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02.07.2014

17:34 Uhr

Provisionen

„Das ist eine Farce“

VonJens Hagen

Es ist ein Lehrstück über Lobbying und Gesetzgebungschaos: Die Offenlegung der Abschlussprovisionen bei Lebensversicherungen ist vom Tisch. Verbraucherschützer laufen Sturm, Vermittler- und Versichererverbände feiern.

Seit Dienstagabend ist es amtlich: Vermittler müssen ihre Abschlussprovision bei Lebensversicherungen nicht offenlegen. Ein entsprechender Passus im Gesetz wurde geändert. Der ursprüngliche Textabschnitt landete buchstäblich im Müll.

Seit Dienstagabend ist es amtlich: Vermittler müssen ihre Abschlussprovision bei Lebensversicherungen nicht offenlegen. Ein entsprechender Passus im Gesetz wurde geändert. Der ursprüngliche Textabschnitt landete buchstäblich im Müll.

DüsseldorfAxel Kleinlein ist schon lange Jahre im Verbraucherschutz-Geschäft. Der Vorstand bei Bund der Versicherten hat schon viele Rückschläge im Ringen mit der Politik und den Branchenverbänden erlebt. Doch diese Niederlage schmerzt besonders. „Die Große Koalition hat sich die Argumentation der Lobbyisten zu eigen gemacht“, sagt Kleinlein. „Zu Lasten der Verbraucher verkommen gute Ansätze zu einer Farce.“

Heute Mittag hat der Finanzausschuss das Lebensversicherungsreformgesetz abgenickt. Am Freitag soll das Gesetz durch den Bundestag gehen, eine Woche später der Bundesrat zustimmen. Eigentlich sollten Versicherte ab dem nächsten Jahr erfahren, welche Abschlussprovisionen der Vermittler beim Abschluss einer Police erhält. Das ist eine langjährige Forderung der Verbraucherschützer. Die Höhe der Provision soll den Kunden einen Hinweis geben, warum der Vermittler gerade dieses Produkt empfiehlt. Bei anderen Finanzprodukten wie etwa Fonds gibt es solche Transparenz bereits seit Jahren.

Vorsorge + Versicherung

Download: Der Gesetzentwurf

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Umdruck Nr 3 Kostentransparenz Final

Seit gestern ist klar: Die Bundesregierung möchte den Versicherungskunden diese Transparenz nicht geben. Nach einem Änderungsantrag von SPD und CDU vom 1. Juli sollen lediglich die Gesamtvertriebskosten  ausgewiesen werden. Schon nach bisheriger Rechtslage werde den Versicherten die kalkulatorischen Abschlusskosten mittgeteilt, „eine zusätzliche Mitteilung der Provisionshöhe des Vermittlers ist nicht erforderlich“.

Was Vermögensverwalter zu Provisionen sagen

Rainer Beckmann, GF ficon Financial Consultants

„Die Offenlegung von Provisionen und Kosten schafft aus unserer Sicht Klarheit und Übersicht gegenüber unseren Mandanten, und damit  absolutes Vertrauen.“

Michael Timm, Vorstand TAM

„Als Mitglied des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter e.V. haben wir uns dem Ehrenkodex dieses Verbandes unterworfen. Zu diesem Ehrenkodex und den Grundsätzen einer seriösen Vermögensverwaltung gehört, nur angemessene und transparente Honorare mit den Mandanten zu vereinbaren. Es ist für uns selbstverständlich und gelebte Praxis, dabei auch sämtliche Provisionen offen zu legen.“

Alexander Daniels, Vorstand Knapp Voith Vermögensverwaltung

„Wir haben uns in unserem VV-Vertrag verpflichtet solche Zahlungen nie anzunehmen. Damit haben wir erreicht, dass unsere Kunden sehr niedrige Gebühren/Ausgabeaufschläge etc. zahlen müssen, was sich letztlich auch in der Performance sehr positiv auswirkt. Daher sind wir nicht nur für eine Provisionsoffenlegung, wir sind dafür, dass der VV nur vom Kunden gezahlt wird. Dann ist auch gesichert, dass der Vermögensverwalter ausschließlich die Interessen des Kunden vertritt und nicht einer Bank oder Investmentfond.“

