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20.09.2013

07:26 Uhr

Private Krankenversicherung

Ein Schatz weckt Begehrlichkeiten

VonThomas Schmitt

Die Politik will mehr Wettbewerb in der privaten Krankenversicherung. Das wäre gut für Privatpatienten. Sie könnten dann über Geld verfügen, das ihnen gehört, an das sie aber nicht rankommen – ihre Altersrückstellungen.

Auf Schatzsuche begeben sich die Politiker in der privaten Krankenversicherung. Sie wollen allerdings keine Silbermünzen heben, sondern die Alterungsrückstellungen der Privatpatienten übertragbar machen. dpa

Auf Schatzsuche begeben sich die Politiker in der privaten Krankenversicherung. Sie wollen allerdings keine Silbermünzen heben, sondern die Alterungsrückstellungen der Privatpatienten übertragbar machen.

DüsseldorfDie Summe ist gewaltig. Rund 180 Milliarden Euro haben die neun Millionen Kunden der Privaten Krankenversicherung (PKV) auf der hohen Kante – als Notgroschen fürs Alter. Das sind im Schnitt immerhin 20.000 Euro pro Nase, wobei auf junge Privatpatienten weniger entfällt und auf alte Kunden wesentlich mehr. 

Der Geldberg verzinst sich gut, oft noch mit mindestens 3,5 Prozent pro Jahr. Und er wächst Jahr für Jahr um rund zehn Milliarden Euro – was schon ein ordentlicher Beitrag zur Sparleistung in Deutschland ist. Doch so schön das auch ist: Die Sparer kommen an ihren Schatz nicht ran. Sie wissen in aller Regel nicht einmal, wie viel Geld sie überhaupt im Laufe der Jahre dafür an den Versicherer gezahlt haben. 

Die privaten Krankenversicherer sitzen auf ihrem Schatz – und das soll am besten auch für alle Zeit so bleiben. Denn mit dem Geld wollen sie verhindern, dass die Beiträge zu stark steigen, wenn ihre Kunden alt und krank sind. Doch die Eichhörnchen-Mentalität der Branche hat für Kunden eine Menge Nachteile. 

Alterungsrückstellungen in der PKV: Worum geht es?

Sinn

Die Private Kranken- und Pflegeversicherung bildet Alterungsrückstellungen als Vorsorge dafür, dass mit steigendem Lebensalter die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen zunimmt. Der Versicherungsbeitrag wird so kalkuliert, dass er in jungen Jahren höher ist als die tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungen. Die Differenz wird zunächst in der Alterungsrückstellung verzinslich angelegt.

 

Quelle: PKV-Verband, Finanzaufsicht Bafin

Ausgleich

Wenn in späteren Lebensjahren die kalkulierten Kosten für Gesundheitsleistungen dann über dem Zahlbeitrag liegen, wird die Lücke durch Entnahme aus den Alterungsrückstellungen geschlossen.

Gesamthöhe

Insgesamt beziffert der PKV-Verband die Altersrückstellungen in der privaten Krankenversicherung (PKV) auf rund 180 Milliarden Euro.

Übertragbarkeit

Ob Altersrückstellungen übertragbar sind, hängt davon ab, seit wann der Kunde eine Privatversicherung besitzt. Stichtag ist dabei der 1. Januar 2009. Zu unterscheiden sind also neue und alte PKV-Kunden.

Neue PKV-Kunden

Hier geht es um rund eine Million Kunden, die nach dem 1. Januar 2009 ihren PKV-Vertrag abgeschlossen haben. Bei einem Versichererwechsel werden die kalkulierten Alterungsrückstellungen an den neuen Versicherer übertragen (§ 204 Abs. 1 Nr. 2 a VVG), aber nur teilweise. Entscheidender Vergleichsmaßstab sind die Leistungen des PKV-Basistarifs. Es werden also die Alterungsrückstellungen so übertragen, als ob der Versicherte von Beginn an im Basistarif versichert gewesen wäre.

Alte PKV-Kunden

Hier geht es um die Masse der Privatpatienten, etwa acht Millionen. In die Beiträge von Versicherten, die vor dem 1. Januar 2009 in die PKV gingen, ist die Übertragungsmöglichkeit von Alterungsrückstellungen nicht im Tarif einkalkuliert. Sie erhielten nur einmalig die Gelegenheit, mit ihren Alterungsrückstellungen innerhalb der PKV zu wechseln – und zwar zwischen dem 1. Januar und dem 30. Juni 2009 (§ 204 Abs. 1 Nr. 2 b VVG).

