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29.03.2012

13:41 Uhr

Private Kassen

Verbraucherschützer kritisieren steigende Beiträge

VonFrank Matthias Drost, Thomas Schmitt

Die Krankenkassen reagieren auf ernüchternde Ergebnisse der Verbraucherzentralen. Die gesetzliche Konkurrenz fordert nun die Politik auf, die ausufernden Tarifsteigerungen bei den privaten Anbietern zu stoppen.

Feuerwerkskörper. dpa

Feuerwerkskörper.

BerlinVerbraucherschützer prangern Beitragsexplosionen und erschwerte Wechsel in der privaten Krankenversicherung (PKV) an. Die Krankenkassen fordern nun Konsequenzen. Die Politik sei dringend gefordert, die ausufernden Tarifsteigerungen bei den privaten Anbietern zu stoppen.

In den überprüften Fällen – es handelt sich um eine bundesweite, nicht repräsentative  Stichprobe von 160 Beschwerden - stiegen die Versicherungsbeiträge zum Jahreswechsel im Schnitt um rund 24 Prozent. Besonders negativ fielen aus Sicht der Verbraucherschützer die Central Krankenversicherung und die Gothaer Versicherung mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 28,4 Prozent und 26,4 Prozent auf. In einem Einzelfall lag die Erhöhung sogar  bei 60 Prozent.

Die Beitragsspirale in der PKV

Rechenspiele

Die Beitragssteigerung in der PKV ist umstritten. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Zahlen der Branche. Ein Überblick über verschiedene Berechnungen von Experten.

Mittelwerte

Die Ergebnisse hängen von den Berechnungsmethoden ab. Wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnitte, die natürlich sowohl nach oben wie nach oben vom Mittelwert abweichen können.

Tendenz

Angestellte bezahlen eher überdurchschnittlich mehr, Beamte eher unterdurchschnittlich.

Männer

Laut Morgen & Morgen stiegen die Beiträge für Neuverträge 2012 um 4,4 Prozent. Männer zahlen überproportional mehr:

2006: 4,54%

2007: 4,91%

2008: 4,55%

2009: 5,37%

2010: 5,62%

2011: 5,67%

2012: 5,24%

Frauen

Bei weiblichen Versicherten fallen die Steigerungen in diesem Jahr deutlich niedriger aus.

2006: 3,87 %

2007: 4,29 %

2008: 3,46 %

2009: 3,94 %

2010: 4,20 %

2011: 4,29 %

2012: 3,87 %

2001 bis 2012: Beitragssteigerung laut Map-Report

Schnitt über 12 Jahre: 4,1 Prozent

2012: 1,98%
2011: 4,95%
2010: 6,97%
2009: 1,23%
2008: 2,71%
2007: 4,89%
2006: 3,37%
2005: 2,77%
2004: 6,86%
2003: 5,28%
2002: 4,51%
2001: 3,65%

2006 bis 2011: Beitragsanstieg laut Assekurata

Schnitt über sechs Jahre: 4,18 Prozent
Schnitt Angestellte: 4,8 Prozent

2011: 4,17%
2010: 6,75%
2009: 2,23%
2008: 3,72%
2007: 2,74%
2006: 5,46%

2006 bis 2010: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über fünf Jahre: 2,88 Prozent

2010: Prämie: 2706,10 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,67%
2009: Prämie: 2560,94 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,54%
2008: Prämie: 2522,20 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,66%
2007: Prämie: 2480,91 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,69%
2006: Prämie: 2415,99 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,87%

Quelle: Zahlenbericht der PKV

2001 bis 2005: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über zehn Jahre: 4 Prozent

2005: Prämie: 2348,64 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,60%
2004: Prämie: 2289,15 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,95%
2003: Prämie: 2160,60 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 7,73%
2002: Prämie: 2005,53 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,32%
2001: Prämie: 1904,22 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 4,00%

1996 bis 2004: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über 15 Jahre: 3,73 Prozent

2000: Prämie: 1831,05 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,55%
1999: Prämie: 1768,28 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,67%
1998: Prämie: 1705,69 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,07%
1997: Prämie: 1654,88 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,32%
1996: Prämie: 1617,42 Euro: Veränderung zum Vorjahr: 3,27%

Die Inflationsraten: 1989 bis 2011

Schnitt: 2,2 Prozent

„Unsere Befürchtungen wurden weit übertroffen“, sagte Michael Wortberg, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Berlin. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ging es um Verträge, die länger als zehn Jahre bestanden und Versicherte, die älter als 45 Jahre alt waren. Kunden würden berichten, dass sie die Beiträge im Ruhestand nicht mehr aufbringen könnten. Gleichzeitig betonen die Verbraucherschützer, dass es sich um keine repräsentative Erhebung handele.

