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31.10.2012

12:16 Uhr

Tricks in der PKV

So überlisten Versicherer ihre Kunden

VonThomas Schmitt

ExklusivHinhalten, Verschleiern, Zulangen: In der privaten Krankenversicherung ist der Kunde oft der Dumme. Er zahlt mehr, ohne es zu merken. Und wenn er die Prämie drücken möchte, blocken ihn die Versicherer auch noch ab.

DüsseldorfDie privaten Krankenversicherer kämpfen politisch ums Überleben – gegen die Krankenkassen und die Befürworter einer Bürgerversicherung. Daher verbreiten sie in diesen Tagen gerne Erfolgsmeldungen. „Wir können bereits heute sagen, dass im kommenden Jahr fast alle Versicherten von stabilen Krankenversicherungsbeiträgen profitieren werden", sagt etwa Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende der Debeka Versicherungsgruppe. „Es ist sogar davon auszugehen, dass wir für rund 100.000 ältere Versicherte die Beiträge leicht senken können.“

Die Debeka ist der Marktführer in der privaten Krankenversicherung (PKV). 2,2 der knapp neun Millionen Privatpatienten sind bei dem Versicherungsverein. Doch nicht jeder der mehr als 40 privaten Krankenversicherer steht so gut wie die Debeka da, die besonders viele Beamte versichert.

„Ich gehe davon aus, dass die Beiträge um etwa 7 bis 10 Prozent steigen werden“, sagt Ozan Sözeri von WIDGE.de, einem Beratungsunternehmen, das bei Tarifwechseln in der PKV hilft. „In einzelnen Tarifen sind mir jedoch schon Erhöhungen von 30 Prozent und mehr bekannt. Und das gilt wieder nur für das Neukundengeschäft – von den Bestandskunden gar nicht zu reden. Diese Informationen werden von den Versicherungsgesellschaften bekanntermaßen zurückgehalten.“

Private Krankenversicherung: Beiträge in der PKV steigen deutlich

Private Krankenversicherung

Beiträge in der PKV steigen deutlich

Trotz Kritik von der Politik und Verbraucherverbänden steigen die Beiträge für Neuverträge. Schlechte Tarife verteuern sich innerhalb von zehn Jahren um mehr als 4.000 Euro. Ein Vergleich zeigt, wer mehr zahlen muss.

Das Negativbeispiel der vergangenen zwölf Monate war der Versicherer Central, der zur Generali-Gruppe gehört. Das Unternehmen hatte zeitweise wie verrückt Policen an Angestellte und Selbstständige verkauft, sich dabei jedoch mit Billigtarifen verhoben, weil diese höhere Kosten als gedacht verursachten.

Auch aus Kundensicht waren diese Einsteigerpolicen oft ein schlechtes Geschäft. Denn die später offerierten Tarife lassen viele Wünsche offen, weil niedrige Preise eben auch schlechte Leistungen bedeuten. Auf längere Sicht ist es für preisbewusste PKV-Mitglieder daher günstiger, wenn sie nicht nur auf den Preis achten, sondern auch auf Leistungen, die etwas über dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) liegen sollten.

Checkliste private Krankenversicherung

Wer kann in die Private Krankenversicherung (PKV) wechseln

Jedes Jahr ändern sich die Voraussetzungen für den Wechsel in die PKV. Arbeitnehmer müssen im Jahr 2015 mit ihrem Einkommen mindestens ein Jahr lang die so genannte Jahresarbeitsentgelt-Grenze in Höhe von 54.900 Euro überschreiten.

Gesundheitsprüfung

Die Höhe der Beiträge richtet sich neben dem Alter vor allem nach den Vorerkrankungen. Wer sich privat versichern möchte, sollte daher nicht zu lange warten. Laut Verbraucherzentrale NRW ist der Wechsel für Männer ab 46 Jahren und für Frauen jenseits der 37 meist nicht mehr ratsam. Versicherte sollten in jedem Falle alle im Antrag abgefragten Erkrankungen angeben. Verschwiegene Vorerkrankungen können zu einem Rücktritt im Leistungsfall führen.

