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12.03.2014

11:32 Uhr

Streit um Reformpaket

„Das ist ein Geschenk an die Versicherer“

Von den hohen Bewertungsreserven der Lebensversicherungen profitieren nur fünf Prozent der Kunden. Das stellte der Branchenverband GDV fest. Verbraucherschützer erklärten dagegen, fast alle Kunden seien betroffen.

Der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, begrüßt die Vorschläge des Finanzministeriums zur Lebensversicherung. Ridder für Handelsblatt

Der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, begrüßt die Vorschläge des Finanzministeriums zur Lebensversicherung.

BerlinDie Versicherer stellen sich im Streit um Lebensversicherungen hinter das Finanzministerium. "Wir begrüßen die Ankündigung des Bundesfinanzministeriums, in dieser Angelegenheit aktiv zu werden", erklärte der Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, in Berlin.

Ziel der Branche sei es, der Lebensversicherung Brücken zu bauen über die Niedrigzinsphase. Denn die Versichertengemeinschaft insgesamt verdiene Gerechtigkeit. "Die niedrigen Zinsen haben die Marktwerte der festverzinslichen Wertpapiere in den Beständen der Versicherer unnatürlich aufgeblasen", sagte Erdland. Davon profitierten nur fünf Prozent der Versicherten – zu Lasten der großen Mehrheit. Diese Zahl bezieht sich auf die auslaufenden Verträge in einem Jahr.

Die Versicherer bräuchten auch langfristig planbare Kapitalerträge, um langlaufende Zinsversprechen zu erfüllen. Die heutige Gesetzeslage habe das krasse Gegenteil zur Folge. Sie zwinge die Versicherer, gut verzinste Papiere aus dem Bestand zu versilbern und sichere Zinserträge aufzugeben.

Lebensversicherung: Wo steckt das Geld der Kunden?

Vier Töpfe

Die Lebensversicherer schreiben jedes Jahr eine Überschussbeteiligung zu. Sie halten darüber hinaus aber auch Milliarden von Euro für schlechte Zeiten zurück. Das Geld steckt in vier Töpfen. Dies sind: die Schlussüberschüsse, die Bewertungsreserven, die Zinszusatzreserve, die freien Rückstellungen für Beitragsrückerstattung (RfB).

Schlussüberschuss

Schlussüberschüsse erhält nur, wer seinen Vertrag bis zum Ende der vereinbarten Laufzeit durchhält. Viele kündigen vorher, für diese Kunden sind die Schlussüberschüsse daher verloren. Der Bund der Versicherten: Schon jetzt bestimmen die Unternehmen jedes Jahr aufs Neue über die Schlussüberschüsse, lassen sie mal größer oder geringer ausfallen oder streichen sie gänzlich.

Topf 1: Verteidigung

Der GDV beruft sich auf gesetzliche Regeln: Der Anteil der Versicherungsnehmer am erzielten Überschuss eines Jahres muss nicht vollständig ausgeschüttet werden. Der Versicherer kann einen Teil erst einmal zurücklegen und zum Aufbau von Sicherheitspuffern und Ausgleichsmechanismen nutzen. An ihm werden die Kunden zu einem späteren Zeitpunkt beteiligt, in Form des Schlussüberschusses.

Bewertungsreserven

Es ist derzeit gesetzlich festgelegt, dass die Unternehmen einmal im Jahr die Höhe der gesamten Bewertungsreserven ermitteln und im Anhang des Geschäftsberichts veröffentlichen müssen. Ausgehend von diesem Gesamtwert wird der Anteil, mit welchem jeder einzelne Vertrag an den Bewertungsreserven beteiligt wird, ermittelt. Bewertungsreserven entstehen regelmäßig in den Kapitalanlagen, auch aus festverzinslichen Anlagen, hält der Bund der Versicherten fest. Daher beständen bei jedem Kunden zu Vertragsende oder Rentenbeginn üblicherweise derartige Bewertungsreserven. Jeder Versicherungssparer wäre also von den geplanten Kürzungen betroffen.

Topf 2: Verteidigung

Aus der Sicht der Versicherer sind Bewertungsreserven keine Gewinne, sondern reine „Scheinreserven“. Es geht also um bilanzielle Buchgewinne von Wertpapieren. Sie entstehen, wenn der aktuelle Marktwert eines Wertpapiers oberhalb des ehemaligen Kaufwertes liegt. Wegen des anhaltenden Niedrigzinsniveaus bestehen derzeit sehr hohe Bewertungsreserven für festverzinsliche Papiere. Da die Versicherer ihre Papiere in der Regel bis zum Ende halten, sind dies jedoch keine tatsächlichen Erträge, sondern Scheinreserven, die sich am Ende wieder auflösen. Der tatsächliche Wert der Zinspapiere besteht in der regulären Ausschüttung der Zinsen von Jahr zu Jahr.

