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03.09.2014

09:21 Uhr

Reform der Aufsicht

Versicherer müssen Risiken besser vorbeugen

Nach den Banken sind nun auch die großen Versicherer dran: Ab 2016 müssen sie mehr Eigenkapital zurückstellen, wenn sie Kundengelder anlegen. Der aktuell verabschiedete Gesetzesentwurf eröffnet aber auch Möglichkeiten.

Er will die Versicherungen stärker in die Verantwortung nehmen: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Entwurf für die Aufsichtsreform eingebracht. dpa

Er will die Versicherungen stärker in die Verantwortung nehmen: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Entwurf für die Aufsichtsreform eingebracht.

BerlinDie Bundesregierung will die Leistungsansprüche von Millionen Versicherungskunden besser schützen. Das Kabinett brachte am Mittwoch nach Angaben von Teilnehmern einen Gesetzentwurf zur Modernisierung der Versicherungsaufsicht auf den Weg.

Damit werden die 2009 auf EU-Ebene beschlossenen Solvenzanforderungen an Versicherer in deutsches Recht umgesetzt. Kern der unter dem Stichwort Solvency II diskutierten Reform ist, dass sich die Unternehmen bei der Anlage der Kundengelder stärker am tatsächlichen Risiko ihrer Investments orientieren müssen. Außerdem müssen sie ihr Risiko-Management verbessern und den Behörden mehr Informationen preisgeben.

Gelten sollen die neuen Regeln EU-weit ab dem 1. Januar 2016. Ab dann hat die Branche 16 Jahre Zeit, ihre bestehenden Kapitalanlagen etwa in Staatsanleihen, Aktien oder Immobilien auf das neue System umzustellen. Die Summe der Anlagen der deutschen Versicherer beträgt rund 1,4 Billionen Euro. Solvency II soll den Versicherern und der Aufsichtsbehörde BaFin helfen, Risiken früher zu erkennen und bei Bedarf gegenzusteuern.

Bei der Bewertung ihrer Anlagen können die Versicherer künftig wählen, ob sie auf ein Solvency-II-Standardmodell oder eigene Berechnungsmethoden zurückgreifen. Im zweiten Fall müssen sie sich diese von der BaFin genehmigen lassen. Je nachdem, wie riskant eine Anlage ist, muss das Unternehmen zur Absicherung entsprechend Eigenkapital in der Bilanz zurücklegen. Außerdem werden die Anlagen häufiger auf ihren tatsächlichen Wert geprüft.

Im Gegenzug fallen für Versicherungen, die voll unter das neue Regelwerk fallen, die bisherigen starren Quoten, zu denen sie in bestimmte Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen investieren dürfen. Damit eröffnen sich den Unternehmen neue Möglichkeiten, etwa für Investitionen in Infrastruktur-Projekte wie Straßen oder Stromnetze. Bisher fehlen aber geeignete Vorhaben. Die Bundesregierung plant deswegen eine Kommission mit Vertretern der Finanzindustrie. Die Branche dringt wegen der historisch niedrigen Zinsen für Staatsanleihen auf mehr Möglichkeiten, Prämiengelder gewinnbringend anzulegen.

Die wichtigsten Fragen zur Lebensversicherung

Wie funktioniert die Lebensversicherung?

Es gibt verschiedene Arten von Lebensversicherungen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von Hinterbliebenen bei Todesfällen. Die Kapitallebensversicherung soll dagegen zugleich auch Altersvorsorge sein. Es gibt eine Anspar- und eine Auszahlungsphase. Wird letztere erreicht, schüttet der Versicherer die vorher vom Kunden regelmäßig eingezahlten Beiträge aus. Für viele Kapitallebensversicherungen werden nach Ende der Ansparphase eine bestimmte Summe und bestimmte regelmäßige Zahlungen garantiert.

Was ist die Bewertungsreserve?

Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, auch wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 müssen Versicherungen die Hälfte der Bewertungsreserve an ihre Kunden auszahlen, deren Verträge auslaufen.

Was ist der Garantiezins?

Viele Verbraucher haben sich auch deshalb für Kapitallebensversicherungen entschieden, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital praktisch eine Art von Mindestverzinsung garantieren: den sogenannten Höchstrechnungszins, umgangssprachlich Garantiezins genannt. Dieser wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Aktuell beläuft er sich auf 1,75 Prozent, ab 1.1.2015 nun wird er auf 1,25 Prozent gesenkt.

Früher lag der Satz deutlich höher, in den 90er Jahren teils bei vier Prozent. Seit 2000 geht es bergab. Der Grund: Versicherer müssen die Gelder ihrer Kunden in krisensicheren Anlageformen investieren. Die Renditen dafür sind seit Jahren aber sehr niedrig.

Was bedeutet das niedrige Zinsniveau konkret für Lebensversicherungen?

Bei Lebensversicherungen mit Garantiezins bildet dieser nur einen Teil der Gesamtverzinsung, welche die Versicherer zahlen. Dazu kommen noch zusätzliche Renditen, wenn Versicherer das Geld der Versicherten besonders gut anlegen. Da die Zinsen für Anleihen krisenfester Staaten aber zurückgehen, schrumpfen generell sowohl Garantiezins als auch Überschussbeteiligungen. Zu beachten ist, dass Bestandskunden in der Regel von Senkungen des Garantiezinses nicht betroffen sind.

Sind Lebensversicherungen für Verbraucher noch attraktiv?

Versicherer sagen ja: Weil sie durch niedrigere Garantiezinsen weniger Geld zur Sicherung von Beitragsgarantien und für eine Mindestverzinsung zurücklegen müssen, könnten sie höhere Risiken eingehen – und damit auch für die Versicherten höhere Gesamt-Renditen erwirtschaften. Verbraucherschützer dagegen stehen klassischen Lebensversicherungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach fließt zu viel Geld in Abschluss- und Verwaltungskosten, sodass der Sparanteil auf der Strecke bleibt.

Ist es sinnvoll, alte Verträge zu kündigen?

In vielen Fällen nicht. Kunden sollten laut Verbraucherschützern auch bedenken, dass die Kündigung eines laufenden Vertrags immer mit Verlusten verbunden ist. Ob diese Verluste von einer jetzt eventuell noch höheren Beteiligung an den Bewertungsreserven ausgeglichen werden, muss im Einzelfall berechnet werden. Zudem ist besonders bei Altverträgen, die schon vor 2005 abgeschlossen wurden, zu beachten, dass sie bei der Auszahlung im Alter noch steuerfrei sind, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestanden hat.

Derzeit machen Investitionen der Versicherer in erneuerbare Energien und Infrastruktur zusammen weniger als ein Prozent ihrer gesamten Kapitalanlagen aus. Ein von der Verkehrsministerkonferenz 2011 eingesetztes Gremium war zu dem Ergebnis bekommen, dass allein für Betrieb und Erhalt der deutschen Verkehrsinfrastruktur in den kommenden 15 Jahren mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich benötigt werden.

Von

rtr

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