Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.09.2012

12:50 Uhr

Strom und Gas werden teurer

Die Inflation ist längst da

VonThomas Schmitt

Die Gasversorger erhöhen kräftig die Preise. Mehr als sieben Millionen Haushalte trifft dies in diesem Jahr. Und die nächste Erhöhungswelle bei Strom kommt erst noch. Die Angst der Deutschen vor der Inflation wächst.

Die steigenden Energiepreise sind schon ein Wahlkampfthema. Der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir zeigte Ende August vor dem Bundeskanzleramt in Berlin dieses Plakat. dpa

Die steigenden Energiepreise sind schon ein Wahlkampfthema. Der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir zeigte Ende August vor dem Bundeskanzleramt in Berlin dieses Plakat.

DüsseldorfDie Deutschen müssen sich nicht sorgen, heißt es oft. Zwar druckten die großen Notenbanken weltweit fleißig Geld. Die Gefahr, dass die Inflationsraten schon bald kräftig stiegen, sei aber begrenzt. So schallt es aus vielen volkswirtschaftlichen Abteilungen der Großbanken. Die Ökonomen begründen diese Vorhersage mit dem schwachen Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten. In Europa und den USA verhindere dies größere Preissteigerungen.

Und tatsächlich: Die aktuellen Inflationsraten sehen geradezu harmlos aus: Um die zwei Prozent Teuerung sind zuletzt in Deutschland gemessen worden, für Gesamteuropa liegt der Wert nur ein wenig darüber. In der Vergangenheit hat es allerdings schon ganz andere Inflationsraten gegeben.

Gefährliche Inflation

Was ist Inflation?

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Sich-Aufblasen“. Der Begriff bezeichnet einen andauernden starken Anstieg des Preisniveaus: Waren- und Dienstleistungspreise steigen insgesamt an, blasen sich quasi auf. Die Kaufkraft des Geldes sinkt, da man weniger Waren und Dienstleistungen als zuvor für den gleichen Geldbetrag kaufen kann. Wenn die Preise nur einzelner Güter steigen, herrscht noch keine Inflation. Kennzeichnend für eine Inflation ist vielmehr, dass das Geld generell und fortlaufend an Kaufkraft verliert. Das Eurosystem hat definiert, dass eine jährliche Inflationsrate von unter zwei Prozent noch mit dem Ziel der Preisstabilität vereinbar ist.

Quelle: Deutsche Bundesbank, Bundeszentrale für politische Bildung.

Wie wird die Inflation gemessen?

Am häufigsten wird zur Messung der Inflation der Verbraucherpreisindex (früher Preisindex für die Lebenshaltung) als Maßstab für Preisveränderungen herangezogen. Der Verbraucherpreisindex wird anhand eines Verbrauchsschemas, des sogenannten Warenkorbs, berechnet, der alle Güter und Dienstleistungen enthält, die den typischen Verbrauchsgewohnheiten eines Durchschnittshaushalts entsprechen. Dazu gehören Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Bekleidung oder Mieten und langlebige Gebrauchsgüter wie Kraftfahrzeuge oder Möbel genauso wie Dienstleistungen (z. B. Friseurbesuche oder Versicherungen). In der Regel wird der Warenkorb ungefähr alle fünf Jahre neu festgesetzt, weil sich die Konsumgewohnheiten der Verbraucher verändern oder neue Waren und Dienstleistungen angeboten werden. Die Berechnung der Preisveränderung für die Lebenshaltung erfolgt durch die Ermittlung der Preise für die einzelnen Güter des Warenkorbes. Diese Preise werden dann als Indexzahl, bezogen auf ein Basisjahr (derzeit Preisbasis 2005 = 100), ausgedrückt.

Wann spricht man von Hyperinflation?

Eine Hyperinflation ist eine Inflation mit gigantischen Preissteigerungen. Die Inflationsraten liegen mindestens bei 50 Prozent, meist sogar höher. Ist eine Hyperinflation im Gange, nimmt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ständig zu. Das liegt daran, dass jeder sein Geld möglichst sofort ausgibt, um weiteren Preissteigerungen zuvorzukommen. Die Folge ist eine immer schnellere Nachfrage und immer schnellere Preissteigerungen, bis schließlich das Vertrauen der Bevölkerung in die inländische Währung total verloren geht. Spätestens in dieser Situation weicht die Bevölkerung auf wertbeständiges ausländisches Geld oder auf knappe Sachgüter als Ersatzwährung aus (z. B. amerikanische Zigaretten nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland), um sich auf dem Schwarzmarkt mit notwendigen Gütern zu versorgen.

Schützen Immobilien vor Inflation?

Dass Stein und Beton gegen die Geldentwertung helfen stimmt nur bedingt. Denn die Preise von Eigentumswohnungen und Häusern steigen vor allem in Metropolen. Der Maklerverband IVD hat festgestellt, dass die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser von 1977 bis 2010 stärker gestiegen sind als die Inflation, aber vor allem in Metropolen und nicht in Kleinstädten oder auf dem Land.

Schützt Gold vor einer Inflation?

