Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.12.2017

16:20 Uhr

Private Krankenversicherung

Die ungeliebte Mitteilung zum Jahresende

VonChristian Schnell

Ein Drittel aller privat Krankenversicherten in Deutschland muss im kommenden Jahr höhere Beiträge zahlen. Auf manchen Kunden kommen so mehr als hundert Euro im Monat zu. Doch es gibt auch Wege, um dagegen zu steuern.

Nur als Silhouette zu erkennen ist eine Ärztin (r), die im Frankfurter Bürgerhospital einem Patienten das Herz abhört. Neben dem teuren medizinischen Fortschritt belastet die Privaten Krankenkassen schon seit Jahren die anhaltende Niedrigzinsphase. dpa

Private Krankenversicherung

Nur als Silhouette zu erkennen ist eine Ärztin (r), die im Frankfurter Bürgerhospital einem Patienten das Herz abhört. Neben dem teuren medizinischen Fortschritt belastet die Privaten Krankenkassen schon seit Jahren die anhaltende Niedrigzinsphase.

MünchenDie Mitteilungen finden in diesen Tagen über 8,7 Millionen Menschen in der Post. So viele sind in Deutschland bei Privaten Krankenkassen versichert. Diese teilen ihren Kunden jedes Jahr zwischen Ende November und Anfang Dezember mit, wie sehr sich die Beiträge im kommenden Jahr verändern werden. Für viele bleibt alles beim Alten, andere wiederum müssen Steigerungen von teils über hundert Euro im Monat hinnehmen.

Die Aufregung gerade bei ihnen ist Jahr für Jahr hoch. Zumal kein Kunde dauerhaft davon verschont bleibt, selbst wenn für nächstes Jahr die Beiträge auf der Stelle treten. Schließlich ist manch einer noch dabei, den kräftigen Anstieg aus dem vergangenen Jahr zu verkraften. Und wer auch da verschont wurde, der kann sich bereits darauf einstellen, dass er wohl in einem Jahr dran sein könnte.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Dass es irgendwann jeden mit einer größeren Erhöhung trifft, liegt an den Vorgaben, die die Politik den Privaten Krankenkassen einst gemacht hat. Demnach darf eine Beitragsanpassung nur erfolgen, wenn die Versicherungsleistungen in einem Tarif nachweislich um mindestens zehn Prozent über der ursprünglichen Kalkulation liegen. Ein unabhängiger Treuhänder entscheidet darüber. So kann es kommen, dass ein Kunde ein oder mehrere Jahre keine Beitragserhöhungen erhält, weil die Preissteigerungen unter dieser Schwelle liegen und nicht weitergegeben werden. Dann aber wird es für Versicherte schmerzhaft.

Und auch für deren Krankenkassen. Die bekommen den Unmut schließlich zu dieser Jahreszeit regelmäßig zu spüren. Deswegen fordern Kassen wie Verbraucherschützer, dass die Anpassungen in Zukunft jedes Jahr unabhängig von Schwellen durchgeführt werden sollen. Der große Schock für viele Kunden bliebe dann wohl aus. Bisher hatten sie damit jedoch in Regierungskreisen keinen Erfolg.

Dabei hängen die Preissteigerungen auch immer mit dem teuren medizinischen Fortschritt zusammen. Anschaffungen für Geräte, aber auch stetig steigende Kosten für Medikamente machen den Kassen zu schaffen und führen dazu, dass die Schwelle von zehn Prozent manchmal schneller erreicht wird als erwartet. Umgekehrt profitieren die Kunden von einer deutlich besseren medizinischen Versorgung, einer höheren Lebensqualität und womöglich auch einer längeren Lebensdauer.

Im vergangenen Jahr führten die Beitragsanpassungen dazu, dass gut zwei Drittel der Kunden mehr bezahlen mussten. In diesem Jahr gehen die Schätzungen der Branche lediglich in Richtung eines Drittels. Knapp drei Millionen Menschen im Land müssen somit im kommenden Jahr mehr für ihre Private Krankenkasse bezahlen, ist zu hören.

Wie es in einem Jahr aussehen wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. „Das Ziel der gesamten Branche muss es sein, dass keine Beitragsanpassung pro Jahr bei mehr als fünf Prozent liegt“, fordert deshalb Andreas Vollmer, Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute (BVK). Auf diesem Niveau verteuere sich schließlich auch das Gesundheitssystem im Schnitt pro Jahr. Man würde sich so die Waage halten.

Wer beim Wechsel in die GKV hilft

Die Helfer

Anwälte, Rentenberater oder Mitarbeiter von Krankenkassen kennen sich im Sozialrecht am besten aus, wenn Privatpatienten von der privaten Krankenversicherung (PKV) zurück in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) möchten. Auch Verbraucherschützer leisten Hilfestellung.

