sind die Anpassung an die Gehaltsentwicklung und andauernde Leistungskürzungen. Ein junger Akademiker als Berufsanfänger bezahlt sich in der GKV die Seele aus dem Leib. Der Artikel ist (wieder einmal) einseitig polemisch. Weiteres Anzeichen für den "Linksruck" der HB-Redaktion.

Mobius

02.07.2013, 10:41 Uhr

Der Witz an der Sache ist doch, dass die Beiträge der PKV - trotz aller Provisionsexzesse - bis Ende 30 deutlich (!) unter den Beiträgen der GKV liegen. Wie kann dies sein? Ganz einfach, die PKVen finanzieren Familien-/Kinderversicherung nicht! Das perverse Modell der PKV ist es somit, die Gewinne der Entsolidarisierung mit Familien/Kindern in die eigene private Tasche zu stecken - ein Modell, was an Perversion kaum zu überbieten ist.

In Summe würde eine Abschaffung der PKVen die enormen Mittel, die für Vertreterprovision und Gewinne der Versicherungen aus der Solidarumlage entwendet werden, wieder dem Gesundheitssystem zuführen - bessere Versorgung, mehr Geld für Ärzte und Krankenhäuser. Einfach machen würde ich da sagen...

Die sollte aber den Blick auf die Probleme der GKVen nicht verstellen.

Mobius

02.07.2013, 10:47 Uhr

"Anpassung an die Gehaltsentwicklung und andauernde Leistungskürzungen"? Das erklärt wohl kaum die Höhe der Beiträge, da dies Posten auf der Einnahmeseite sind. Relevant ist aber doch die Ausgabenseite. Und hier müssen die GKVen die Solidarkosten für Kinder/Familien tragen. Die PKVen jedoch nicht. Daher sind die Beiträge der GKVen - trotz niedriger Pauschalen für die Ärzte - höher.

Selbst mit viel Fantasie kann ich keinen Linksruck im HB-Artikel erkennen.

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