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22.02.2012

09:14 Uhr

Prämienvergleich

Privatversicherte in der Beitragsfalle

VonThomas Schmitt

Ob Krankenkasse oder Versicherer: Die Prämien steigen viel schneller als die Inflationsrate. Mit wie viel Prozent zusätzlich Versicherte jedes Jahr rechnen müssen, wenn sie sich für eines der beiden Systeme entscheiden.

Privatversicherten ergeht es wie Mäusen: Mit günstigen Beiträgen werden sie gelockt - dann schnappt die Beitragsfalle zu.

Privatversicherten ergeht es wie Mäusen: Mit günstigen Beiträgen werden sie gelockt - dann schnappt die Beitragsfalle zu.

DüsseldorfAls 1989 die Mauer fiel, da war für Dieter H. die Welt im Gesundheitswesen noch in Ordnung. Als Angestellter verdiente der 32 Jahre alte Mann gut. In seiner Krankenkasse zahlte er daher umgerechnet mehr als 300 Euro im Monat – den Höchstsatz, der damals galt. Durch den Wechsel in die private Krankenversicherung (PKV) konnte er diesen Beitrag fast halbieren: auf rund 170 Euro im Monat. 

Heute ist Dieter H. dagegen unzufrieden. Statt 170 Euro zahlt er 22 Jahre später 684,76 Euro. Damit liegt er über dem Höchstsatz in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der in diesem Jahr bei knapp 600 Euro liegt.

„Jeder, der in die PKV geht, muss sich darüber klar sein, dass sich die Prämie in der Restlebenszeit je nach Anbieter verdreifachen oder vervierfachen kann", warnt Karsten George, Versicherungsberater aus Stuttgart. Menschen wie Dieter H. fürchten nun: Wenn diese Entwicklung so weiter geht, dann könnte die Krankenversicherung im Alter unbezahlbar werden. 

Der Grund: In der privaten Krankenversicherung hängt der Beitrag vom gewählten Tarif, also den Leistungen des Versicherers ab. Weniger Beitrag ist meist nur drin, wenn der Versicherte sein Versicherungsniveau senkt oder durch eine Selbstbeteiligung im Zweifel mehr selbst bezahlt.

Die Beitragsspirale in der GKV

Die letzten fünf Jahre: 2008 bis 2012

Schnitt über fünf Jahre: 3,27 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

2012: Beitragssteigerung: 3,03%; Höchster Beitrag: 592,88 Euro
2011: Beitragssteigerung: 2,99%; Höchster Beitrag: 575,44 Euro
2010: Beitragssteigerung: -1,91%; Höchster Beitrag: 558,75 Euro
2009: Beitragssteigerung: 6,20%; Höchster Beitrag: 569,63 Euro
2008: Beitragssteigerung: 6,03%; Höchster Beitrag: 536,4 Euro

2003 bis 2007

Schnitt über zehn Jahre: 2,7 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

2007: Beitragssteigerung: 0,00%; Höchster Beitrag: 505,88 Euro
2006: Beitragssteigerung: 0,36%; Höchster Beitrag: 505,88 Euro
2005: Beitragssteigerung: 1,07%; Höchster Beitrag: 504,08 Euro
2004: Beitragssteigerung: 3,25%; Höchster Beitrag: 498,72 Euro
2003: Beitragssteigerung: 6,01%; Höchster Beitrag: 483 Euro

1998 bis 2002

Schnitt über 15 Jahre: 2,28 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut


2002: Beitragssteigerung: 1,16%; Höchster Beitrag: 455,62 Euro
2001: Beitragssteigerung: 1,16%; Höchster Beitrag: 450,38 Euro
2000: Beitragssteigerung: 0,43%; Höchster Beitrag: 445,21 Euro
1999: Beitragssteigerung: 1,19%; Höchster Beitrag: 443,29 Euro
1998: Beitragssteigerung: 3,20%; Höchster Beitrag: 438,07 Euro

1993 bis 1997

Schnitt über 20 Jahre: 3 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1997: Beitragssteigerung: 2,50%; Höchster Beitrag: 424,5 Euro
1996: Beitragssteigerung: 4,90%; Höchster Beitrag: 414,15 Euro
1995: Beitragssteigerung: 2,63%; Höchster Beitrag: 394,82 Euro
1994: Beitragssteigerung: 3,98%; Höchster Beitrag: 384,7 Euro
1993: Beitragssteigerung: 11,72%; Höchster Beitrag: 369,97 Euro

1988 bis 1992

Schnitt über 25 Jahre: 3,18 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1992: Beitragssteigerung: 8,90%; Höchster Beitrag: 331,16 Euro
1991: Beitragssteigerung: 0,70%; Höchster Beitrag: 304,09 Euro
1990: Beitragssteigerung: 0,08%; Höchster Beitrag: 01,98 Euro
1989: Beitragssteigerung: 1,67%; Höchster Beitrag: 301,75 Euro
1988: Beitragssteigerung: 7,77%; Höchster Beitrag: 296,8 Euro