Jörg Bohn, Vorstand Artus Asset Management

„Retrozessionen (zum Beispiel Bestandsprovisionen für Fonds) sind grundsätzlich offenzulegen. Der Vermögensverwalter kann dann entscheiden, ob er diese an den Kunden weitergibt, oder selber vereinnahmt; letzteres muss dann aber vertraglich festgehalten werden.“

Stephan Albrech, Vorstand Albrech & Cie Vermögensverwaltung

„Im Zuge einer gegenüber unseren Kunden nicht nur mit Worten beschriebenen sondern in der täglichen Praxis gelebten Transparenz ist das Thema Provisionsoffenlegung nichts neues für uns. Unsere Kunden sollen wissen, wer womit und vor allem wieviel an ihnen verdient. Damit wir möglichen Interessenkonflikten den Nährboden von vornherein entziehen, legen wir unseren Kunden gegenüber sämtliche erhaltenen Provisionszahlungen offen und verpflichten uns, diese dem Kunden zu erstatten.“

Uwe Eilers, Vorstand Geneon Vermögensverwaltung

„Als Vermögensverwalter legen wir jegliche Gebühren offen. In Vermögensverwaltungsmandaten gibt es grundsätzlich nur das vereinbarte Honorar (zum Beispiel ein Prozent plus Mehrwertsteuer p.a.). Alle Bestandsprovisionen werden durch die Depotbank dem Kunden automatisch gutgeschrieben. Die Depotbankgebühren (Transaktionskosten, Depotgebühr) haben wir niedrig verhandelt. Daraus gibt es keinerlei Vergütung für uns (auch keinerlei Kick-Backs).“

Willi Ufer, GF WerteFinder

„Das Argument, die Offenlegung (von Provisionen) gefährde Arbeitsplätze zeigt nur, dass klar ist, dass bei einer Offenlegung dieser hohen Provisionen, die Kunden von diesen Produkten zu Recht Abstand nehmen werden. Der Wohlstand der Deutschen ist deshalb im Vergleich zu den anderen Europäern so niedrig, weil in keinem anderen Land die Sparer so über den Tisch gezogen werden. Eine sinnvolle Altersvorsorge findet in der Regel in Deutschland nicht statt, da der Durchschnittsdeutsche immer noch in Riesterverträge und Lebensversicherungen getrieben werden, die keine positive Rendite mehr erbringen und die Kapital real vernichten.“

Thomas Abel, GF Honoris Treuhand

„Als unabhängiger Vermögensverwalter würden wir die Verpflichtung zur Offenlegung der Provisionen sehr begrüßen. Nur auf diesem Weg kann ein Kunde erkennen, was ihn die Beratung wirklich kostet. Er wird so in die Lage versetzt, Angebote von verschiedenen Marktteilnehmern mit unterschiedlichen Provisions- oder Honorarmodellen untereinander zu vergleichen. Nur ein solcher Vergleich ermöglicht ihm die betriebswirtschaftliche Entscheidung, welches Produkt- und Beratungsangebot für ihn am sinnvollsten ist.“

Peter Brandstaeter, GF Fonds Laden Gesellschaft für Anleger

„Ich kenne keinen Berufszweig, der seine Einnahmenkalkulation und seine Margen offen legen muss. Warum soll ein Finanzdienstleister anders behandelt werden, als die übrigen 'Gewerbetreibenden'. Dieser Drang nach völliger Provisionsoffenlegung, wie auch der Begriff der "Zuwendungen" für verdiente und erarbeitete Provisionen kommt einem Generalverdacht bzw. einer Kriminalisierung einer ganzen Branche sehr nahe.“

Alexander Berger, Vermögensverwalter

„Provisionsoffenlegung ist für die meisten Verwalter seit Jahren Standard. Sie sind damit deutlich weiter als der Bankbereich. Auf längere Sicht wird sich aber aufgrund der Thematik Provisionsoffenlegung die Honorarberatung durchsetzen.“

