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13.11.2014

13:28 Uhr

Private Krankenversicherung

Wechseln oder nicht?

VonSara Zinnecker

Mehr Leistung für weniger Geld: Jungen Gutverdienern gefällt die Idee, mit dem Wechsel in die private Krankenversicherung Hunderte Euro zu sparen. Doch Experten warnen: Das ist zu kurz gedacht. Unser Tool der Woche.

Ratloser Patient: Was spricht für den Wechsel in die Private Kasse – und was dagegen?

Ratloser Patient: Was spricht für den Wechsel in die Private Kasse – und was dagegen?

DüsseldorfFür Fabian läuft alles rund: Gerade Anfang 30, ist der BWL-er fest angestellt in einem expandierenden Unternehmen. Den Job macht er jetzt etwas über ein Jahr, verdient mit rund 70.000 Euro Brutto-Jahreseinkommen überdurchschnittlich gut. Der nächste Karriereschritt ist bereits in Planung, finanzielle Engpässe sind weit und breit nicht in Sicht. Trotz der guten „Ausgangslage“ – und weil er schließlich hart für seinen Lohn arbeitet – will Fabian kein Geld verschenken. Der Marketingspezialist denkt nach, wo er bei den laufenden Ausgaben Geld einsparen könnte.

Bei seinen Überlegungen stößt Fabian schließlich recht schnell auf einen Posten, der ihn schon lange ärgert: die Krankenversicherung. 383,74 Euro zahlt er als Arbeitnehmer jeden Monat in die gesetzliche Krankenkasse (GKV) und die Pflegeversicherung ein, weitere rund 337,16 Euro übernimmt der Arbeitgeber. Es ist der Höchstsatz, der für alle kinderlosen, abhängig Beschäftigten gilt, die im Monat 4.050 Euro brutto oder mehr verdienen. Fabian erscheint das recht viel – insbesondere, weil er von einem Freund gehört hat, dass er sich für die Hälfte des Beitrags auch privat versichern könnte – bei besserer Leistung.

In der Tat zeigt etwa der Schnellcheck auf Handelsblatt Online: Für einen Angestellten Anfang 30 sind standardumfängliche Privatpolicen – die unter anderem Zahnbehandlungen, Zahnersatz, Pflegeversicherung und das Recht auf ein Einzelzimmer im Krankenhaus mit einschließen – bereits ab 160 Euro zu haben. Im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung samt Pflegeversicherung könnte der Angestellte in der PKV mehr als 200 Euro sparen – und bekäme sogar noch einige Leistungen obendrauf, die er ansonsten separat absichern müsste.

Bei Selbstständigen wäre der Einspareffekt schließlich noch höher – hier entfällt der Arbeitgeberanteil. Statt mehr als 700 Euro aus eigener Tasche an gesetzliche Krankenversicherung und Pflegeversicherung abzudrücken, könnte er sich unter gleichen Voraussetzungen wie im Falle des Angestellten bereits ab 320 Euro privat krankenversichern. 380 Euro könnte er damit sparen. So gesehen, spricht viel für den Übertritt in die private Krankenversicherung (PKV).

Checkliste private Krankenversicherung

Wer kann in die Private Krankenversicherung (PKV) wechseln

Jedes Jahr ändern sich die Voraussetzungen für den Wechsel in die PKV. Arbeitnehmer müssen im Jahr 2015 mit ihrem Einkommen mindestens ein Jahr lang die so genannte Jahresarbeitsentgelt-Grenze in Höhe von 54.900 Euro überschreiten.

Gesundheitsprüfung

Die Höhe der Beiträge richtet sich neben dem Alter vor allem nach den Vorerkrankungen. Wer sich privat versichern möchte, sollte daher nicht zu lange warten. Laut Verbraucherzentrale NRW ist der Wechsel für Männer ab 46 Jahren und für Frauen jenseits der 37 meist nicht mehr ratsam. Versicherte sollten in jedem Falle alle im Antrag abgefragten Erkrankungen angeben. Verschwiegene Vorerkrankungen können zu einem Rücktritt im Leistungsfall führen.

Steigende Beiträge

Bei der Gesetzlichen Krankenversicherung ist der Beitrag vom Bruttoeinkommen abhängig. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr. Anders in der PKV: Der zu Beginn günstige Beitrag kann unabhängig von den Einkünften steigen. Im Schnitt verteuerten sich die Beiträge in den vergangenen zehn Jahren um rund fünf Prozent pro Jahr.

Für wen lohnt die PKV

Das lässt sich nur individuell ermitteln. Tendenziell sind Alleinstehende, kinderlose Eheleute, die beide berufstätig sind, und Beamte Kandidaten für einen Wechsel.

