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27.06.2013

15:53 Uhr

PKV

Versicherer drehen an der Beitragsschraube

VonThomas Schmitt

ExklusivFünf große private Krankenversicherer senken im nächsten Jahr ihren Rechnungszins. Für mehr als zwei Millionen Altkunden könnten dadurch die Beiträge steigen. Weitere Beitragserhöhungen sind wahrscheinlich.

Die Altersrückstellungen der meisten PKV-Kunden werden derzeit noch mit mindestens 3,5 Prozent verzinst. Doch diesen Rechnungszins schaffen viele Versicherer nicht mehr. Getty Images

Die Altersrückstellungen der meisten PKV-Kunden werden derzeit noch mit mindestens 3,5 Prozent verzinst. Doch diesen Rechnungszins schaffen viele Versicherer nicht mehr.

DüsseldorfRund 2,9 Millionen Kunden in der privaten Krankenversicherung (PKV) müssen von 2014 an mit höheren Beiträgen rechnen. Das entspricht 36 Prozent der knapp neun Millionen Versicherten in der Branche. Diese Zahlen teilte das Bundesfinanzministerium der Linken auf Nachfrage mit. Die Antwort liegt jetzt auch Handelsblatt Online vor.

Die absehbare Erhöhung der Prämien hängt mit der Kalkulation der PKV-Prämien zusammen. Ein Teil der Beiträge wird für das Alter angelegt, damit Privatpatienten als Senioren nicht so viel bezahlen müssen. Maßgebend für die Verzinsung dieser Beiträge ist der sogenannte Rechnungszins. Dieser ähnelt dem Garantiezins in der Lebensversicherung und beträgt in der PKV für die meisten Altkunden noch 3,5 Prozent. Durch die extrem niedrigen Zinsen am Finanzmarkt haben jedoch immer mehr der insgesamt 48 privaten Krankenversicherer Schwierigkeiten, diesen Zins mit ihren Kapitalanlagen zu erwirtschaften.

Der PKV-Rechnungszins: Bedeutung, Entwicklung und Streit

Spekulationen

Im Zuge der Finanzkrise ist schon öfter über eine Absenkung des Rechnungszinses in der PKV spekuliert worden. Der Grund: Die privaten Krankenversicherer verzinsen ihre Altersrückstellungen mit 3,5 Prozent. Die Rendite für Bundesanleihen liegt deutlich darunter.

Das Prinzip der drei Säulen

Die Kapitaldeckung in der PKV ruht auf drei Säulen
- den Alterungsrückstellungen, die mit der Prämie gezahlt werden und die mit 3,5 Prozent verzinst werden;
- den Zinserträgen, die der Versicherer über die Mindestverzinsung hinaus am Kapitalmarkt erwirtschaftet und zum größten Teil den Kunden gutschreibt;
- einem zehnprozentigen Zuschlag, der separat angelegt wird und der Beitragssteigerungen im Alter abfedern soll.

Alterungsrückstellungen

Insgesamt haben die PKV-Versicherten inzwischen mehr als 170 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen angespart. Davon entfällt die Masse (mehr als 146 Milliarden Euro) auf die Krankenversicherung und der kleinere Teil (mehr als 24 Milliarden Euro) auf die Pflegeversicherung.

Überzins

In der PKV werden generell von allen über den Rechnungszins hinausgehenden Kapitalerträgen (Überzins) 90 Prozent den Versicherten gutgeschrieben. Zudem sind 80 Prozent des Rohüberschusses der Unternehmen der Rückstellung für Beitragsrückerstattung zuzuführen.

Zuschlag

Seit Januar 2000 wird für Neukunden in der Privaten Krankenversicherung vom 22. bis zum 61. Lebensjahr ein sogenannter 10-Prozent-Zuschlag berechnet. § 12a Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) besagt: Die Zinserträge der Unternehmen, die über den jeweils geltenden Rechnungszins (überwiegend 3,5 Prozent) hinausgehen, kommen zu 90 Prozent den Versicherten zugute. Hiervon ist ein Teil für die über 65-jährigen Versicherten bestimmt. Dieses Geld ist innerhalb von drei Jahren zur Vermeidung oder Begrenzung von Prämienerhöhungen oder zur Prämienermäßigung zu verwenden, heißt es im Zahlenbericht des PKV-Verbandes.

Entwicklung des Rechnungszinses

Der Rechnungszins in der PKV ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesenkt worden. Damit bewiesen die Krankenversicherer eine größere Stabilität als die Lebensversicherer, deren Garantiezins zuletzt von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent gesenkt worden war, zeitweise aber auch schon bei vier Prozent lag.

2009

Die private Krankenversicherungsbranche hat im Jahr 2009 eine Nettoverzinsung von 4,27 Prozent erreicht. Die gut 40 Unternehmen lagen also deutlich über dem Rechnungszins von 3,5 Prozent.

2010

Die Alterungsrückstellungen für die Versicherten erhöhten sich bis Ende 2010 um 8,7 Prozent auf gut 158 Milliarden Euro. Mit einer Nettoverzinsung von 4,23 Prozent habe die Branche den Rechnungszins von 3,5 Prozent sicher bedient, erklärte der Verband.

