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11.03.2013

07:49 Uhr

Tarife

Bahr unterstützt private Krankenversicherung

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr will das Angebot von Wahltarifen bei gesetzlichen Krankenkassen neu regeln. Das könnte zu stärkerer Abwanderung zu den Krankenversicherern führen. Die Kassen lehnen dies ab.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will bestimmte Geschäfte der gesetzlichen Krankenkassen neu regeln. dpa

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will bestimmte Geschäfte der gesetzlichen Krankenkassen neu regeln.

BerlinBundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will einem Medienbericht zufolge das Geschäft der gesetzlichen Krankenkassen beschränken. Geplant sei den gesetzlichen Kassen das Angebot von Wahltarifen deutlich zu erschweren, berichtet die „Berliner Zeitung" (Montagausgabe) vorab.

Durch eine vom Minister geplante Gesetzesänderung könnten diese Tarife nach Befürchtungen der Krankenkassen so teuer werden, dass sie sich künftig weder für die Versicherten noch für die Kassen lohnen und damit eingestellt werden müssten. Damit bestehe die Gefahr, dass Gutverdiener, die die Kassen über derartige Zusatztarife an sich binden konnten, in die private Krankenversicherung (PKV) abwandern.

Warum die PKV nicht untergeht

Wahlkampfgetöse

„Sozialpolitiker, Verbraucherschützer und gesetzliche Krankenkassen haben einen Feldzug zur Abschaffung der PKV gestartet und zu diesem Zweck die Medien instrumentalisiert“, kritisiert der Versicherungsexperte Arno Surminski in der Zeitschrift für das Versicherungswesen. „Offenbar soll die Bevölkerung in einer Art Vorwahlkampf für die nächste Bundestagswahl auf die von SPD und Gründen geforderte Bürgerversicherung eingestimmt werden.“ Er findet die Untergangsszenarien ungerechtfertigt und nennt dafür sechs Gründe.

Geschichte

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Ende der PKV eingeläutet wird. Seit dem zweiten Weltkrieg gab es immer wieder Konstellationen, in denen kein Pfifferling auf die PKV gegeben wurde. Ihr Überleben als reiner Zusatzversicherer war oft schon beschlossene Sache.

Verbündete

Die PKV ist für gewisse Bevölkerungsgruppe unverzichtbar. Zu ihren Verbündeten zählen Mediziner, die auf Privatpatienten angewiesen sind, weil sie von GKV-Leistungen allein kaum eine Praxis unterhalten können.

Zufriedene

Fast die Hälfte der Privatversicherten gehört zur Gruppen der Beamten. Sie sind mit der jetzigen Regelung (Beihilfe plus Privatversicherung) gut bedingt und haben keine Neigung in eine Einheitsbürgerversicherung zu wechseln.

Kapital

Altersrückstellungen sind eine Errungenschaft, die sich die anderen Systeme zum Vorbild nehmen sollten: Kapital ansparen in jungen Jahren, um aus diesen Mitteln die höheren Gesundheitskosten im Alter abzufangen.

Grundgesetz

Im Bereich der Altersrückstellungen funktioniert die PKV im Bereich der Gesundheitskosten wie die Lebens- und Rentenversicherung bei der Altersvorsorge. Jeder Zugriff auf die Altersrückstellungen verstößt gegen die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes.

Wettbewerb

Das Nebeneinander von GKV und PKV hat große Vorteile für die Krankenversicherten in ihrer Gesamtheit. Der Wettbewerb der Systeme zwingt Privatunternehmen und Kassen, sich verstärkt um ihre Versicherten zu kümmern, sie möglichst nicht zu enttäuschen.

Seit 2007 haben die Krankenkassen die Möglichkeit, ihren Versicherten Tarife mit unterschiedlichen Leistungen anzubieten. Derzeit nutzen fast neun Millionen Versicherte derartige Tarife, die an das Angebot der privaten Krankenversicherer angelehnt sind.

Zielgruppe sind vor allem Gutverdiener. Sie sollen mit diesen Tarifen davon abgehalten werden, zu einer Privatversicherung zu wechseln. Den privaten Krankenversicherern ist das daher schon lange ein Dorn im Auge. Sie hatten immer wieder gefordert, den gesetzlichen Kassen das Angebot von Wahltarifen gänzlich zu verbieten.

GKV gegen PKV: Was die Kämpfer fordern

Debatte

Politiker, Manager und Ökonomen diskutieren seit Monaten über die Zukunft der Krankenversicherung in Deutschland. Einige Auszüge.

