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21.05.2012

11:21 Uhr

PKV

So sparen Privatpatienten viel Geld

VonMiriam Schröder

Jahr für Jahr steigen die Prämien in der privaten Krankenversicherung. Mancher Kunde fühlt sich da schnell als Leibeigener. Doch es gibt einen Ausweg aus der Preisspirale: Den Tarif wechseln. Was dabei zu beachten ist.

dpa

DüsseldorfAls Rolf-Dieter Frackmann 1979 in die private Krankenversicherung eintrat, war seine Welt noch in Ordnung. Er war 33 Jahre alt, glücklich verheiratet und beruflich erfolgreich. Als Referent in einem Pharmakonzern verdiente er so gut, dass er sich nicht länger gesetzlich versichern musste. Die Private war unschlagbar günstig, 207 Mark und 40 Pfennige zahlte er im Monat, inklusive Chefarztbehandlung und Einzelzimmergarantie. Mit der Zeit würde es mehr werden, das wusste er. Doch darüber dachte er nicht nach. Es lief ja alles gut.

Private Krankenversicherung: Ein Fall für die Notaufnahme

Private Krankenversicherung

Ein Fall für die Notaufnahme

Privatpatienten waren einmal etwas Besonderes. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurden die Kunden der privaten Krankenversicherer zum Versuchsobjekt der Politik und zum Zahlmeister der Versicherer. Eine Bestandsaufnahme.

Die Frackmanns kauften eine Wohnung in Hamburg und später noch eine in der Türkei. Die Beiträge stiegen immer weiter an. 1994 waren es 524 D-Mark, zehn Jahre später schon 608 Euro. Noch tat ihm das nicht weh, sein Arbeitgeber zahlte ja die Hälfte. Eines Tages erkrankte seine Frau. Und Frackmann fragte sich, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen wollten. Reisen wollten sie. Im Dezember 2010 erhielt er einen Brief von seiner Krankenversicherung. Ab Januar sollte er 741 Euro im Monat zahlen. Da bekam er Angst. Nächstes Jahr würde er in den Ruhestand gehen. Sein Einkommen würde sich halbieren. Die Versicherung müsste er allein zahlen. "Da bleibt nicht viel übrig von der Rente", sagt er.

Millionen Menschen haben so gerechnet wie Frackmann. Sie wurden mit Niedrigtarifen und Extraleistungen in die private Krankenversicherung gelockt. Jetzt kriegen sie die Quittung.

So stark steigen die Prämien in der PKV

Bandbreite

Wie stark die Prämie in der privaten Krankenversicherung steigen, ist heftig umstritten. Die Angaben von Analysten, öffentlichen Stellen und der Branche schwanken zwischen drei und neun Prozent pro Jahr. Das jeweilige Ergebnis hängt dabei stark vom Betrachter und der Rechenmethode ab.

Quelle: AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“

Finanzministerium

Die Finanzaufsicht Bafin führt seit über einem Jahrzehnt eine Statistik über die Beitragsentwicklung der gut 40 privaten Krankenversicherer. Grundlage sind Angaben der Unternehmen. Bisher war diese Statistik unbekannt. Auf eine Anfrage der Linken im Bundestag ergab sich im April 2012: 5,2 Prozent Steigerung pro Jahr im Zeitraum 2000 bis 2010.

PKV-Verband

Die Branche ist mit Angaben über die Beitragsentwicklung sehr zurückhaltend. Gemeinhin beziehen sich die Manager auf Berechnungen von Analysten. In der PKV-Publik Ausgabe 03/2012 ist ein Wert von 3,3 Prozent pro Jahr genannt.