2011

In den Unterlagen des PKV-Verbandes finden sich keine Angaben darüber, wie sich der Rechnungszins im Jahre 2011 entwickelt hat. Die FTD berichtete: Die Branche habe zurzeit keine Probleme, die 3,5 Prozent zu verdienen, wie PKV-Verbandsvorsitzender Reinhold Schulte sagt. Er ist auch Vorstandschef der Signal Iduna. 2011 seien es im Schnitt rund vier Prozent gewesen.

Widerstand der PKV

Im Oktober 2010 erklärte der PKV-Verband: „Es gibt keine Überlegungen des PKV-Verbandes, den in der Kalkulationsverordnung festgelegten Höchstrechnungszins zu senken. Wir haben auch keinerlei Hinweise, dass die dafür zuständige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) etwa beabsichtigen würde, den Rechnungszins in der Kalkulationsverordnung abzusenken.

Vorstoß der Allianz

Die Allianz Private Krankenversicherung plädierte 2011 nach einem Bericht der Ärzte Zeitung für eine allgemeine Absenkung des Rechnungszinses in der privaten Krankenversicherung (PKV). Das liege im Interesse der Kunden und deshalb der gesamten Branche, sagte Vorstand Christian Molt bei der Fachkreistagung Krankenversicherung der Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte in Köln. "Eine moderate Absenkung des Rechnungszinses wäre sinnvoll. Wir sollten diesen Weg in der Branche gehen."

Erste Senkungsrunde

Der Rechnungszins für die Alterungsrückstellungen, der seit Jahren bei 3,5 Prozent liegt, ist von vielen Anbietern gesenkt worden, aber nur für neue Verträge. Ab 2014 sind auch Altkunden betroffen.

Eine Überprüfung durch die Finanzaufsicht Bafin ergab im Frühjahr, dass 18 Unternehmen den Rechnungszins wahrscheinlich künftig nicht mehr für ihre Altkunden erwirtschaften. Die Folge: Sie müssen diesen Satz nun senken – und im Gegenzug ihre Beiträge entsprechend erhöhen. Denn das Niveau der Altersrückstellungen für die Kunden soll nicht leiden.

Wie stark der Rechnungszins jeweils sinkt und wie stark die Beiträge dann steigen, hängt von den einzelnen Unternehmen und ihren Rücklagen ab. Genauso unklar ist überdies noch, welche Kunden in welchen Tarifen konkret betroffen sind. Bisher hatten nur nur fünf Unternehmen eingestanden, dass sie die Beiträge erhöhen werden.

Insgesamt haben diese fünf Versicherer allein schon mehr als zwei Millionen Versicherte. Bereits länger bekannt sind Axa und Central, die Nummer drei und die Nummer sechs der Branche. Auf Anfrage von Handelsblatt Online bestätigten nun drei weitere große Krankenversicherer, dass die Beiträge ihrer Kunden womöglich steigen könnten.

Kommentare (12)

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Ende2013

27.06.2013, 17:04 Uhr

Ich hoffe stark und habe immer noch die Hoffnung, dass die PKV endlich ihr Geschäftsfeld der Vollversicherung aufgibt. Zumindest der Gesetzgeber den PKV Versicherten die Wahl gibt, aus der PKV aus zusteigen. Ich wurde schon von den Lebensversicherern um eine erhoffte Summe gebracht, und nun bin ich bei einer Sparkasse anstatt bei einer Krankenversicherung versichert. Bitte liebe PKV reißt euch unsere Altersrückstellungen unter den Nagel, schaut dass ihr passabel aus dem ganzen rauskommt, macht Geschäfte mit Zusatzversicherungen aber drängt bitte nicht darauf PKV Versicherte weiterhin zu binden, die einfach nicht mehr an euer Geschäftsmodell der Kapitaldeckung glauben. Jeder Krankenversicherte ist mit GKV besser bedient.

maximilian@baehring.at

27.06.2013, 17:04 Uhr

http://sch-einesystem.tumblr.com/

http://central.banktunnel.eu/zahnhand.jpg

exkoelner

27.06.2013, 17:22 Uhr

Ich denke, die PKV ist auf einem guten Weg! (frei nach Schäuble) Aber ohne Zynismus: wer heute noch glaubt, Versicherungskonzerne wären eine soziale Veranstaltung, würden einfach nur mit vernünftig berechneten Beiträgen versuchen clever organisiert im Sinne des Versicherten Risiko und damit Kosten fair umzuverteilen ... glaubt wohl auch noch an den Weihnachtsmann. Es geht heute nur noch um Renditemaximierung der Aktionäre, um nichts sonst. Mit 25 mit Niedrigbeiträgen, weit unter quer gerechnetem Mittel angelockt, werden ältere PKV-Versicherte im Alter, wenn sie am hilflosesten sind abgezockt - und CDU und SPD schauen dabei seit Jahrzehnten zu ... Es ist eben das neue Menschenbild der aktuell Handelnden - Human Ressources. Und wenn manmit dir keinen Profit mehr machen kann, dann bist du Müll, so einfach. Willkommen in der schönen neuen sozialen Marktwirtschaft, sozial für Banken und Versicherungskonzerne, Markt für die Menschen.

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