Zinszusatzreserve

Die Zinszusatzreserve sei der dritte Gewinn-Topf, der den Kunden entzogen. Kein Cent aus diesem Topf werde vermutlich jemals beim Kunden ankommen, fürchtet der Bund der Versicherten.

Topf 3: Verteidigung

Die Finanzaufsicht hat Angst, dass ein Unternehmen den Garantiezins nicht mehr zahlen kann. Deswegen gibt es seit 2011 die Zinszusatzreserve. Inzwischen liegen in dieser Reserve schon mehr als 13 Milliarden Euro. Dies sei  ein gewaltiger Betrag, der der gesamten Branche in der Niedrigzinsphase Zeit verschaffe, hoffen die Aufseher.

Rückstellungen für Beitragsrückerstattung (RfB)

Die jährlich erzielten Erträge dienen zum größten Teil dazu, um vertraglich garantierte Leistungen zu bedienen. Darüber hinaus bilden Lebensversicherer eine zusätzliche Reserve, die RfB.

Die Mittel in der „freien RfB“ seien eigentlich für die laufende Überschussbeteiligung der Kunden vorgesehen, kritisiert der Bund der Versicherten. Sie könnten von den Unternehmen aber fast beliebig lange geparkt werden und minderten zwischenzeitlich den Eigenkapitalbedarf in Milliardenhöhe. Davon profitierten etwa Aktionäre.

Topf 4: Verteidigung

Durch die RfB können die Schwankungen der Kapitalmärkte abgefedert werden, stellen die Versicherer fest. Im Ergebnis sichere dieser Ausgleichsmechanismus die Garantien ab und stabilisiere die Gesamtleistung für die Versicherten. Die Leistungsfähigkeit dieses Systems zeigten die letzten Jahre: Trotz schwierigster Kapitalmarktbedingungen und zwei „Jahrhundertkrisen“ in nicht einmal zehn Jahren wurde die Gesamtleistung in der deutschen Lebensversicherung stabil gehalten.

Fazit

Mehr Transparenz bei den Reserven der Versicherer wäre sinnvoll für die Kunden. Nach Ansicht des BdV müssten die verschiedenen Reservetöpfe neu geordnet und fair verteilt werden: Schlussüberschüsse, freie Mittel der Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB), die Zinszusatzreserve und Bewertungsreserven sollten zusammen mit der Mindestzuführungsverordnung auszutarieren.

Der Bund der Versicherten erklärte dagegen, die geplanten Überschusskürzungen würden sich auf alle Versicherten auswirken, die mit den üblichen Kapitallebensversicherungen, Riester-Renten, Rürup-Renten und anderen Vorsorgetarifen, Altersvorsorge betrieben. Einzig Kunden mit einer reinen fondsgebundenen Versicherung seien nicht betroffen.

„Weit über 90 Prozent aller Versicherungskunden müssen zum Teil um hohe Summen der Überschussbeteiligung fürchten“, erklärte Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des BdV. Anders als von Versicherungslobby und neuerdings auch von der Regierung suggeriert, seien die Bewertungsreserven kein außergewöhnliches Ereignis der Niedrigzinsphase.

Kleinlein: "Das ist ein Reformpaket, das so gut wie ausschließlich den Versicherungsunternehmen zugute kommt." Die geplanten Kürzungen bei der Ausschüttung von Bewertungsreserven seien "ein echtes Geschenk an die Versicherungswirtschaft". Hier werde ein verfassungsrechtlicher Anspruch der Kunden ausgehebelt.

Kommentare (4)

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12.03.2014, 12:50 Uhr

Bei den Lebensversicherern ist es wie bei den Banken; zuerst das Blaue vom Himmel versprechen, aber wenn es zur Auszahlung kommt, nicht richtig liefern wollen; von Schnipplern und Roßtäuschern zu Lasten der Kunden ist diese Branche geprägt; kein Wunder dass niemand den Versicherungen mehr über den Weg traut.

Nachfragen hinsichtlich einer Berechnung der künftigen Schlußzahlung wird stets mit nebulösen Ausflüchten entgegnet, einer black box gleicht diese absolut kundenunfreundliche Berechnung, von Vertrauensschutz ganz zu schweigen.

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12.03.2014, 15:32 Uhr

Na, was glaubt ihr denn, wer den Gesetzestext gemacht hat? Da haben doch unsere Politiker mal wieder von der Versicherungslobby einen Entwurf erhalten, der bestimmt 1:1 durch gewunken wird. Und dann natürlich die Anerkennung der Versicherer, dass die Regierung sich des Themas angenommen hat. Die müssen echt glauben, wir sind alle blöd;) Und wieder mal ein Beweis, wer hier eigentlich regiert!!!

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12.03.2014, 15:40 Uhr

Alle Experten bescheinigen den Versicherern gute Zahlen. Was Schäuble umtreibt der Branche Geschenke auf Kosten der Sparer und der Bürger zu machen ist mir ein Rätsel und die SPD schaut schweigend zu.

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