Die Aktion der Verbraucherzentralen zeigt nach Ansicht von Thomas Ballast, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (vdek), dass es nicht mehr um Einzelfälle gehe: „Gäbe es derartige Kostensteigerungen bei den gesetzlichen Krankenkassen, hätten die Aufsichtsbehörden längst die Schließung der Kasse verkündet.“ Die Auswertung zeige eindringlich, dass die Versicherten ihren Versicherungsschutz in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht leichtsinnig über Bord werfen sollten. In der GKV drohten nicht - wie in der privaten Krankenversicherung - steigende Beiträge im Alter. Er warnte vor Lockangeboten: „Wer sich einmal für die PKV entschieden hat, für den gibt es nahezu kein Zurück mehr in die GKV.“

Auch die Politik erkenne mehr und mehr, dass die private Krankenversicherung existenzielle Probleme habe. Allerdings dürfe die Lösung des Problems nicht darin bestehen, den privaten Krankenversicherungen weitere Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Prämienvergleich: Privatversicherte in der Beitragsfalle

Prämienvergleich

Privatversicherte in der Beitragsfalle

Ob Krankenkasse oder Versicherer: Die Prämien steigen viel schneller als die Inflationsrate. Mit wie viel Prozent zusätzlich Versicherte jedes Jahr rechnen müssen, wenn sie sich für eines der beiden Systeme entscheiden.

Nicht nur die Beitragserhöhungen sind den Verbraucherschützern ein Dorn im Auge. Nur in vier von 144 ausgewerteten Fällen gelang der Wechsel in einen kostengünstigeren Tarif problemlos. Das Wechselrecht werde vielfach unterlaufen, behaupten die Verbraucherschützer. Beispielsweise werde Versicherten lediglich angeboten, vom Alttarif in den noch teureren Basistarif zu wechseln, der aber schlechtere Leistungen biete.

Kommentare (33)

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Notarzt

29.03.2012, 10:29 Uhr

Damit die Jungen zu ihnen kommen und von Billigtarifen profitieren, kassieren sie gehörig die Alten ab. Egal ob es da an die Substanz geht. Bleibt bitte in den gesetzlichen Kassen. Da werdet ihr im Alter nicht abgezockt und ausgenommen!

Account gelöscht!

29.03.2012, 10:50 Uhr

was für ein bescheuerter Kommentar, @Notarzt! Jeder kann sich entscheiden und soll das frei tun. Als die Praxisgebühr eingeführt wurde mussten auch schnell Kompensationen für die her, die sich das nicht leisetn können. Jetzt stellt man bereits fest, dass sie keine steuernde Wirkung hat und die Arztleistung durch die weitere Bürokratie erneut verteuert. Abschaffen will sie aber keiner.

Wenn ich heute in der GKV bin und Zahnersatz brauche muss ich ggf. auch massig dazuzahlen. Mit einer PKV-Versicherung federe ich das viel besser ab. Die Falschberatung früher und die Unvorhersehbarkeit des Lebens verursachen einzelne Ausreisser. Aber deshalb hat die PKV dennoch eine gute Existenzberechtigung, denn sie funktioniert ohne Steuerzuschüsse, ohne jährliche Zwnagserhöhung (was anderes ist die Verschiebung der Beitragsbemessungsgrenze?) und kann zum Teil sogar Beiträge zurückgeben und legt für das Alter 10% beiseite. Hat das die GKV auch zu bieten?

Nein, die GKV macht es genau andersrum.

Beitragszahler

29.03.2012, 11:27 Uhr

Das Wesen einer privaten Krankenkasse ist, dass sie ihre Beitragssätze nicht allein aus politischen Gründen (ältere Wähler sind wichtiger als jüngere, deshalb zahlen Rentner generell auch nicht den Arbeitgeberbeitrag und damit nur den halben Beitragssatz, nehmen aber die Leistungen der KV stärker in Anspruch) festlegt, sondern die tatsächlichen Kosten im Blick halten muss, die sich eben auch aus jährlichen 10%-igen Arzthonorarsteigerungen und Preissteigerungen ergeben. Das dürfte zu einem solideren wirtschaften als bei der GKV zwingen.

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