Anwalt.de

Die Internetseite anwalt.de bietet eine Suche nach Anwälten für Sozialrecht

Anwaltsuche

Auch die Internetseite Anwaltsuche liefert Spezialisten im Sozialrecht sowie weitere Informationen zum Thema

Anwaltsverein

Im Deutschen Anwaltsverein gibt es eine Arbeitsgemeinschaft für Sozialrecht. Auch hier wird auf eine Online-Anwaltsuche verwiesen. Einen Anwalt finden Interessenten hier auch über das Telefon 01805-181805. Die Auskunft selbst ist kostenlos, das Telefonat kostet – aus dem Festnetz – 0,15 Euro pro Minute.

Anwalt-Suchservice

Ein weiterer Dienst im Internet, um einen geeigneten Anwalt zu finden, ist der Anwalt-Suchservice

Ombudsmann

Der Ombudsmann für Versicherungen ist eine unabhängige und für Verbraucher kostenfrei arbeitende Schlichtungsstelle, welche bei Meinungsverschiedenheit mit Versicherungsunternehmen die Entscheidungen der Versicherer neutral überprüft.

Bund der Versicherten

Die Verbraucherschutzorganisation Bund der Versicherten setzt sich für die Rechte der Verbraucher im Versicherungswesen ein.

Krankenkassen

Für die Techniker Krankenkasse, die 7,8 Millionen gesetzlich Versicherte betreut, sind Beratungen für Wechselinteressenten inzwischen Routine. Für PKV-Kunden ist die Kasse in den letzten Jahren ein attraktives Ziel gewesen. Allein 2011 kam 68.000 Personen aus der PKV.

Verbraucherzentralen

In den Verbraucherberatungsstellen tauche die Frage nach einer möglichen Rückkehr in die GKV zwar immer wieder auf, stellte Ilona Köster-Steinebach vom Bundesverband der Verbraucherzentralen jüngst fest. Gerade nach deutlichen Prämienerhöhungen wachse das Interesse an den gesetzlichen Kassen. Zu ihnen gebe es für Privatversicherte aber nur sehr begrenzten Zugang. Der Beratungsschwerpunkt liegt eher auf der Tarifwechselberatung innerhalb der PKV

 

Neben dem teuren medizinischen Fortschritt belastet die Privaten Krankenkassen schon seit Jahren die anhaltende Niedrigzinsphase. Das System sieht vor, dass ein großer Teil der Beiträge aufgespart wird, wenn dann im Alter die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen. Die sogenannten Altersrückstellungen werden dabei am Kapitalmarkt angelegt, darunter sind noch heute viele lang laufende Anleihen, die überdurchschnittlich hohe Zinsen garantieren.

Von denen laufen jedoch jedes Jahr etliche aus. Eine Wiederanlage ist nur noch zu geringeren Zinsen möglich. Die 3,7 Prozent, die im vergangenen Jahr im Schnitt noch erzielt wurden, sind auf Dauer sicherlich nicht zu halten. Auch hier erwächst den Krankenkassen zusehends ein Problem.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Günther Heck

06.12.2017, 18:27 Uhr

Ein ganz normaler volkswirtechaflicher Prozess in Deutschland, das geht bis hin zu den kommunalen Erhöhungen u.v.m.

Beitragsteigerungen von 10 oder 20 oder mehr Prozent ist teils schon eher die Regel als eine Ausnahme.

Schliesslich müssen die Ärzte, Zahnärzte auch von etwas als Millonäre leben. Und die ganzen Vorstände von Bayer, Fresenius, Merck & Co. auch.

Und bitte nicht die Krankenversicherungen vergessen.

Nimmt man das alles zusammen, ist es scheinbar noch richtig billig.

Aber älter und gesünder werden wir davon nicht.

Irgendwie muß ja aich hier die Dritte Welt quersubventioniert werden.

Schon mal dieser Tage bei Arzt in das Wartezimmer reingeschaut. Nein. Zu viel Arbeit und wenig Zeit.

Das sollte man aber machen. Weil irgendwann setzten auch die dort, die nie Zeit hätten.

Herr Jürgen Hübner

07.12.2017, 09:44 Uhr

Ich habe als PKV-Kunde eine Brief (kostet 70 Cent Porto) bekommen, in dem mir mitgeteilt wird, dass ich 53 Cent / Monat weniger löhnen muss.

Herr Leo Löwenstein

07.12.2017, 10:16 Uhr

Herr Günther Heck - 06.12.2017, 18:27 Uhr

Sie haben die Aktionäre noch vergessen, die müssen auch och gefüttert werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×