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20.08.2012

09:30 Uhr

Sparen

Wie kann ich mich für das Leben versichern?

VonMichael Detering, Oliver Stock

Lebensversicherungen galten lange als Verkaufsschlager. Doch der Wandel der Gesellschaft setzt der Branche zu. Hausgemachte Probleme verschlimmern die Lage sogar noch. Ist der Deutschen liebstes Sparprodukt in Gefahr?

Versicherer verzeichnen bei den Lebensversicherung eine immer kleiner werdende Nachfrage. dpa

Versicherer verzeichnen bei den Lebensversicherung eine immer kleiner werdende Nachfrage.

Frankfurt/DüsseldorfIm Jahr 1827 war die häusliche Welt noch übersichtlich. Es wurde früh geheiratet. Der Mann zog hinaus ins feindliche Leben. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Damals, als Ernst Wilhelm Arnoldi die "Gothaer Lebensversicherungsbank für Deutschland" gründete und damit den Grundstein für des Deutschen liebstes Vorsorgeprodukt legte, lag klar auf der Hand, warum praktisch jeder Haushalt eine Lebensversicherung braucht: Für den Fall, dass der Mann als Ernährer stirbt, muss die Familie finanziell abgesichert sein. Im Gründungsdokument schreibt Arnoldi: Es geht darum, "die ihres Hauptes beraubte Familie gegen Mangel zu sichern". Und "das eigene Gemüt von der Qual zu befreien, welche der Gedanke an einen frühzeitigen Tod bei unerzogenen Kindern und der Vermögensunzulänglichkeit der Witwe mit sich führt".

185 Jahre später sieht die Welt anders aus: Männer und Frauen gehen zur Arbeit. Wenn Kinder zur Welt kommen, bleibt auch der Mann mal daheim. Einige reisen über Jahre ins Ausland. Andere nehmen sich eine Auszeit, die sie "Sabbatical" nennen. Jede zweite Ehe bricht auseinander. Aus dem Wunsch: "Bis dass der Tod uns scheidet", ist für manche eine Drohung geworden. Die Hoffnung, dass alles bleibt, wie es ist, konkurriert mit der Einsicht, dass nichts mehr ist, wie es war. Patchwork-Familien entstehen. Der Job ein Leben lang gilt nur noch so lange, bis der Headhunter anruft, und wir ihn wechseln.

Wo Bindungen zur Belastung werden, haben es Versicherer, die eine lebenslange Bindung an ein Produkt verkaufen wollen, schwer. Mit ihrem Angebot, nicht nur wie zu Gründungszeiten eine Police zum Schutz der Angehörigen beim eigenen Tod zu verkaufen, sondern sie auch mit der an sich höchst vernünftigen Idee zu verknüpfen, eine private Altersvorsorge aufzubauen, dringen sie immer weniger durch. Denn wer tatsächlich ein hübsches Sümmchen ansparen will, muss über lange Zeit Beiträge zahlen. Am besten jahrzehntelang.

Ranking der Lebensversicherer nach der Beitragsrendite

Rang 1

Bei Europa beträgt die Beitragsrendite 5 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,35 Prozent.

(Quellen: Morgen & Morgen, BVI, Map-Report, Allianz)

Rang 2

Bei Cosmos Direkt beträgt die Beitragsrendite 4,50 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,05 Prozent.

Rang 3

Bei Targo beträgt die Beitragsrendite 4,40 Prozent und die Überschussbeteiligung 4,60 Prozent.

Rang 4

Bei Huk beträgt die Beitragsrendite 4,30 Prozent und die Überschussbeteiligung 4 Prozent.

Rang 5

Bei der Öffentlichen Braunschweig beträgt die Beitragsrendite 4,30 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,80 Prozent.

Rang 17

Bei der Allianz beträgt die Beitragsrendite 3,80 Prozent und die Überschussbeteiligung 4 Prozent.

Rang 59

Bei Rheinland beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,60 Prozent.

Rang 60

Bei Universa beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,50 Prozent.

Rang 61

Bei der Öffentlichen Berlin beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,30 Prozent.