PKV-Direktor Leienbach

Volker Leienbach, PKV-Verband:
„Deutschland hat dank seines Zwei-Säulen-Systems aus Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung eine auch im internationalen Vergleich hervorragende Gesundheitsversorgung mit kurzen Wartezeiten, freier Arztwahl und medizinischem Fortschritt für alle.“

Die Linken

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg sagte dem Handelsblatt: „Die Zahlen der Bundesregierung belegen, dass die PKV ihre besten Zeiten hinter sich hat.“ Beiträge und Ausgaben stiegen rasant und deutlich stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Zinsentwicklung bei den Alterungsrückstellungen zeige, dass die PKV nicht demographiefest sei. 

FDP

FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann fordert "grundlegende Veränderungen" von der Branche. „Ich bezweifle, ob die Vollversicherung in der heutigen Gestalt in der Zukunft noch so bestehen bleiben kann“, sagte er dem „Stern“.

Gesundheitsökonom

Können die Versicherer überhaupt noch 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften?
Professor Jürgen Wasem:
„Im Moment gelingt das noch, weil die Alterungsrückstellungen langfristig angelegt sind. Doch auf Dauer ist das zu bezweifeln, vor allem wenn die Kapitalmarktzinsen so niedrig bleiben wie derzeit. In der Lebensversicherung wurde daher der Garantiezins ja bereits auf 1,75 Prozent gesenkt.“

AOK

Jürgen Graalmann, Verbandschef der Krankenkassengruppe AOK:
„Ich halte das Geschäftsmodell der PKV im Bereich der Vollversicherung für gescheitert.“

Barmer GEK

Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der größten Krankenkasse Barmer GEK:
„Ich bin nicht dafür, die PKV abzuschaffen, sondern für einen fairen Wettbewerb beider Systeme. Allerdings müssen die privaten Krankenversicherer eine Reihe von Problemen angehen."

Debeka

Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende des mit 2,2 Millionen Vollversicherten größten privaten Krankenversicherers:
"Die PKV ist die bessere Alternative im Gesundheitswesen.“ Laue beklagt eine „Anti-PKV-Propaganda, bei der Einzelfälle ohne Hintergründe und Beweise skandalisiert werden, um ein funktionierendes System Schritt für Schritt kaputt zu reden“.

Signal Iduna

Die Krankenkassen halten das Geschäftsmodell der PKV für gescheitert. Hat ihr letztes Stündchen bald geschlagen? 

Reinhold Schulte, Chef des PKV-Verbandes und des Versicherers Signal Iduna:
„Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung. Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch. Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös.“

 

Die Zahl der Zusatzversicherungen in der privaten Krankenversicherung (PKV) stieg 2011 um mehr als eine halbe Million auf 22,50 Millionen. Wie im Vorjahr gab es einen besonders starken Anstieg bei den Pflegezusatzversicherungen um 10,6 Prozent auf 1,88 Millionen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Gesamtzahl der Zusatzversicherungen in der PKV damit um über vier Millionen oder rund ein Fünftel erhöht.

Bis Mitte 2012 verzeichnete die PKV bei den Zusatzversicherungen einen Nettozuwachs um 86.300 Verträge. Das etwas abgeschwächte Wachstum gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum mit einem Zuwachs von 118.700 Verträgen sei wohl durch das Abwarten vieler Kunden auf die neue Unisex-Tarifwelt zu erklären, erklärte der Verband. Insgesamt stieg damit die Zahl an Zusatzversicherungen im ersten Halbjahr 2012 auf 22,59 Millionen.

„Wahltarife können ihren Teil dazu beitragen, Menschen in der Solidargemeinschaft zu halten. Eine eventuelle Verschlechterung der Konditionen für die gesetzlichen Krankenkassen lehnen wir ab“, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, zum Handelsblatt.

 

Von

rtr

Kommentare (18)

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Loser-FDP

11.03.2013, 08:47 Uhr

Leider typisch FDP, während tausende privat Versicherte mit aller Macht in die Gesetzliche wechseln wollen, weil ihnen die Private zu teuer wird, gehen die Loser der Nation weiterhin in die entgegengesetzte Richtung.

http://www.zdf.de/WISO/Teure-private-Krankenversicherung-25168706.html

Wie tief kann man auf der verzweifelten Suche nach Spendengeldern noch sinken?!

Account gelöscht!

11.03.2013, 08:52 Uhr

Lobbypolitik eben. Was werden die Privatkassen dafür bezahlt haben?
Wer sitzt in den Aufsichtsräten der Privatkassen?

Lobbytum

11.03.2013, 10:17 Uhr

Dieser Lobbyminister muss unbedingt weg.
PKV kann nur als Zusatzversicherung angeboten werden, was viele PKV Kassenchefs schon in ihren Planungen haben. Die gesetzliche muss gestärkt werden, und da sollten alle einzahlen müssen.

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