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28.08.2014

15:38 Uhr

Tool der Woche

So werden Sie Ihre Lebensversicherung wieder los

VonSara Zinnecker

Baby, neuer Job, Trennung: Viele Lebensversicherte müssen vor Ablauf der Police an ihr Geld heran. Bislang schien eine Kündigung dafür die einzige Möglichkeit. Nun können Kunden unter bestimmten Umständen widersprechen.

Baby, berufliche Veränderung, Trennung: Die meisten Lebensversicherten kündigen früher oder später ihre Police. Getty Images

Baby, berufliche Veränderung, Trennung: Die meisten Lebensversicherten kündigen früher oder später ihre Police.

DüsseldorfEinen guten Monat ist es her, dass der Branchenverband der deutschen Versicherungswirtschaft GDV die neuen Zahlen zu den Lebensversicherungen veröffentlicht hat. Die Neuabschlüsse waren rückläufig, die Beitragssummen gesunken – das schmerzte. Da kam diese gute Nachricht gerade recht: Die Stornoquote für Lebensversicherungen lag so niedrig wie in 20 Jahren nicht. 3,2 Prozent aller Verträge seien demnach 2013 gekündigt worden. „Im aktuell schwierigen Umfeld ist dies als Vertrauensbeweis der Kunden in ihre Lebensversicherung zu werten“, soweit der Kommentar des Verbandes.  

Schaut man genauer hin, ist auch eine Stornoquote von 3,2 Prozent pro Jahr immer noch ein starkes Stück. Würde man – nur mal angenommen – für die nächsten 30 Jahre diese Quote an jährlichen Kündigungen ansetzen, hätte von 100 Versicherten nach zehn Jahren etwa ein Viertel, nach 20 Jahren knapp die Hälfte und nach 30 Jahren gut 60 Prozent aller Kunden ihren Vertrag aufgegeben.

„Nach wie vor hält die Mehrheit der Lebensversicherten ihren Vertrag nicht bis zum Ende durch“, benennt der unabhängige Versicherungsberater Thorsten Rudnik das Problem. Und nach wie vor müssen diese Kunden in aller Regel einiges an Geld beim Versicherer lassen, wenn sie sich – weil sie das Geld an anderer Stelle benötigen – von ihrem Vertrag trennen müssen. Vor allem die über die ersten fünf Jahre anfallenden Abschlusskosten eines Vertrags bekommen die Kündiger nicht wieder zu Gesicht.

Bislang hatten Kunden, die schnell an ihr Geld kommen mussten, kaum eine andere Möglichkeit als ihren Vertrag mit Verlust zu kündigen. Seit knapp drei Monaten aber gibt es für die, die ihre Lebenpolice zwischen 1995 und 2007 abgeschlossen und erst nachträglich die Vertragsunterlagen erhalten haben, unter Umständen eine Alternative. Der BGH hatte Anfang Mai geurteilt, dass Versicherte ihrem Vertrag auch noch nach Jahren widersprechen und Zahlungen rückabwickeln lassen können. Die Bedingung: Die Versicherten müssen nachweisen, dass sie nicht richtig über ihr Widerspruchsrecht belehrt worden sind (Az. IV ZR 76/11).

„Ein Widerspruch dürfte für den Kunden mit hoher Wahrscheinlichkeit besser sein als eine Kündigung, bei der Versicherer in der Regel hohe Abschläge beim Rückkaufswert berechnen“, glaubt Rudnik. Für Kunden, die heute eine Kündigung erwägen – oder bereits gekündigt haben – lohne es sich daher in jedem Falle, sein Vertragswerk noch einmal hervorzukramen und nach der genauen Belehrung zu suchen.

Die wichtigsten Fragen zur Lebensversicherung

Wie funktioniert die Lebensversicherung?

Es gibt verschiedene Arten von Lebensversicherungen. Eine Risikolebensversicherung dient der finanziellen Absicherung von Hinterbliebenen bei Todesfällen. Die Kapitallebensversicherung soll dagegen zugleich auch Altersvorsorge sein. Es gibt eine Anspar- und eine Auszahlungsphase. Wird letztere erreicht, schüttet der Versicherer die vorher vom Kunden regelmäßig eingezahlten Beiträge aus. Für viele Kapitallebensversicherungen werden nach Ende der Ansparphase eine bestimmte Summe und bestimmte regelmäßige Zahlungen garantiert.

Was ist die Bewertungsreserve?

Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, auch wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 müssen Versicherungen die Hälfte der Bewertungsreserve an ihre Kunden auszahlen, deren Verträge auslaufen.

Was ist der Garantiezins?

Viele Verbraucher haben sich auch deshalb für Kapitallebensversicherungen entschieden, weil die Anbieter für das eingezahlte Kapital praktisch eine Art von Mindestverzinsung garantieren: den sogenannten Höchstrechnungszins, umgangssprachlich Garantiezins genannt. Dieser wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Aktuell beläuft er sich auf 1,75 Prozent, ab 1.1.2015 nun wird er auf 1,25 Prozent gesenkt.

Früher lag der Satz deutlich höher, in den 90er Jahren teils bei vier Prozent. Seit 2000 geht es bergab. Der Grund: Versicherer müssen die Gelder ihrer Kunden in krisensicheren Anlageformen investieren. Die Renditen dafür sind seit Jahren aber sehr niedrig.

Was bedeutet das niedrige Zinsniveau konkret für Lebensversicherungen?

Bei Lebensversicherungen mit Garantiezins bildet dieser nur einen Teil der Gesamtverzinsung, welche die Versicherer zahlen. Dazu kommen noch zusätzliche Renditen, wenn Versicherer das Geld der Versicherten besonders gut anlegen. Da die Zinsen für Anleihen krisenfester Staaten aber zurückgehen, schrumpfen generell sowohl Garantiezins als auch Überschussbeteiligungen. Zu beachten ist, dass Bestandskunden in der Regel von Senkungen des Garantiezinses nicht betroffen sind.

Sind Lebensversicherungen für Verbraucher noch attraktiv?

Versicherer sagen ja: Weil sie durch niedrigere Garantiezinsen weniger Geld zur Sicherung von Beitragsgarantien und für eine Mindestverzinsung zurücklegen müssen, könnten sie höhere Risiken eingehen – und damit auch für die Versicherten höhere Gesamt-Renditen erwirtschaften. Verbraucherschützer dagegen stehen klassischen Lebensversicherungen inzwischen skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach fließt zu viel Geld in Abschluss- und Verwaltungskosten, sodass der Sparanteil auf der Strecke bleibt.

Ist es sinnvoll, alte Verträge zu kündigen?

In vielen Fällen nicht. Kunden sollten laut Verbraucherschützern auch bedenken, dass die Kündigung eines laufenden Vertrags immer mit Verlusten verbunden ist. Ob diese Verluste von einer jetzt eventuell noch höheren Beteiligung an den Bewertungsreserven ausgeglichen werden, muss im Einzelfall berechnet werden. Zudem ist besonders bei Altverträgen, die schon vor 2005 abgeschlossen wurden, zu beachten, dass sie bei der Auszahlung im Alter noch steuerfrei sind, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestanden hat.

Hat der Versicherer im Anschreiben mit Übersendung der Police nicht über den Widerspruch belehrt? Verschwindet die Belehrung im Fließtext oder auf späteren Seiten, wo der Kunde sie nicht mehr erwartet und ist nicht ausdrücklich abgesetzt oder mit Fettschrift hervorgehoben? In all diesen Fällen haben Kunden, laut Rudnik, eine Chance, den Widerspruch auch durchzusetzen.

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