1983 bis 1987

Schnitt über 30 Jahre: 3,48 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1987: Beitragssteigerung: 5,12%; Höchster Beitrag: 275,41 Euro
1986: Beitragssteigerung: 7,22%; Höchster Beitrag: 261,99 Euro
1985: Beitragssteigerung: 7,49%; Höchster Beitrag: 244,35 Euro
1984: Beitragssteigerung: 0,47%; Höchster Beitrag: 227,32 Euro
1983: Beitragssteigerung: 4,61%; Höchster Beitrag: 226,25 Euro

1978 bis 1982

Schnitt über 35 Jahre: 4,08 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1982: Beitragssteigerung: 8,63%; Höchster Beitrag: 216,28 Euro
1981: Beitragssteigerung: 6,61%; Höchster Beitrag: 99,1 Euro
1980: Beitragssteigerung: 7,74%; Höchster Beitrag: 186,75 Euro
1979: Beitragssteigerung: 7,16%; Höchster Beitrag: 173,33 Euro
1978: Beitragssteigerung: 8,83%; Höchster Beitrag: 161,75 Euro

1973 bis 1977

Schnitt über 40 Jahre: 5,72 Prozent
GKV-Höchstbeiträge: Veränderung zum Vorjahr und absolut

1977: Beitragssteigerung: 10,65%; Höchster Beitrag: 148,63 Euro
1976: Beitragssteigerung: 19,15%; Höchster Beitrag: 134,33 Euro
1975: Beitragssteigerung: 23,78%; Höchster Beitrag: 112,74 Euro
1974: Beitragssteigerung: 12,25%; Höchster Beitrag: 91,08 Euro
1973: Beitragssteigerung: 19,96%; Höchster Beitrag: 81,14 Euro

Im gesetzlichen System der Krankenkassen wird der Beitrag dagegen am Bruttoeinkommen bemessen. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr – bis zu einer Höchstgrenze, die jährlich neu festgelegt wird. Der Beitrag ist also vergleichsweise hoch, so lange das Kassenmitglied noch arbeitet. Er sinkt jedoch im Rentenalter, so dass der Kassenkunde dann womöglich weniger zahlt als im Arbeitsleben. 

Genau in diesem Mechanismus liegt die Falle für PKV-Mitglieder: In jungen Jahren ist die PKV wegen niedriger Beiträge und besserer Leistungen meist attraktiv. Im Alter drohen dagegen gerade für Angestellte und Selbstständige höhere Prämien als in der GKV. Vor allem ältere Privatversicherte überlegen daher, ob sie im Alter nicht doch besser im gesetzlichen System aufgehoben sind. Doch der Weg zurück ist steinig. Ob der Aufwand lohnt, sollte daher vorab genau überlegt werden. 

Was also droht in der PKV? Die Zahlen von Dieter H. liefern dafür gutes Anschauungsmaterial, weil sie sich auf einen Angestellten beziehen, also jene Klientel, die gut verdient und meist mit Anfang 30 in die PKV wechselt. Auf rund die Hälfte der neun Millionen PKV-Vollversicherten trifft dies zu.

In einer anderen, privilegierteren Situation ist dagegen die andere Hälfte in der PKV. Denn 47,5 Prozent der PKV-Mitglieder können vom Staat Hilfe erhalten, was den PKV-Beitrag mindert. Beihilfeberechtigt sind in erster Linie Beamte und ihre Familienangehörigen ohne eigenes Einkommen. Der Zuschuss des Dienstherrn liege bei 50 bis 80 Prozent, heißt es auf der Internetseite Cecu.de. Lediglich die Restkosten müssten bei einer PKV abgesichert werden. Diese große Versicherten-Gruppe ist auch im Alter in einer vergleichsweise besseren Situation, weil für Beamte im Ruhestand Sonderbedingungen gelten. Zudem steigen ihre Beiträge nicht ganz so stark wie jene von Angestellten oder auch Selbstständigen, wie die wenigen verfügbaren Zahlen von Analysten zeigen.

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Kommentare (100)

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kickaha

22.02.2012, 09:44 Uhr

Dann besteht a. die Möglichkeit in einen Tarif mit höherer SB zu wechseln, was mit Eintritt ins Rentenalter eh bei vielen Sinn macht oder b. der Wechsel in den Basistarif der auf die Höchstbeiträge der GKV gedeckelt ist. Was hat Dieter die ganzen Jahre über eigentlich mit dem Beitragsvorteil und den Beitragsrückerstattungen gemacht?

thowe

22.02.2012, 09:51 Uhr

Würden die Leistungskürzungen der GKV berücksichtigt und die wachsenden Steuerzuschüsse, wäre die Beitragsentwicklung der GKV deutlich höher. Dass das kapitalgedeckte System der PKV funktioniert, kann an der Pflegepflichtversicherung gesehen werden!Hier sind die Leistungen gleich zur sozialen Pflegeversicherung. Schätzungsweise zahlt die erwähnte Person hierfür nicht einmal 30 Euro. Im gesetzlichen System dagegen ca. 80 Euro!

OhneWorte

22.02.2012, 09:57 Uhr

Seit 8 Jahren insgesamt rund 230% Beitragsanstieg,incl. Selbstbeteiligung gerechnet. Das Unternehmen in Köln hat offenbar ihre eigenen Vertriebsmethoden. Erst locken und dann fallen lassen und die Beiträge erhöhen. Hier ein offener Brief an die BaFin <http://www.handelsvertreter-blog.de/page/2/> Eintrag vom 30.1.12 im Blog

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