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18.01.2012

14:06 Uhr

PKV gegen GKV

Große Krankenkassen locken Privatversicherte

VonThomas Schmitt

ExklusivHunderttausende wechseln jährlich zwischen gesetzlichem und privatem System hin und her. Ungewöhnlich ist jedoch, dass große Krankenkassen wie die TK viel mehr Privatversicherte anlocken als sie verlieren.

Entspannung durch eine 3D-Brille: So fällt auch die schwierige Entscheidung für die richtige Krankenversicherung leichter. ap

Entspannung durch eine 3D-Brille: So fällt auch die schwierige Entscheidung für die richtige Krankenversicherung leichter.

DüsseldorfDie privaten Krankenversicherer sind nervös. „Bericht über angebliche Abwanderung ist nachweislich falsch“, titelte der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) umgehend, als einige Krankenkassen jüngst von immer mehr Rückkehrern berichteten. Ungewöhnlich war auch die Reaktion des Branchenführers unter den gut 40 privaten Krankenversicherern. Debeka-Chef Uwe Laue schimpfte: „Behauptungen sind falsch und stellen reine Werbebotschaften dar.“

Nachfragen des Handelsblatts bei den größten deutschen Krankenkassen, Barmer GEK und Techniker (TK), ergaben dagegen: Auch netto kamen zu den beiden Branchenführern in den vergangenen beiden Jahren mehr Versicherte aus der PKV zurück als diese an die private Konkurrenz wieder abgaben. Zusammen versichern Barmer und TK mehr als 16 Millionen Menschen. Die PKV kommt dagegen auf knapp neun Millionen Vollversicherte.

Zurück in die gesetzliche Krankenversicherung

Bedingungen des Gesetzgebers

Ob es älteren Semestern gelingt, zurück in das gesetzliche System zu kommen, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab, unter anderem Berufsstatus, Einkommen und Alter. Der Gesetzgeber hat etliche Bedingungen formuliert, um generelle und schnelle Wechsel zu verhindern.

Angestellte

Das Einkommen muss für mindestens ein Jahr unter die Versicherungspflichtgrenze sinken. 2015 liegt diese Einkommensgrenze bei einem jährlichen Bruttogehalt von 54.900 Euro. Ein gutverdienender Angestellter könnte sein Einkommen zum Beispiel dadurch unter diese Grenze drücken, wenn er nicht mehr voll arbeitet, sondern nur noch einen Teilzeitvertrag hat.

Falle für Angestellte

Arbeitnehmer, die sich auf Antrag in der Vergangenheit von der Versicherungspflicht befreien ließen, können den Weg über einen Teilzeitvertrag nicht gehen. Die Befreiung von der Versicherungspflicht wird auf Antrag ausgesprochen, wenn das Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze gesunken ist und der Arbeitnehmer aber privat versichert bleiben möchte. 

Selbstständige

Wer bisher frei arbeitet, kann in ein Angestellten-Verhältnis wechseln. Sein Gehalt müsste dann aber unter der Versicherungspflichtgrenze liegen. Er könnte seine Selbstständigkeit auch vollkommen aufgeben und in die Familienversicherung seines Partners wechseln. 

Berufsanfänger

Auch wenn ihr Gehalt von Anfang über der Versicherungspflichtgrenze liegt, können sie sofort in die GKV. Studenten, die während des Studiums privat versichert waren, kommen so zurück in die GKV.    

Arbeitslose

Wer arbeitslos wird, den versichern die Arbeitsämter meist automatisch in der GKV. 

Über 55-Jährige

Eine wichtige Grenze in den Regeln ist das Alter. Eine Rückkehr in die GKV geht für Angestellte und Selbstständige nur, wenn sie das 55. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Wer älter ist, hat nur unter speziellen Voraussetzungen noch eine Chance zum Systemwechsel. „Diese Informationen sind im Gesetzestext gut versteckt, da bei diesen Personen die Rückkehr in die GKV verhindert bzw. möglichst schwer gemacht werden soll“, heißt es auf der Internetseite PKV-Selbstvergleich.de. „Außerdem ist die Rückkehr nicht bei jedem möglich, sondern an bestimmte Bedingungen geknüpft.“ In diesem Fall empfiehlt sich also die Beratung durch einen Spezialisten, etwa einen Anwalt, der die Regeln des Sozialgesetzbuches sehr gut kennt. 

Ähnliche PKV-Angebote

PKV-Experten weisen darauf hin, dass eine Rückkehr in die GKV gar nicht mehr nötig sei, weil auch die privaten Krankenversicherer inzwischen Tarife anbieten müssen, die denen der GKV ähneln. Dies ist der sogenannte Basistarif. Daneben gibt es noch einen Standardtarif.

Nachteile für Wechsler

Die Altersrückstellungen in der privaten Krankenversicherung gehen verloren, wenn man zurück in die GKV wechselt. Diese Vorsorge dient dazu, die PKV-Beiträge im Alter zu dämpfen.

