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07.05.2012

09:47 Uhr

Private Krankenversicherung

Die Schlinge um die PKV zieht sich zu

VonThomas Schmitt

Linke Politiker und Krankenkassen befeuern ihre Kampagne gegen die PKV. Selbst in CDU und FDP mehren sich die Kritiker. Versicherer und AOK bombardieren sich gegenseitig mit Horrorszenarien zur Beitragsentwicklung.

Cowboy bei einem Rodeo. ap

Cowboy bei einem Rodeo.

DüsseldorfSeit fast zwei Jahrzehnten ist Oskar K. in der privaten Krankenversicherung (PKV). Lange war der Akademiker zufrieden, doch seit ein paar Jahren steigt sein Ärger. „Ein großer Teil der Privatversicherten sitzt auf einem Pulverfass“, sagt er heute. Denn wie sich Leistungen und Beiträge künftig entwickeln, sei nicht absehbar. 

Das sehen immer mehr Politiker, Verbraucherschützer und viele Konkurrenten der PKV genauso. Und sie nehmen einzelne Fälle wie den von Oskar K. inzwischen wöchentlich zum Anlass, den öffentlichen Druck auf die privaten Anbieter zu erhöhen. Im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl zieht sich die Schlinge zu: Die PKV kämpft immer verzweifelter ums Überleben. Denn die Anti-PKV-Front will nicht nur an die Rücklagen der Privaten, viele würden die PKV in ihrer heutigen Form am liebsten abschaffen und durch eine Bürgerversicherung für alle ersetzen. 

So stark steigen die Prämien in der PKV

Bandbreite

Wie stark die Prämie in der privaten Krankenversicherung steigen, ist heftig umstritten. Die Angaben von Analysten, öffentlichen Stellen und der Branche schwanken zwischen drei und neun Prozent pro Jahr. Das jeweilige Ergebnis hängt dabei stark vom Betrachter und der Rechenmethode ab.

Quelle: AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“

Finanzministerium

Die Finanzaufsicht Bafin führt seit über einem Jahrzehnt eine Statistik über die Beitragsentwicklung der gut 40 privaten Krankenversicherer. Grundlage sind Angaben der Unternehmen. Bisher war diese Statistik unbekannt. Auf eine Anfrage der Linken im Bundestag ergab sich im April 2012: 5,2 Prozent Steigerung pro Jahr im Zeitraum 2000 bis 2010.

PKV-Verband

Die Branche ist mit Angaben über die Beitragsentwicklung sehr zurückhaltend. Gemeinhin beziehen sich die Manager auf Berechnungen von Analysten. In der PKV-Publik Ausgabe 03/2012 ist ein Wert von 3,3 Prozent pro Jahr genannt.

Map-Report

In der Branche stark beachtet wird der Map-Report. Dessen Berechnungen beruhen aber nur auf einem Teil der Branche, und zwar jenen Unternehmen, die an den Analysten Daten liefern. 5,3 Prozent pro Jahr berechnete der Map-Report für den Zeitraum 1997 bis 2008. Für den Zeitraum 1994 bis 2007 sind es 5,1 Prozent. Als Quelle dafür nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Morgen & Morgen

Die Analysten von Morgen & Morgen kommen auf 4,2 bis 5,0 Prozent pro Jahr. Die Basis für diese Berechnung sind einzelne Tarifsteigerungen gerechnet für alle Tarife im Zeitraum 1998 bis 2007. Als Quelle nennt die AOK-Studie das IGES Gutachten.

Krankenkassen

Die AOK-Studie „Krankenversicherungsmarkt der Zukunft“ berechnet die Steigerung der Prämie je Versicherter zwischen 1997 und 2007 auf 4,1 Prozent. Dabei wurden neue Tarife,

Selbstbehalte, Leistungskatalogänderungen nicht berücksichtigt. Quelle dafür: PKV-Zahlenbericht sowie eigene Berechnungen der Studienschreiber

So stark steigen die Bestandsprämien

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report eine Beitragssteigerung von 4,1 - 7,5 Prozent pro Jahr. Quelle: IGES Gutachten

So viel mehr zahlen Neukunden

Für einen männlichen Angestellten, 32 Jahre alt und die Ehefrau, 28 Jahre, versichert ab 1993, berechnete der Map-Report in den Neukundentarifen eine Beitragssteigerung von 6,1 bis 8,9 Prozent pro Jahr.

