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13.09.2012

15:03 Uhr

Studie der Hans-Böckler-Stiftung

Vernichtendes Urteil über die Riester-Rente

Die Einführung der Riester-Rente sei eine „Fehlentscheidung“, erklärt die Hans-Böckler-Stiftung. Die Rentenreform erhöhe das Risiko von Armut im Alter. Riester-Renten seien teuer, renditeschwach und riskant.

Riestersparern droht bei der Pensionierung Altersarmut. dpa

Riestersparern droht bei der Pensionierung Altersarmut.

BerlinDie gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat eine vernichtende Bilanz der Riester-Rentenreform gezogen und eine Stärkung des klassischen umlagefinanzierten Rentensystems gefordert. Die Umstellung auf ein teilweise durch privates Kapital gedecktes Alterssicherungsmodell in Form der Riesterrente habe sich als „Fehlentscheidung“ erwiesen und erhöhe das Risiko von Armut im Alter, teilte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Stiftung am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung einer Studie zur Lage in der Rentenversicherung mit.

„Bleiben die Reformen unverändert in Kraft, werden erhebliche Teile der Erwerbsbevölkerung in Altersarmut gleiten“, warnten die Experten. Angesichts der inzwischen bereits mehr als zehnjährigen Erfahrung mit dem im Jahr 2001 eingeführten Riester-System bestehe kein Zweifel mehr daran, dass es „keinesfalls geeignet“ sei, den Menschen ein sicheres Auskommen im Alter in Ergänzung zur gesetzlichen Rente zu garantieren.

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Die Riester-Rente ist heftig in der Kritik. Zu hohe Gebühren, zu wenig Rendite, sagen Verbraucherschützer. Aber was denkt eigentlich der Erfinder, was denkt Walter Riester über seine Rente?

Grund für die Entwicklung sei, dass im Zuge der Riester-Einführung zwar das Versorgungsniveau der gesetzlichen umlagefinanzierten Rentenversicherung abgesenkt worden sei, die meisten Betroffenen aber nicht in der Lage seien, diesen Verlust durch privates Riestersparen wieder auszugleichen.

„Nach allem, was wir heute absehen können, wird das nur relativ wenigen gelingen“, erklärte der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav Horn. Er verwies auf hohe Kosten, magere Renditen und Risiken bei Riesterprodukten. Noch schlechter sehe es für die aus, die sich eine Zusatz-Absicherung nicht leisten könnten.

Das Urteil über die Riesterrente fällt vernichtend aus. "Die hohen Renditen, die die Versicherer in der Vergangenheit auf den Kapitalmärkten erzielten, haben sich nicht in einer entsprechend hohen Verzinsung der Einzahlungen in die Riester-Verträge niedergeschlagen", erklären die Autoren der Studie. Ein wesentlicher Grund hierfür seien die "hohen offenen und versteckten Kosten der Riester-Verträge".

Überblick: Die Kritik an der Riester-Rente

Anlass

Zehn Jahre ist die staatlich geförderte private Altersvorsorge nun auf dem Markt. Verbraucherschützer und Politiker nahmen dies zum Anlass, die Bilanz der Riester-Rente kritisch zu hinterfragen.

Effizienz

Viele Bundesbürger, deren gesetzliche Altersrente vermutlich zu knapp sein wird, nutzen die Riester-Rente bisher nicht.

Rendite

Wie stark sich die Riester-Rente lohnt, ist umstritten. Befürworter und Gegner verweisen auf jeweils unterschiedliche Modellrechnungen. Letztlich ist dieser Streit nicht zu entscheiden, da es bisher nur wenige Riester-Rentner gibt. Die Rendite hängt zudem stark davon ab, welche Variante der Riester-Rente und welcher Anbieter gewählt wird.

Kosten

Insbesondere bei Versicherungsverträgen fallen Vermittlungskosten an. Diese werden von Verbraucherschützern und manchen Politikern als zu hoch kritisiert. Je höher die Kosten sind, um so mehr schmälert das die Rendite des Vertrags.

Provisionen

Der Verkauf über Provisionen beinhaltet nach Ansicht von Verbraucherschützern die Gefahr, dass die Kunden nicht optimal beraten werden und der Vermittler am Ende zu einem Produkt rät, durch das er selbst am meisten verdient.