Das Problem der PKV: Erfolgsmeldungen über Systemwechsler gehören seit mehr als einem Jahrzehnt zum jährlichen Standardritual. Dass nun offenbar immer mehr Privatpatienten in den Schoß der gesetzlichen Krankenversicherung zurück möchten, passt nicht in das Weltbild, das sie öffentlich verbreiten. Dabei wissen die PKV-Manager genau: Systemwechsel in die eine wie die andere Richtung sind völlig normal. Das zeigt die PKV jedes Jahr aufs Neue in ihrem eigenen Zahlenbericht. 

Rund 150.000 Menschen gehen seit dem Jahr 2000 jährlich von der PKV zurück zu den Krankenkassen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Wechsel ist zum Beispiel fällig, wenn das Einkommen der Privatpatienten unter die Versicherungspflichtgrenze fällt. In diesem Jahr beträgt diese 50.850 Euro. Auch wenn PKV-Kunden arbeitslos werden oder von der Selbstständigkeit in einen festen Job wechseln, kann dies ebenfalls mit einem Systemwechsel verbunden sein. 

So viele Versicherte wechseln zwischen den Systemen

2010

Übertritte zur PKV: 227.700
Abgänge zur GKV: 153.200
Saldo: + 74.500

2009

Übertritte zur PKV: 288.200
Abgänge zur GKV: 146.500
Saldo: + 141.700

2008

Übertritte zur PKV: 244.900
Abgänge zur GKV: 151.000
Saldo: + 93.900

2007

Übertritte zur PKV: 233.700
Abgänge zur GKV: 154.700
Saldo: + 79.000

2006

Übertritte zur PKV: 284.700

Abgänge zur GKV: 143.900

Saldo: + 140.800

2005

Übertritte zur PKV: 247.500
Abgänge zur GKV: 154.200
Saldo: + 93.300

2004

Übertritte zur PKV: 297.700
Abgänge zur GKV: 130.600
Saldo: + 167.100

2003

Übertritte zur PKV: 338.400
Abgänge zur GKV: 130.400
Saldo: + 208.000

2002

Übertritte zur PKV: 362.000
Abgänge zur GKV: 129.800
Saldo: + 232.200

2001

Übertritte zur PKV: 360.700
Abgänge zur GKV: 147.500
Saldo: + 213.200

2000

Übertritte zur PKV: 325.000
Abgänge zur GKV: 148.600
Saldo: + 176.400

Inwiefern solche Wechsel gezielt herbeigeführt oder erzwungen sind, ist umstritten. Die PKV nimmt für sich in Anspruch: „Die weitaus meisten Wechsel zur GKV erfolgen zwangsweise auf Grund gesetzlicher Vorgaben – vielfach sogar gegen den erklärten Willen der Versicherten.“ So seien 2010 allein 25 Prozent aller Betroffenen junge Erwachsene gewesen, die mit Annahme der ersten Arbeitsstelle in der GKV versicherungspflichtig geworden seien. 

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

18.01.2012, 15:42 Uhr

Der Wechsel zurück zur GKV sollte strikt unterbunden werden. Diejenigen, die zur PKV gewechselt sind, haben sich aus der Solidargemeinschaft verabschiedet. Es war ja billiger so. Und wenn die Beiträge im Alter ansteigen, was auch vorher bekannt war, soll die Solidargemeinschaft helfen. Für die Kassen zählt nur die Mitgliederzahl. Sowas nenne ich 'Sozialschmarotzer'

pkvler

18.01.2012, 16:55 Uhr

Sozialschmarotzer? Das ist doch eher dort der Fall, wo einer zahlt und mehrere davon profitieren - also eher in der GKV. Darüber hinaus lag der Steuerzuschuss zur GKV, den übrigens auch PKVler zahlen, 2010 bei 9,7 Mrd Euro. Also vorher mal das Gehirn anmachen, bevor man substanzlose Kommentare posted.

kleinfeldt

18.01.2012, 17:29 Uhr

@friedet

so wie Sie es schreiben ist es nicht richtig.
Die meisten Privat-Versicherten zahlen einen monatlichen Beitrag um die 350 Euro. Dazu kommt dann eine jährliche Selbstbeteiligung von 1200 Euro. Diese aufgesplittert ergeben monatlich 100 Euro die zu den 350 Euro dazukommen. Das sind 450 Euro den Monat. Als Selbstständiger können sie sich nur Privat versichern bzw. gesetzlich "freiwillig". In beiden Fällen sind sie Privat versichert. Die Selbstständigen würden sich bestimmt freuen, wenn sie sich gesetzlich entsprechend ihrem tatsächlichen Einkommen versichern könnten. Das können sie aber nicht. Ich gebe Ihnen Recht, dass diese Lockangebote für die jungen Versicherten endlich aufhören müssen. Diesa Angebote belasten auch uns normal Privatversicherte weit unter 50.

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