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07.04.2016

10:51 Uhr

PKV

Versicherte flüchten aus privater Krankenversicherung

Die Zahl der privat Versicherten sinkt auch in diesem Jahr, meldet der Verband. Warum die gute Konjunktur schädlich fürs Geschäft ist – und der Schutz für viele nicht mehr attraktiv erscheint.

Tipps vom Experten

Deshalb lohnt sich ein Wechsel der Krankenversicherung

Tipps vom Experten: Warum der Wechsel der Krankenversicherung lohnt

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Im Werben um ihre Kunden ziehen die privaten Krankenversicherer alle Register. Ab Mai können sich die Versicherten auch auf Arabisch bei Problemen mit ihrem Arzt oder ihrer Gesellschaft beraten lassen. Der Verband der Privaten Krankenversicherung fördert ab Mai ein entsprechendes Projekt der neu organisierten Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD). Bisher gab es nur Beratungen auf Deutsch, Türkisch und Russisch.

Ob sich die Versicherer von der Flüchtlingswelle einen Schub an Neuverträgen erhoffen, bleibt unklar. In jedem Falle dürften sie wohl nichts dagegen haben, wenn sich das Neugeschäft mal wieder beleben würde. Denn die Zahl an privat Versicherten sinkt seit Jahren.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Am Mittwoch meldete der Verband der privaten Krankenversicherten für das vergangene Jahr einen Rückgang im Bestand um 0,5 Prozent auf 8,79 Millionen Personen. Die Zahl der Verträge sank um umgerechnet 47.100 in einem Jahr. Schon im Jahr 2014 lag das Minus bei fast 50.000 Verträgen – im Vergleich zu 2013 sank der Bestand um 0,5 Prozent. „Der Rückgang war damit geringer als im Vorjahr“, erklärt der Verband in einer entsprechenden Mitteilung. Trotz sinkender Bestände steigen die Beitragseinnahmen. 34,62 Milliarden Euro überwiesen die Versicherten im vergangenen Jahr. Das Plus zum Vorjahr beträgt 0,9 Prozent.

Was halten Sie von privaten Krankenversicherungen?

Die privaten Versicherer erklären den Rückgang im Neugeschäft mit der Rekordzahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die im vergangenen Jahr erreicht wurde. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes wuchs die Zahl der Arbeitnehmer gegenüber 2014 um 426.000 Personen, wogegen die Zahl der Selbstständigen um 97.000 zurückging. „Infolgedessen mussten zigtausende vorher privatversicherten Selbstständigen beim Wechsel in sozialversicherungspflichtige Anstellungen in die GKV wechseln, ob sie das nun wollten oder nicht“, erklärte der Verband.

Der ein oder andere Versicherte dürften gegen einen Wechsel zur gesetzlichen Kasse aber nichts einzuwenden gehabt haben. Zuletzt gaben einige Versicherer deutliche Beitragserhöhungen bekannt. Laut DKV müssen 59 Prozent der 815 000 Vollversicherten des Düsseldorfer Ergo-Konzerns tiefer in die Tasche greifen. Über alle Tarife erhöhten sich die Beiträge um 7,8 Prozent, „Uns ist bewusst, dass das für unsere Kunden eine große Belastung darstellt“, sagte eine Sprecherin, „aber derartige Anpassungen entsprechen den rechtlichen Vorgaben und spiegeln die Entwicklungen in den einzelnen Tarifen wider“.

Seit Ende vergangenen Jahres meldeten mehrere Versicherer Beitragssteigerungen. Die Axa – Nummer vier der Branche – erhöhte zum Jahreswechsel bei 790.000 Vollversicherten die Beiträge um fünf Prozent. Dabei gab es Ausreißer, etwa den Tarif „Vital250“, bei dem die Beträge für rund 30 000 Versicherte um rund ein Drittel teurer wurden. Das letzte Mal sei der Tarif 2012 angepasst worden, erklärte eine Sprecherin.

Andere Gesellschaften gehen vorsichtiger vor. „Die Beiträge bleiben im Wesentlichen auch 2016 stabil“, erklärt Debeka-Vorstandschef Uwe Laue. Bei rund einer halben Million Versicherten sollen sie sogar sinken. 169 000 müssen mehr zahlen. Mit Blick auf die Preisanhebungen der Konkurrenz erklärte ein Debeka-Sprecher: „Das kann uns nicht gefallen.“ Schließlich werde dadurch die PKV an sich diskreditiert. Der PKV-Verband sieht in den vergangenen Jahren eine „insgesamt moderate Beitragsentwicklung“.

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