Gold gilt als besonders sicher, weshalb Anleger gerade aus Furcht vor fallenden Börsenkursen und Angst vor steigender Inflation hier zugreifen. Allerdings raten Verbraucherschützer regelmäßig zur Vorsicht: Denn die künftige Entwicklung des Goldpreises ist reine Spekulation. Zwar spricht aus ihrer Sicht nichts dagegen, in Gold zu investieren. Allerdings gibt es einiges zu beachten: Da Gold in Dollar gehandelt wird, besteht ein Währungsrisiko. Wer Goldbestände aus Sicherheitsgründen nicht daheim lagern will, muss zudem Kosten für ein Schließfach einkalkulieren.

Schützen Aktien vor einer Inflation?

Neben Immobilien und Edelmetallen gelten auch Aktien als verlässlicher Schutz. Die Idee dahinter: Steigt das allgemeine Preisniveau, schlägt sich das früher oder später auch in den Preisen und Kursen realer Vermögenswerte nieder. Einigkeit herrscht unter Experten aber auch darin, dass dieser Zusammenhang erstens nur tendenziell gilt und zweitens vor allem langfristig.

Manche fürchten sich daher. Und immer öfter kommt ein mulmiges Gefühl auf: Irgendetwas scheint mit diesen offiziellen Daten nicht zu stimmen. Die Deutschen fühlen das. Es gibt wenige Dinge, die sie mehr fürchten als die Inflation, also die Entwertung ihres Ersparten. In der Vergangenheit mussten sie mehrfach erfahren, was es bedeutet, wenn die Preise sehr viel schneller steigen als das eigene Einkommen und die Vermögen. Kurzum: Die Deutschen haben ein feines Gespür für Preise.

Mancher vermutet gar eine Verschwörung der Bundesregierung - dass die Statistiker angehalten würden, die Inflationsraten künstlich niedrig zu halten. Und immer öfter fühlen sich solche Verschwörungstheoretiker bestätigt: Immerhin sind die Lebensmittelpreise oder Benzin zuletzt kräftig gestiegen – kräftiger, als es die Zwei-Prozent-Rate vermuten ließen.

Top 10: So stark schießen 2012 die Gaspreise hoch

Durchschnitt

187 Grundversorger haben 2012 bisher ihre Gaspreise erhöht. Das sind ein Viertel der ca. 750 Grundversorger in Deutschland. Im Schnitt liegen die Erhöhungen bei knapp sieben Prozent oder 96 Euro. Doch in vielen Fällen steigen die Preise auch deutlich stärker. Genannt werden der neue Preis in Euro sowie die prozentuale Erhöhung.
Quelle: Check24                             

Platz 10

Stadtwerke Heide GmbH                                           1.499,36 €           13,10%

Platz 9

SWP Stadtwerke
Pforzheim GmbH & Co. KG                                        1.639,92 €           13,73%

Platz 8

SWN Stadtwerke Neustadt GmbH                         1.814,84 €           14,22%

Platz 7

Stadtwerke Unna GmbH                                            1.524,25 €           15,09%

Platz 6

Stadtwerke Bebra GmbH                                           1.422,40 €           15,49%

Platz 5

Stadtwerke Bad Reichenhall                                     1.402,28 €           15,68%

Platz 4

Stadtwerke Göttingen AG                                         1.386,68 €           15,72%

Platz 3

Freisinger Stadtwerke
Versorgungs-GmbH                                      1.529,36 €           18,34%

Platz 2

Gemeindewerke Hettenleidelheim                                      1.556,52 €           19,16%

Platz 1

Stadtwerke Traunstein GmbH & Co. KG                                              1.446,56 €           19,41%

Und der nächste Preishammer kommt, schließlich steht der Winter bald der Tür. Allein für Oktober und November haben 41 Grundversorger für Gas Preiserhöhungen angekündigt. Damit hätten bereits ein Viertel aller Grundversorger die Gaspreise erhöht, ergibt eine Auswertung der Energiepreisveränderungen durch das Vergleichsportal Check24.de.

Kommentare (74)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

zahlemann5

20.09.2012, 13:05 Uhr

Huch, nun bin ich aber überrascht, dass Inflation kommt. Wie konnte das denn passieren. Und der Özdemir, hat der seine Flugmeilen inzwischen im Griff - ist die Zeit des Vergessens lang genug, um ihn dem Wähler wie zumuten zu können? Ich weiss, dass er nichts weiss...:seine Partei ist doch ganz wensentlich für eine weitere Schuldenhaftungsunion. Ein Brandstifter verkleidet als Feuerwehrmann. Echt unterhaltsam.

Account gelöscht!

20.09.2012, 13:07 Uhr

Wenn man den Lügen der Bundesregierung und Co glaubt haben wir fast keine Inflation :D schon klar oder? ;)
Moment mal...2010 habe ich für ein Brot wieviel bezahlt? 1.40 DM???....und heute für das selbe Brot? Komisch...da stimmt was nicht würde ich behaupten. Ich zahle nämlich heute dafür 2.10 = ungefähr 4DM. Diese Rechnung zieht sich durch sämtliche Nischen, während man mir erzählen will, dass es nicht so wäre.

Übrigens, zum Thema Strom...wieso zahl ein Spanier, Belgier, Däne, Grieche und Co. fast die Hälfte an Stromkosten als ich?

Rene

20.09.2012, 13:17 Uhr

Toll, naiv. Das hat weniger was mit der EZB zu tun, als vielmehr mit der Knappheit der Rohstoffe und dem verschwenderischen Umgang mit ihm.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×