Fallen meiden

Lockvogeltarife mit schwachen Leistungen zu Dumpingpreisen sollten Interessenten meiden. Dort drohen hohe Beitragssteigerungen und Deckungslücken.

Der passende Tarif

Die beste Police für alle gibt es nicht, auch nicht den besten Versicherer. Die passende Police lässt sich nur individuell ermitteln. Ebenso, ob der private oder gesetzliche Schutz die bessere Wahl ist. Verbraucherzentralen und Versicherungsberater helfen bei der Auswahl. Ratings wie beispielsweise das Beitragsstabilitätsrating von Morgen & Morgen bieten zusätzlich eine Entscheidungshilfe.

Rückkehr in die GKV

Der Wechsel zu einem privatem Anbieter will gut überlegt sein. Eine Rückkehr zur gesetzlichen Kasse ist nur dann möglich, wenn die Versicherungspflicht neu entsteht. Das ist der Fall, wenn Kunden versicherungspflichtig werden, etwa mit einem Gehalt unterhalb der Jahresarbeitsentgeltgrenze von 54.900 Euro für das Jahr 2015. Wer älter als 55 Jahren alt ist und in den vergangenen fünf Jahren privat versichert war, kann in der Regel nicht mehr zurück. Bezieher von Arbeitslosengeld II wechseln automatisch zur GKV, auch wenn sie älter als 55 Jahre sind.

Kinder

Der Nachwuchs ist beim privaten Schutz im Gegensatz zur GKV nicht gratis mitversichert. Kinder brauchen eigene, beitragspflichtige Verträge. Das macht die GKV für Eltern tendenziell interessanter.

Verbraucherschützer und Versicherungsberater warnen allerdings vor dieser recht schnellen und einseitigen Sicht auf die Dinge: Wer allein dem Prinzip „mehr Leistung für weniger Geld“ folgend einen Wechsel in die PKV erwägt, denke zu kurz, heißt es etwa von der Verbraucherzentrale NRW. „Viele Versicherte glauben, die private Krankenversicherung sei immer besser“, sagt auch der unabhängige Versicherungsberater Thorsten Rudnik. „Doch das ist ein Trugschluss.“

Ob nun „zu kurz gedacht“ oder „falsch gedacht“: Unter dem Strich mahnen die Experten immer wieder zwei Punkte an, über die sich Wechselinteressierte oft zu wenig Gedanken machen: Beitragsstabilität und Leistungsumfang. Dabei ist der erste Aspekt, die Beitragsstabilität, seit Jahren der große Knackpunkt der Privaten Krankenkassen. Das Problem: Die jährlichen Prämien sind nach oben hin nicht gedeckelt – sondern der Versicherer kann steigende Behandlungskosten direkt auf die Beiträge der Kunden umlegen.  

Kommentare (11)

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Herr Ferdinand Loeffler

13.11.2014, 13:48 Uhr

"GKV und Zusatzversicherung" ist ja wohl der Witz des Tages.
Beitragstäbilität in der GKV: Wo ist denn die in den letzten Jahren gewesen? Jedes Jahr steigen dei Beiträge und die Leistungen werden gekürzt.
Wenn ein Versicherter in der PKV die Beitragsersparnis nur Teilweise sinnvoll anlegt, hat er im Alter einen überlegenen Krankenschutz und sein Geld versickert nicht in der GKV-Bürokratie. Wenn jemand gut verdient, hat er auch für das Alterangemessen vorgesorgt und die Beiträge zu seiner PKV berücksichtigt. Leider wird die GKV viel zu oberflächlich und politisch "links gefärbt" als gute und attrktive Versicherung gegen Krankheit dargestellt. Wer die Erfahrung mit der PKV über Jahre gemacht hat und hat seine Lebensplanung unter Kontrolle, wir diese nicht verlassen.

Herr Joachim Glas

13.11.2014, 14:07 Uhr

Zitat: "Wer die Erfahrung mit der PKV über Jahre gemacht hat und hat seine Lebensplanung unter Kontrolle, wir diese nicht verlassen." Danke für diesen Satz, genauso ist es.

Herr Gert Hofmann

13.11.2014, 14:23 Uhr

Bin seit 35 Jahre selbstständig mit Höhen und Tiefen. Bin PKV. Meine Erfahrung nie Privatversichern. Nur schlechte Erfahrung. Gutverdiener (Beamte, usw.) ja. Weil festes Einkommen. Was macht der Gutverdiener wenn er seinen Job mit 56 oder 57 Jahren verliert? Er kann nicht mehr zurück in GKV. Wie bezahlt er dann seine steigenden Beiträge? Wechsel in die Grundversorgung? Ein Witz. Ich bin 63 Jahre und habe es mir ausrechnen lassen. Monatsbeitrag ca. Euro 650,00. PKV ist auf jeden Fall abzulehnen. Ein Wechsel bitte sehr gut überlegen.

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