Transparenz

Viele Anbieter von Riester-Produkten haben wenig Interesse, ihre Daten offen zu legen. Dies zeigte sich zum Beispiel bei einer Studie des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA).

Förderung

Die Förderung ist derzeit statisch. Sie sollte im Laufe der Zeit an die wirtschaftliche Entwicklung angepasst werden, also dynamisiert werden.

Komplexität

Viele Sparer durchschauen die Regeln der Riester-Rente nicht. Der bürokratische Aufwand ist hoch.

Wettbewerb

Die Konkurrenz unter den Anbietern ist nicht besonders ausgeprägt. Die Regierung wünscht sich mehr Wettbewerb, um auf diese Weise die Produktqualität zu verbessern.

Zusatzschutz

Mit der Riester-Rente kann man auch eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abschließen. Der Nachteil aus Sicht von „Finanztest“: Die Altersrente fällt später geringer aus, die Berufsunfähigkeitsrente wäre voll steuerpflichtig. Von einer Berufsunfähigkeitsrente aus einem Vertrag ohne Riester-Förderung wäre dagegen nur ein kleiner Teil steuerpflichtig: der Ertragsanteil.

Kontrolle

Der Markt für Riester-Renten wird bisher nicht sehr scharf kontrolliert. Das könnte sich durch neue Kompetenzen für die Finanzaufsicht Bafin künftig ändern.

Die vernichtende Kritik an der Riesterrente ist auch deswegen pikant, weil sie von der gewerkschaftsnahen Hans Böckler-Stiftung stammt. Die private Vorsorgemöglichkeit wurde damals federführend von dem damaligen Arbeitsminister und langjährigen Gewerkschaftsfunktionär Walter Riester eingeführt. Riester erklärte jüngst in einem Interview mit Handelsblatt Online, dass die Kritik an seiner Rente "Völliger Blödsinn" sei. "Es gibt gewisse Kreise, die eine Kampagne gegen diese Rente führen", sagte Riester.

Die Hans-Böckler-Stiftung urteilt: "Lediglich unter optimistischen Angaben gäbe es attraktive Renditen". Viele Sparerinnen und Sparer würden den Zeitpunkt, an dem dem das angesammelte Kapital ohne Verzinsung wieder ausgeschüttet wird, nicht mehr erleben. "Bei den neuen Verträgen ab 2011 müssen Frauen und Männer mindestens 87 Jahre alt werden, um dies zu erreichen". Die gesetzliche Rente würde für die Einzahler demnach attraktiver sein als die private Altersvorsorge.

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Besonders betroffen von der schwachen Performance seien Durchschnitts- und Geringverdiener. Um massenhafte Altersarmut zu vermeiden, sei eine eindeutige Kurskorrektur hin zur Stärkung des umlagefinanzierten Rentensystems nötig, erklärte das IMK. Der Staat sollte gezielt Renten von Geringverdienern und Personen mit unregelmäßigen Erwerbsbiografien aufstocken sowie das allgemeine Renten-Niveau erhöhen.

Die Hans-Böckler-Stiftung wird vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) getragen. Kritik am deutschen Rentensystem übten in der Vergangenheit auch andere Institutionen, Verbraucherschützer und die Industrieländer-Organisation OECD. Die Studie beruht nicht auf neuen Berechnungen, sondern auf einer Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen Informationslage.

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Das Niveau der gesetzlichen Rentenzahlung in Deutschland liege inzwischen rund 15 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten, also den führenden Industrie- und Schwellenländern, teilte das IMK weiter mit. Zur Finanzierung könnte der von Firmen und Versicherten bezahlte Beitragssatz über Jahre in kleinen Schritten angehoben werden. Durch Entlastung bei der privaten Vorsorge wäre dies für die Versicherten unter dem Strich günstiger, die Firmen könnten dies durch ihre gute internationale Wettbewerbsfähigkeit finanzieren.

Kernpunkte der Riester-Förderung

Idee

Förderung der privaten Altersvorsorge durch jährliche Zulagen und Steuervorteile

Quelle: LBS

Grundzulage

154 Euro pro Person

Kinderzulage

185 Euro je Kind, geboren vor 2008
300 Euro je Kind, geboren ab 2008

Steuervorteile

Sparer können ihre Einzahlungen als Sonderausgaben absetzen. Die Auszahlungen der Riester-Rente sind voll steuerpflichtig zum individuellen Steuersatz. Dieser dürfte im Alter jedoch niedriger sein als während des Berufslebens.