Rang 62

Bei der VPV Lebensversicherungs AG beträgt die Beitragsrendite 2,70 Prozent und die Überschussbeteiligung 3,25 Prozent.

Rang 63

Beim Münchener Verein beträgt die Beitragsrendite 2,40 Prozent und die Überschussbeteiligung 3 Prozent.

Viele Deutsche sind dazu nicht mehr bereit. Seit 2004 sinkt die Zahl der Lebensversicherungsverträge von fast 95 Millionen auf unter 90 Millionen. 2011 schrumpfen die Beitragseinnahmen das erste Mal seit vielen Jahren, von fast 91 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf knapp mehr als 86 Milliarden Euro.

Die Idee einer Versicherung fürs Leben findet weniger Anhänger bei den Lebenden. Schon macht das Wort vom "Auslaufmodell" die Runde. Verbraucherschützer sehen das so. Kerstin Becker-Eiselen, Anwältin in Hamburg und Spezialistin für Versicherungsrecht bei der Verbraucherschutzzentrale, ist eine der bekanntesten Kritikerinnen. Die zierliche Frau ist ein rotes Tuch für die Branche. "Lebensversicherungen sind nicht mehr zeitgemäß", sagt sie. "Versicherte binden sich mit einer Lebensversicherung für sehr, sehr lange. Solche langfristigen Verträge sind zu unflexibel für unsere heutige Zeit." Der Satz wirkt - aber er könnte sich auch als populärer Unsinn erweisen. Vielleicht ist es mit der Lebensversicherung so wie mit der FDP: Es müssen die Richtigen kommen, um ihr wieder Leben einzuhauchen. Vielleicht ist es aber auch so wie mit der Kirche: Wenn sie nur lange genug an ihren Prinzipien festhält, wird sie gerade dafür gefeiert.

Einer der profiliertesten Verteidiger der Versicherung fürs Leben ist jener Mann, nach dem ein ganzes Bündel von Vorsorgemodellen benannt ist: Walter Riester. Von seinem Feriendomizil in Österreich verfolgt er in diesen Tagen die Debatte in Deutschland, und es kocht in ihm: "Die Menschen", sagt er, "werden von Verbraucherschützern, Politik und Kreisen der Medien ständig verunsichert." Ihre Kritik falle auf fruchtbaren Boden, denn die meisten Menschen kümmerten sich nicht aus eigenem Antrieb um die Altersvorsorge. Das liegt in ihrer Natur. Sie geben ihr Geld lieber aus, statt es für das Alter zurückzulegen.

Die Meinungen prallen also aufeinander. Die Branche steckt in der Defensive. Es ist beinahe so wie in der testamentarischen Offenbarung des Johannes: Wenn am Ende auf der Erde nichts mehr geht, werden sieben Plagen die Menschheit heimsuchen, schreibt der Prophet. Sieben Plagen sind es auch, mit denen sich die Versicherer in einer Situation herumschlagen, in der ein Teil ihrer Produkte als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen werden. Es sind selbst verschuldete Plagen darunter und solche, die von außen kommen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie jenes Modell, das Ernst Wilhelm Arnoldi im vorletzten Jahrhundert entwarf, untergehen lassen könnten.

Kommentare (18)

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Account gelöscht!

20.08.2012, 09:49 Uhr

Wer nun, nachdem man den Euro zur Liar aufweichen und ein Verschuldungs-Ponzi-Schema installieren will, noch in ultralang laufende Nominal-Werte wie Lebensversicherungen investiert, ist eine Trottel! Wer schon investiert ist und n 10 Jahren ernten will, tut mir leid

pedrobergerac

20.08.2012, 09:59 Uhr

Mein Bruder ist kurz nach dem Abschluss der Lebensversicherung an Hodenkrebs gestorben.

Gegen das Leben kann man sich nicht versichern.

Account gelöscht!

20.08.2012, 10:01 Uhr

Dank Euro wird so oder so nichts übrig bleiben. Desweiteren frage ich mich wie blöd man sein muss um Geld in eine VErsicherung zu investieren um dann nach Jahrzehnten entwertetes Geld zurück zu bekommen.

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