Map-Report

In der Branche stark beachtet wird der Map-Report. Dessen Berechnungen beruhen aber nur auf einem Teil der Branche, und zwar jenen Unternehmen, die an den Analysten Daten liefern. 5,3 Prozent pro Jahr berechnete der Map-Report für den Zeitraum 1997 bis 2008. Für den Zeitraum 1994 bis 2007 sind es 5,1 Prozent. Als Quelle dafür nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Morgen & Morgen

Die Analysten von Morgen & Morgen kommen auf 4,2 bis 5,0 Prozent pro Jahr. Die Basis für diese Berechnung sind einzelne Tarifsteigerungen gerechnet für alle Tarife im Zeitraum 1998 bis 2007. Als Quelle nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Krankenkassen

Die AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“ berechnet die Steigerung der Prämie je Versicherter zwischen 1997 und 2007 auf 4,1 Prozent. Dabei wurden neue Tarife,

Selbstbehalte, Leistungskatalogänderungen nicht berücksichtigt. Quelle dafür: PKV-Zahlenbericht sowie eigene Berechnungen der Studienschreiber

So stark steigen die Bestandsprämien

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report eine Beitragssteigerung von 4,1 - 7,5 Prozent pro Jahr. Quelle: IGES Gutachten

So viel mehr zahlen Neukunden

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report in den Neukundentarifen eine Beitragssteigerung von 6,1 bis 8,9 Prozent pro Jahr.

Quelle: IGES Gutachten

So entwickeln sich die günstigsten Tarife

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 2,5 bis 3,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So geht es in den teuersten Tarifen hoch

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 4,9 - 5,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So schnell verdoppeln sich die Prämien

GKV: alle 32 Jahre, Steigerungsrate 2,2 Prozent pro Jahr

PKV: alle 17 Jahre, Steigerungsrate 4,1 Prozent pro Jahr

Zum Vergleich das BIP: alle 29 Jahre, bei einer Steigerungsrate von 2,4 Prozent

Quelle: Prognose in der AOK-Faktensammlung

Einer von denen, die sie gelockt haben, war Ozan Sözeri. Er war zehn Jahre lang Versicherungsvermittler. Bis immer mehr Kunden bei ihm anriefen und um Hilfe baten. Sie konnten sich die Krankenversicherung nicht länger leisten - und das in einem Alter, wo die meisten sie erstmals brauchen. Sözeri kennt eine Lösung: den Paragraf 204 des Vertragsversicherungsgesetzes. Er besagt, dass jeder Versicherte innerhalb seiner Kasse in fast jeden anderen Tarif wechseln darf.

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Kommentare (3)

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KEberhardt

22.05.2012, 10:39 Uhr

Bei vielen privat Krankenversicherten ist es möglich, die Beiträge zu reduzieren, wenn die Versicherten bereit sind Leistungseinschränkungen zu akzeptieren. Hierbei wird aber oft übersehen, dass Leistungseinschränkungen später meist nicht mehr rückgängig gemacht werden können.
Die Entscheidung für einen Tarifwechsel sollte deshalb nicht übereilt getroffen werden.
Außerdem sollte die aktuelle Beitragsersparnis nicht das wichtigste Kriterium für eine Entscheidung sein.
Die Praxis zeigt immer wieder, dass sich eine Beitragsersparnis durch künftige Beitragsanpassungen sehr schnell in Luft auflösen kann. Den Beitragsoptimierer stört dies allerdings wenig, da er für seine Tätigkeit bereits ein Honorar von über 4.000 € erhalten hat.

Schneider64

24.05.2012, 12:21 Uhr

Uns ist es gelungen, den KV Beitrag innerhalb der Gesellschaft bei vergleichbaren Leistungen um 300 € im Monat
zu reduzieren. Sicher die nächste Erhöhung kommt, aber eine Steigerung von 20 % ist bei reduziertem Beitrag doch weniger..hochgerechnet habe ich der Kundin einen Cheque über 50.000 € übergeben. Was sind da 8 Monatsbeiträge als Provision, wenn der Kunden im ersten Jahr 3.600 € spart ?

Makler Schneider Muggensturm

Account gelöscht!

25.05.2012, 14:20 Uhr

Versicherungsberater arrbeiten bei einem Tarifwechsel ausschließlich in Interesse des Kunden. Wenn man hier ableitet, bei einer erfolgsabhängigen Vergütung würde der Berater in seinem Interesse absichtlich günstigere Tarife anbieten um mehr zu verdienen, wäre dieser im Rahmen seiner Haftung dem Kunden gegenüber voll schadenersatzpflichtig. Das wäre ein völlig unsinniges Vorgehen. Ein seriöser Versicherungsberater wird immer versuchen für seinen Mandanten die optimale Lösung bei einem Tarifwechsel zu erreichen. Eine erfolgsabhängige Vergütung hat damit nicht zu tun.

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