Voraussetzung

Für die volle Förderung müssen Einzahlungen in Höhe von vier Prozent des Bruttoeinkommens des Vorjahres vorgenommen.

Obergrenze

Es werden maximal 2.100 Euro Einzahlungen gefördert.

Vorteil

Die geflossenen Zulagen reduzieren die erforderliche eigene Sparleistung.

Sozial

Die Förderung ist unabhängig von der Höhe des eigenen Einkommens.

Kommentare (39)

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wwwRiesterrentenbetrugde

13.09.2012, 15:24 Uhr

"Riester erklärte jüngst in einem Interview mit Handelsblatt Online, dass die Kritik an seiner Rente "Völliger Blödsinn" sei. "Es gibt gewisse Kreise, die eine Kampagne gegen diese Rente führen", sagte Riester".

Tja Herr Riester, Sie werden wohl nach dem Bekanntwerden des Totalverlustes aller Riester- und auch sontigen, kapitalgedeckten "Altersabzockprodukte" in Gefängnis müssen. Und das in ihrem Alter.

Es wird demnächst Unterlassungsklagen und einstweilige Verfügungen gegen Sie, die Politik sowie die Vertriebler dieser Produkte geben. Und zwar wird verboten werden, daß sie alle diese Produkte als Altersvorsorge bezeichnen dürfen. Zudem daß diese Produkte in der jetzigen Zeit geeignet sind, Vermögen aufzubauen. In Krisen ist es wichtiger einen, nicht papierbezogenen Notgroschen zu besitzen und/oder sein Vermögen sinnvoll zu erhalten.

Dazu sind alle Versicherungsprodukte absolut ungeeignet und "betrügen" den jetzigen Einzahler um nahezu 100%!

Das werden diese benannten Kreise für sie da oben in Berlin gerne tun. Glauben sie, liebe Leser, besser den von Herrn Riester angesprochenen Kreisen..und kaufen Gold, Silber, Sachwerte, Aktien, etc.!

hermann.12

13.09.2012, 15:25 Uhr

Na ja, die Kritik ist nicht interessenfrei, besonders hinsichtlich der Lösungsempfehlung.
Fakt ist, das Riesterkonzept ist Schrott. Das liegt im wesentlichen in politischen Interessenkonflikten zwischen Bund und Ländern, sowie den viel zu engen Auflagen un der Doppelbesteuerung der Sparbeiträge.

Dazu mehr umlagefinanzierte Versorgung zu fordern dagegen ist schlicht unseriös. Nicht das grundsätzlich ein umlagefinanziertes System schlecht wäre, im Gegenteil. Aber dieser Vorschlag ignoriert einfach die demographischen Probleme, denen das aktuelle System ausgesetzt ist. Egal wieviel heute eingezahlt oder als Niveau für die Zukunft versprochen würde, am Ende kommt eben doch nicht mehr im umlagefinazierten System für zukünftige Rentner heraus. Jedenfalls nicht ohne kräftige Beitragserhöhungen in der Zukunft oder deutliche Zuschüsse aus anderen Töpfen.
Woher das kommen soll, angesichts der noch lange anhaltenden Staatsverschuldung, diese Frage beantwortet die Stiftung nicht.

Und das ist typisch für heutige deutsche Politik. Mn bietet keine lösung an, sondern ist nur am ortei lder eigenen Klientel interessiert und veräppelt damit letztlich alle Bürger. Da die klientel dr poltischen opposition ebenso handelt profitiert am Ende nur ein sehr kleiner Teil der unmittelbaren Lobby auf kosten der großen Mehrheit.

H.

unkenrufer

13.09.2012, 15:34 Uhr

... die hohen offenen und versteckten Kosten der Riester-Verträge...

Man erinnere sich: Die Regierung Schröder beschloss nach Beratung durch Carsten Maschmeyer, damals AWD-Chef, die private Trägerschaft für die Rieserrente. Maschmeyer hatte zuvor Wahlpropaganda für die Kanzlerschaft seines Freundes Schröder gemacht. Maschmeyer ist mit dem Verkauf von Rieserrenten reich geworden. Ein Schelm wer böses dabei denkt!

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