Quelle: IGES Gutachten

So entwickeln sich die günstigsten Tarife

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 2,5 bis 3,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So geht es in den teuersten Tarifen hoch

Die Analysten von Morgen & Morgen haben für die günstigsten Tarife im Zeitraum von 1998 bis 2007 folgende Beitragssteigerung pro Jahr errechnet: 4,9 - 5,3 Prozent

Quelle: IGES Gutachten

So schnell verdoppeln sich die Prämien

GKV: alle 32 Jahre, Steigerungsrate 2,2 Prozent pro Jahr

PKV: alle 17 Jahre, Steigerungsrate 4,1 Prozent pro Jahr

Zum Vergleich das BIP: alle 29 Jahre, bei einer Steigerungsrate von 2,4 Prozent

Quelle: Prognose in der AOK-Faktensammlung

Befeuert wird die Anti-PKV-Kampagne durch immer neue Berichte und Studien über starke Beitragsanstiege. So hat Oskar K. dem Handelsblatt aufgezeigt: Innerhalb von nur zehn Jahren verdoppelte sich seine Prämie nahezu. Dass der Informatiker kein Einzelfall ist, belegen nun sogar Zahlen, die jüngst von der Bundesregierung veröffentlicht wurden. Seit 2000 sind die Prämien für Privatpatienten im Schnitt um mehr als fünf Prozent gestiegen. Generell gilt dabei: Für Beamte eher weniger, für Angestellte und Selbstständige eher mehr. 

Für die gut 40 privaten Krankenversicherer sind das unangenehme Wahrheiten. Denn wenn privat versicherte Angestellte mit sechs Prozent oder mehr Beitragsanstieg rechnen müssen, dann verdoppelt sich ihre Prämie theoretisch alle zwölf Jahre. Wer also als Angestellter dem Höchstbeitrag der Krankenkassen entkommen ist und seine Prämie in der PKV halbiert hat, ist viel schneller als gedacht wieder auf seinem Ausgangsniveau. 

Bitter für die Branche: Solche Rechnungen widerlegen eine Kernbotschaft der Verkäufer von privaten Krankenversicherungen. Die Branche liefert zwar nur für neun Millionen Deutsche den vollen Krankenschutz, doch vermarktet wurde dies bisher als die höherwertige Alternative zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Kurz gesagt: Günstiger im Preis und besser in der Leistung. So wurden neue Kunden jahrzehntelang gelockt. 

Kommentare (71)

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okocha24

07.05.2012, 10:16 Uhr

Nur weil die gesetzlichen Krankenkassen nicht in der Lage sind anständig zu wirtschaften, wollen sie an die Reserven der PKV. Des Weiteren gibt es ohnehin zuviele Krankenkassen in Deutschland, was den Konkurrenzdruck erhöht. Die nächste Frage ist: Warum muss ich die gesetzlich Versicherten unterstützen im Wege eines Solidaritätspaktes? Wenn ich finanziell in der Lage bin mich besser zu versichern, warum sollte ich es nicht tun? Ich kann nichts dafür, dass ich besser als andere verdiene.

PKV

07.05.2012, 10:19 Uhr

Die Beitragsanpassungen unterliegen nicht der aufsichtsrechtlichen Genehmigunspflicht.
Die Notwendikeit und den Umfang der Beitragsanpassung hat der Versciherer enem unabhängigen Treuhänder unter Vorlage seiner versicherungsmathematischen Kalkkulationsgrundlagen nachzuweisen. Der Treuhänder prüft die versicherungsmathematischen Kalkulationsgrundlagen un d achtet darauf, dass die bestehenden Rechtsvorschriften eingehlaten werden. Erst nachdem der treuhänder seine Zustimmung zur Beitragsanpassung erteilt hat, darf diese vom Versicherer in Kraft gesetzt werden. -Soweit Zitat der BaFin nach Stellungnahme einer PKV-

Diese schreibt zur Anpassung: Beitragsanpassung (38%) führte zum Ergebnis, das die nach dem festgelegten mathematischen-statistischen Verfahren berehneten erforderlichen Versicherungsleistungen ncht nur vorübergehnd deutlich von den kalkulierten abwischen...

...zudem waren die Annahmen zur sog. Sterbewahrscheinlichkeit anzupassen.

Entscheidend für die Beitragserhöhung war im Ergebnis also die Änderungen der Rechnngsgrundlagen, die von uns aus nicht beieinflussbar sind.

Auf §11 der All. Versicerungsbedingungen für die Beitragsanpassung wurde sich bezogen.

BaFin bestätigt Ordnungsgemäßigkeit.



Account gelöscht!

07.05.2012, 10:22 Uhr

Bei der GKV muss man um die 15% vom AN-Brutto zahlen. Nicht sehr günstig, aber kalkulierbar - darauf kommt es an.
Bei der PKV kann keiner sagen, was man absolut in zwei bis fünf Jahren bezahlen muss - finanzieller Harakiri.
Deshalb, auch wenn teurer, lieber GKV.

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