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10.11.2016

12:03 Uhr

Schuldneratlas

Jeder zehnte Deutsche ist überschuldet

VonKatharina Schneider

Die Zahlen sind alarmierend: Trotz vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit und gut laufender Konjunktur sind immer mehr deutsche Verbraucher hoch verschuldet. Ein übermäßiger Konsum ist allerdings nicht die Ursache.

FrankfurtDie Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so niedrig wie seit mehr als 25 Jahren nicht, die Konjunktur ist weitgehend stabil und die Menschen sparen lieber, als in einen Kaufrausch zu verfallen – trotzdem ist jeder zehnte deutsche Verbraucher überschuldet. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Schuldneratlas, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Donnerstag vorgestellt hat. Noch im Vorjahr habe die Überschuldungsquote bei 9,92 Prozent gelegen, der Sprung auf 10,06 Prozent falle stärker aus als erwartet, schreiben die Studienautoren.

Mit stolzen 235 Milliarden Euro stehen die Deutschen insgesamt in der Kreide. Eine Überschuldung liegt nach Definition von Creditreform dann vor, wenn die zu leistenden Gesamtausgaben über einen längeren Zeitraum höher sind als die Einnahmen und weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Der Schuldneratlas wird seit 2006 erstellt. In den Jahren 2006 und 2007 hatten die Überschuldungszahlen einen Höhepunkt erreicht und waren anschließend bis zum Jahr 2011 stetig gesunken. Seitdem nimmt die Zahl der Überschuldungsfälle wieder zu.

Schuldneratlas 2016
Die Wirtschaft brummt, trotzdem schauen Online-Händler mittlerweile zweimal hin, an welche Postleitzahlen sie Produkte versenden. Wie steht es also um die Schulden der Verbraucher? Das Handelsblatt zeigt anhand der Daten der Wirtschaftsauskunftsdatei Creditreform, wie sich das Risiko zur Überschuldung deutschlandweit entwickelt hat – und in welchen Regionen es besonders hoch oder niedrig ist.

Besonders alarmierend: In diesem Jahr basiere der Anstieg ausschließlich auf einer Zunahme von Fällen mit hoher Überschuldungsintensität. Das heißt, dass bei den Betroffenen viele sogenannte Negativmerkmale vorlagen – insbesondere „juristische Sachverhalte“ wie etwa Haftanordnungen, eidesstattliche Versicherungen oder Privatinsolvenzen. „Dieser Befund ist besorgniserregend, da offensichtlich immer mehr Verbraucher in Deutschland in eine dauerhafte Überschuldungsspirale geraten sind“, kommentieren die Experten die Ergebnisse ihrer Studie. Davon werden die Fälle mit geringer Überschuldungsintensität unterschieden, bei denen wenige Negativmerkmale vorliegen, aber mindestens zwei vergebliche Mahnungen mehrerer Gläubiger.

Als Hauptgründe für Überschuldung galten in der Vergangenheit vorwiegend ökonomische Auslöser wie Arbeitslosigkeit (Anteil 2015: 20 Prozent) und gescheiterte Selbstständigkeit (acht Prozent). Ihre Anteile gehen in den vergangenen Jahren angesichts der positiven Wirtschaftslage allerdings deutlich zurück. Zwar hat die Stimmungslage von Unternehmen und Verbrauchern durch zahlreiche globalpolitische Krisenherde gelitten, doch die tatsächliche Konjunkturlage ist stabil. Auch ein Zusammenhang mit der Zunahme der Flüchtlinge im Land lasse sich nach Ansicht der Studienautoren nicht feststellen.

Hier verdienen die Menschen am wenigsten

Verfügbares Einkommen

Die Einkommensstatistik zeigt, in welchen Städten, Gemeinden und Kreisen, am meisten verdient wird. Das verfügbare Einkommen umfasst das Geld, dass Haushalten zufließt, um es auszugeben oder zu sparen. Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2014, veröffentlicht worden sind sie im Oktober 2016. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen je Einwohner in Deutschland betrug 2014 demnach 21.117 Euro im Jahr.

Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder

Kyffhäuserkreis

Der Kyffhäuserkreis nördlich von Erfurt liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.941 Euro auf dem zehntletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 12,5 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 42 Prozent

Jena

Die Stadt Jena liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.920 Euro auf dem neuntletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 5,3 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 27 Prozent

Magdeburg

Die Stadt Magdeburg liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.912 Euro auf dem achtletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 4,5 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 30 Prozent

Brandenburg an der Havel

Die Stadt Brandenburg an der Havel liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.783 Euro auf dem siebtletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 9,6 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 30 Prozent

Duisburg

Die Stadt Duisburg liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.761 Euro auf dem sechstletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 9,1 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 24 Prozent

Vorpommern-Greifswald

Der Landkreis Vorpommern-Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.627 Euro auf dem fünftletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 9,4 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 38 Prozent

Leipzig

Die Stadt Leipzig liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.542 Euro auf dem viertletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: minus 0,8 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 23 Prozent

Rostock

Die Stadt Rostock liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.423 Euro auf dem drittletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 3,5 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 26 Prozent

Halle (Saale)

Die Stadt Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.411 Euro auf dem zweitletzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 5,6 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 28 Prozent

Das Schlusslicht

Die Stadt Gelsenkirchen liegt in der Statistik mit einem Wert von 16.136 Euro auf dem letzten Rang.

Veränderung zum Jahr 2010: plus 8,3 Prozent

Veränderung zum Jahr 2000: plus 20 Prozent

An Bedeutung gewonnen haben laut der Analyse zuletzt aber Überschuldungsauslöser wie Erkrankung, Sucht und Unfall (Anteil 2015: 14 Prozent), aber auch gescheiterte Immobilienfinanzierungen (Anteil 2015: drei Prozent). Diese Auslöser stünden auch stärker in Zusammenhang mit einer Zunahme der Fälle mit hoher Überschuldungsintensität. Eine unwirtschaftliche Haushaltsführung dagegen sei inzwischen deutlich seltener Auslöser für eine Überschuldung, allerdings sei dies häufig die Ursache für Zahlungsschwierigkeiten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind „in der Regel unplanbare und gravierende Änderungen der Lebensumstände“ Hauptauslöser für Überschuldung, meist lägen diese außerhalb der Kontrolle der Betroffenen.

Kommentare (17)

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Herr Peter Lustig

10.11.2016, 12:27 Uhr

Hach welch Wunder!
Wenn man 8,50€ (oder viel weniger wie manch ein Kleinunternehmer und (Schein) Selbstständiger), dann nutzt auch die geschönte Arbeitslosenquote sowie Konjunktur nichts....

Frau Annette Bollmohr

10.11.2016, 12:42 Uhr

„Ein übermäßiger Konsum ist allerdings nicht die Ursache.“

Und wer in einer nicht selbst verschuldeten Notlage ist, hat in einer humanen Gesellschaft Anspruch auf die Solidarität und Hilfe der Allgemeinheit. Sollte man jedenfalls meinen.

Vor allem aber auf ein Mitspracherecht bei der Gestaltung von deren Politik, damit er gar nicht erst in die missliche Lage kommt, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Das hat was mit Menschenwürde und "freier Entfaltung der Persönlichkeit", genauer:den allgemein anerkannten (jedenfalls formal, d.h. auf dem Papier) Menschenrechten zu tun.

Herr Percy Stuart

10.11.2016, 13:12 Uhr

Das habe ich schon vor Monaten hier geschrieben.
Viele angeblich gutbürgerliche deutsche Mittelstandsexistenzen sind auf Pump gebaut.
Mittelklassewagen auf Pump, Konto im dauerhaften Dispo, Lebenshaltung finanziert mit VISA-Plastikgeld aus dem Automaten, Wohnungseinrichtung auf Pump, Immobilie auf Pump.
Bricht der Arbeitsplatz weg, fordert die Bank die sofortige Rückzahlung der angehäuften Verbildlichkeiten, war es dass dann mit der Existenz.
Dicker Eintrag bei SCHUFA & Co. erledigt dann den Rest.

Klar, kommt jetzt sofort der Reflex der Besserwisser, Du musst dich ja nicht verschulden, selbst schuld an deiner Situation.
Aber wie sonst, soll man als Normalverdiener bei Steuerklasse 1 mit 2.200- 2.500 € brutto im Monat in einer mittelgroßen Stadt denn überhaupt noch über die Runden kommen?
Andererseits haben in der Vergangenheit diejenigen mit hohen Sparquoten (Sparbuch, LV usw.), unheimlich viel von der Verschuldung profitiert. Irgendwoher mussten die Zinsgewinne ja kommen, die bei den Sparern auf der Habenseite gutgeschrieben wurden. Es gibt eben nicht nur Habenzinsen, sondern auch Schuldzinsen. Plastikgeldzinsen gewegen sich nochmals in ganz anderen Dimensionen, selbst heute beiu Draghis Nullzinspolitik. VISA ruft glaube ich bis zu 18 % Zins für Plastikkartenverschuldung ab. Dazu geht der Trend zu solchen Ratenrückzahlungs-Kreditkarten, die auch heute eine regelrechte Zinsmaschine ist. Amazon.de bietet glaube ich, solch ein Modell in Verbindung mit einer Landesbank an.





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