Zusatzversicherung für neue PKV-Kunden

Wechselt der Versicherte unter Anrechnung von Alterungsrückstellungen das Versicherungsunternehmen, kann der Versicherte bei seinem bisherigen Versicherer eine Zusatzversicherung abschließen, auf die verbleibende Teile der Alterungsrückstellung, die nicht übertragen worden sind, angerechnet werden (§ 204 Abs. 1 Satz 2 VVG).

Auskunftsrecht für neue PKV-Kunden

Der Versicherer hat dem Versicherungsnehmer ab dem 01. Januar 2009 auf Anfrage Auskunft über die Höhe der Alterungsrückstellungen, die bei einem Unternehmenswechsel mitgenommen werden können Ab dem 01.Januar 2013 ist das Versicherungsunternehmen verpflichtet, dem Versicherten diesen Wert einmal jährlich mitzuteilen (vgl. § 6 Abs. 2 Satz 9 der Verordnung über Informationspflichten bei Versicherungsverträgen - VVG-InfoV).

Höhe der übertragbaren Rückstellungen

Wie hoch die übertragbaren Alterungsrückstellungen sein werden, hängt von mehreren Faktoren ab: Bestandsdauer des Vertrages, Umfang des Versicherungsschutzes, Alter und Geschlecht der Versicherten. Rechtlich geregelt werden die Übertragungsmechanismen in der Kalkulationsverordnung.

Langjährige Kunden werden zum Beispiel dadurch an ihren Anbieter gefesselt. Gemeint sind damit Menschen, die vor 2009 Privatpatient wurden. Das ist die Masse der PKV-Kunden. Wenn einer dieser Kunden zu einem anderen Versicherer gehen möchte, kann er seine Alterungsrückstellungen nicht mitnehmen. 

Die Folge eines Wechsels wäre damit: Der Versicherte verlöre nicht nur viel Geld - in der Regel viele Zehntausende Euro. Er müsste bei seinem neuen Versicherer auch direkt höhere Beiträge bezahlen. Schließlich hat er dort ja noch keine Alterungsrückstellungen angespart, mit denen er seine Prämie drücken könnte. 

Das lohnt sich in aller Regel nicht – da bleiben die meisten lieber bei ihrem alten Versicherer, auch wenn sie unzufrieden sind. Der Leidensdruck muss schon sehr groß sein, um den Schritt zu einem anderen Anbieter trotzdem zu wagen. Sinnvoll sei das nicht, finden Verbraucherschützer schon lange. Die Wagenburgmentalität verhindere eine Abstimmung mit den Füßen, mithin also Wettbewerb in der Branche. Inzwischen sind ihre Argumente auch in der Politik angekommen.  

Kommentare (32)

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RDA

20.09.2013, 08:28 Uhr

Tja, nachdem in den 80ern die Sozialkassen erst die Arbeitslosigkeit und in den 90ern gleich die Wiedervereinigung und die Millionen russischen Spätaussiedler mitfinanzieren mussten, kann doch jetzt mal die PKV bluten für unseren demografischen Wandel: Es wird eine Bürgerversicherung eingeführt und die PKV wird eine obligatorische Zusatzversicherung. Der Kapitalstock der PKV wird großteils für demografische Lasten im Umlageverfahren aufgelöst.

Karlaugust

20.09.2013, 08:29 Uhr

Mal schauen, was bei unseren Politikern mehr zählt: Die Macht der Versicherungskonzerne und deren Lobbyisten oder das Wohl der Versicherten.

Bitte nicht lachen, das war eine rein rhetorische Frage.

Gruenenfeind

20.09.2013, 08:34 Uhr

Seit Jahren beobachte ich als privat Versicherter das immer wiederkehrende, durchs Dorf getriebene Sau der Versicherungsreform mit Verständnislosigkeit und Kopfschütteln. Bis jetzt hat die PKV-Lobby jeden Reformversuch erfolgreich abgewehrt. Logisch. Bei dem fetten Braten, auf dem sie sitzen.

Auch bei mehr Wettberwerb wird kein für die Versicherten zufriedenstellendes Wettberwerbsmodell herauskommen. Die Krankenversicherer sollten sich auf das beschränken, für was sie da sind, nämlich "Schadensfälle" zu regulieren.

Das wichtige Thema der Altersrückstellungen gehört aus dem Versicherungsgeschäft ausgelagert und muß separat sein. An dieses zentrale Rückstellungssystem muß jede Versicherung angeschlossen sein. Wenn ich meine Versicherung wechsle, bleibt die Rückstellung an selber Stelle.

Wenn es notwendig wird, die Rücklagen anzutasten, könnten hier auch Kontrollmechanismen eingreifen, die Transparenz ins System bringen.

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