Steigende Beiträge

Bei der Gesetzlichen Krankenversicherung ist der Beitrag vom Bruttoeinkommen abhängig. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr. Anders in der PKV: Der zu Beginn günstige Beitrag kann unabhängig von den Einkünften steigen. Im Schnitt verteuerten sich die Beiträge in den vergangenen zehn Jahren um rund fünf Prozent pro Jahr.

Für wen lohnt die PKV

Das lässt sich nur individuell ermitteln. Tendenziell sind Alleinstehende, kinderlose Eheleute, die beide berufstätig sind, und Beamte Kandidaten für einen Wechsel.

Fallen meiden

Lockvogeltarife mit schwachen Leistungen zu Dumpingpreisen sollten Interessenten meiden. Dort drohen hohe Beitragssteigerungen und Deckungslücken.

Der passende Tarif

Die beste Police für alle gibt es nicht, auch nicht den besten Versicherer. Die passende Police lässt sich nur individuell ermitteln. Ebenso, ob der private oder gesetzliche Schutz die bessere Wahl ist. Verbraucherzentralen und Versicherungsberater helfen bei der Auswahl. Ratings wie beispielsweise das Beitragsstabilitätsrating von Morgen & Morgen bieten zusätzlich eine Entscheidungshilfe.

Rückkehr in die GKV

Der Wechsel zu einem privatem Anbieter will gut überlegt sein. Eine Rückkehr zur gesetzlichen Kasse ist nur dann möglich, wenn die Versicherungspflicht neu entsteht. Das ist der Fall, wenn Kunden versicherungspflichtig werden, etwa mit einem Gehalt unterhalb der Jahresarbeitsentgeltgrenze von 54.900 Euro für das Jahr 2015. Wer älter als 55 Jahren alt ist und in den vergangenen fünf Jahren privat versichert war, kann in der Regel nicht mehr zurück. Bezieher von Arbeitslosengeld II wechseln automatisch zur GKV, auch wenn sie älter als 55 Jahre sind.

Kinder

Der Nachwuchs ist beim privaten Schutz im Gegensatz zur GKV nicht gratis mitversichert. Kinder brauchen eigene, beitragspflichtige Verträge. Das macht die GKV für Eltern tendenziell interessanter.

Die Folge der verfehlten Verkaufsstrategie bei Central: In zahlreichen Fällen stiegen die Beiträge der eigenen Kunden zuletzt heftig. Kein Wunder also, dass besonders viele Versicherte dem Unternehmen jüngst den Rücken kehrten. Auch wenn zuletzt wieder mehr Ruhe eingekehrt ist, auch zum Ende dieses Jahres kursieren bereits wieder Fälle, in denen Belastungssteigerungen von rund 30 Prozent vorgerechnet werden.

Kommentare (36)

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Rumpelstilzchen

31.10.2012, 12:51 Uhr

Die PKV dient Besser- und Gutverdienern, sich der Solidargemeinschaft zu entziehen, und auf Kosten der Allgemeinheit Krankenkassenbeiträge zu sparen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen!

NKM

31.10.2012, 13:03 Uhr

@Rumpelstilzchen

Stimmt nicht so ganz. Auch ALLE Beamten sind in der PKV. Die dürfen gar nicht in eine gesetzliche Kasse (eigentlich ein Widerspruch in sich).

bloeder_zahler

31.10.2012, 13:08 Uhr

...passt doch gut in die PR-Panne der KKH Allianz: Entwertung der GKV bis hin zum angedachten Mitglieder Hinauswurf bei gleichzeitiger Stärkung der PKV via dubioser werdenden Vertriebsstrukturen.
So wird das was mit den hohen Ambitionen der Allianz, die Sozialsysteme vollends zu zerstören und aus den Resten davon ein mehrwertförderliches "Gesundheitssystem" zu generieren.
Rentenversicherung und Krankenversicherung: weiter privatisieren und Gesundheit und Alter werden zu Begriffen aus dem Horrorkabinett des Turbokapitalismus.

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