Kai Heinrich, Vorstand Plutos Vermögensverwaltung

„Dem Kunden muss jederzeit klar sein, dass eine gute Beratung Geld kostet, allerdings sollte er immer transparent nachvollziehen können, für welche Leistung er welchen Betrag bezahlt. Dies ist notwendig damit der Kunde weiß, ob ein anderes Interesse als eine möglichst gute Beratung/Betreuung im Vordergrund der Empfehlung steht. Wichtig ist, dass für den Kunden klar ist, dass er und sein Berater bei der Zusammenarbeit die gleichen Interessen haben.“

Dr. Marc-Oliver Lux, GF Dr. Lux & Präuner

„Provisions-Offenlegung ist eine Selbstverständlichkeit. Der Kunde soll natürlich darüber aufgeklärt werden, was er bezahlen muss. In der Hinsicht war Vermögensverwaltung schon immer transparent. Im Gegensatz zu geschlossenen Fondskonzepten, bei denen interne Verwaltungskosten gern mal im Verkaufsprospekt versteckt wurden, sind in der Vermögensverwaltung Produkt- und Verwaltungskosten und auch eventuelle Drittprovisionen offen kommuniziert worden.“

Die CDU- und SPD-Fraktionen folgen damit fast wortgleich den Argumenten der Versicherer- und Vermittlerverbände: „Die Offenlegung der Provisionshöhe könnte zudem zu Wettbewerbsverzerrungen führen, da die Provision in unterschiedlichen Vertriebswegen eine unterschiedliche Bedeutung und Höhe hat“, heißt es im Änderungsantrag.

„Es gibt kein Triumphgeheul“, sagt Michael Heinz, Präsident des Bundesverbandes deutscher Versicherungskaufleute, der sich vehement gegen die Offenlegung der Provisionen gewehrt hat. „Wir sind froh darüber, dass die Politik Verständnis für unsere berufsständischen Anliegen hat.“ Heinz dürfte auch deswegen erleichtert sein, weil das Gesetzesprozess und die nachhaltigen Änderungen in letzter Minute beinahe chaotische Züge trug:

Kommentare (19)

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Herr Thomas Schmidt

02.07.2014, 17:43 Uhr

Dass die SPD wieder einknickt, wenn's um Verbraucher-Schutz geht, war ja klar. Jetzt wird sicher auch unsere zweite "Lieblings-Berufsgruppe", die Immobilien-Makler nochmal Morgenluft wittern, um auch die zweite große Verbesserung für Verbraucher (Makler-Provision zahlt derjenige, der den Makler beauftragt) zu kippen. Standhaft ist die SPD nur dort, wo es um die Interessen ihrer eigenen Klientel geht (siehe Rente mit 63) oder wenn's darum geht, sich selbst die Taschen so richtig voll zu machen (siehe Abgeordneten-Diäten und Pensionen). Mit meiner Stimme müssen die in den nächsten 50 Jahren ganz sicher nicht mehr kalkulieren.

Herr peter gramm

02.07.2014, 18:09 Uhr

jeder fernsehjournalist oder andere medienschaffende muß verpflichtet werden seine einkünfte offen zu legen. er lebt zumidest im öffentlich rechtlichen bereich von zwangsgebühren. da würden manchen die augen übergehen was da an zwangsabgaben verfrühstückt wird.

Herr Klaus Schuck

02.07.2014, 18:13 Uhr

Stimme mit Herrn Schmidt, meinem Vorkommentator,überein.
Auch mit meiner Stimme braucht weder die CDU noch die SPD in den nächsten Jahrzehnten zu rechnen. Eine Frechheit den Versicherten gegenüber.
Für wie dumm hält man uns.
Wer jetzt noch eine Kapital LV abschliesst hat sie doch nicht alle.
Hoffentlich wird gegen dieses Gesetz gerichtlich vorgegangen!!!

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