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14.02.2014

06:23 Uhr

Unfallopfer gegen Neinsager

Wenn Versicherungen nicht zahlen

VonThomas Schmitt

Die Versicherer zahlen jeden Tag Millionen an ihre Kunden und sind dennoch als Neinsager verschrien. Dagegen wehren sie sich vehement. Doch bei ihren Gegnern können sie so nicht punkten. Ein Pro und Kontra.

Der Branchenverband der Versicherer wehrt sich gegen das Neinsager-Image. Und bietet dazu auf seiner Internetseite ein Audio-Interview mit dem Versicherungsmanager Norbert Rollinger an. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Branchenverband der Versicherer wehrt sich gegen das Neinsager-Image. Und bietet dazu auf seiner Internetseite ein Audio-Interview mit dem Versicherungsmanager Norbert Rollinger an. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Stachel sitzt tief. Versicherer sehen sich selbst als die Guten in dieser Welt. Schließlich schützen sie ihre Kunden vor allem Unbill der bösen Welt. Öffentlich als Neinsager, Trickser oder Täuscher dazustehen, das können und wollen sie auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Schließlich sind gute Geschäfte mit  mit ihren Produkten auch nur möglich, wenn der Ruf gut ist und nicht lädiert.

Deshalb hat der Branchenverband GDV Anfang des Jahres eine Kampagne gegen Rechtsanwälte und Vereine von Unfallopfern gestartet. An der Spitze der Brancheninitiative steht Norbert Rollinger, der Vorsitzende des GDV-Hauptausschusses Schaden- und Unfallversicherung. In einem Beitrag, der auch als Podcast zu hören ist, erklärt er: „Warum Versicherer keine Leistungen verzögern.“

Der Grund dafür wird ganz offen genannt: In Medienberichten werde regelmäßig der Generalvorwurf erhoben, dass Versicherer Leistungen verzögern würden. Da sei jedoch nichts dran. Versicherer hätten vielmehr ein großes Interesse an schneller Schadenregulierung. Für deren Ablauf gebe es allerdings bestimmte Regeln, an die man sich halten müsse.

Die Neinsager – was Experten meinen

Der Film

Ein Panorama-Film vom 04. September 2012, „Die Nein-Sager“, löste sehr kontroverse Diskussionen aus. Die Autoren Christian Deker, Christoph Lütgert, Sabine Puls und Kristopher Sell reißen ihren Film so an: „Sie stürzen Tausende in finanzielle und seelische Nöte: Deutsche Versicherungen kassieren Jahr für Jahr, Monat für Monat ihre Prämien. Wenn sie aber gebraucht werden, können sie sich fast ohne Risiko verweigern.“

Quelle: NDR/Panorama

Hans-Peter Schwintowski, Professor für Versicherungsrecht

„Sie können als Schadensregulierer überlegen, ob sie durch Verzögerung der Schadensregulierung Geld sparen können. Und fast immer können Sie dann Geld sparen, wenn das Opfer selbst keine großen finanziellen Reserven hat, nicht rechtsschutzversichert ist.“

„Tatsächlich ist es nicht wirklich riskant für die Versicherer, weil die Erfahrung zeigt, dass von allen Fällen, die abgelehnt werden zwischen 2 bis maximal 5 Prozent tatsächlich klagen – und der Versicherer immer dann wenn geklagt wird den Fall aufgreift und jetzt versucht zu vergleichen.“

Christoph Lütgert, Fernsehjournalist und Autor

„Häufig gibt es bei der Schadensregulierung eine fast schon zynische Taktik des Verzögerns und Abweisens. Die wenigsten Menschen trauen sich, gegen Ablehnungsbescheide vorgehen. Manchmal ist es fast schon brutal, wie Versicherungen vorgehen. Da werden zum Beispiel abstruse Gründe vorgeschoben, offenbar um Zeit zu gewinnen oder die Versicherungsnehmer mürbe zu machen.“

„Da wird Menschen, die vom Schicksal schwer geschlagen wurden und die zu Recht darauf setzen, dass die Versicherung ihre berechtigten Forderungen erfüllt, Schreckliches zugemutet.“

Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft

Hoenen wirft Medien und Anwälten unzulässige Verallgemeinerung von Einzelfällen vor. Manche Anwälte machten Unfallopfern und anderen Geschädigten falsche Hoffnungen auf unberechtigt hohe Entschädigungen, sagte Hoenen der FTD. Der Vorwurf: Versicherer verzögerten in großem Stil die Zahlung oder versuchten, Geschädigte mit Minibeträgen abzuspeisen und in kostspielige Prozesse zu zwingen. "Das zeichnet ein Zerrbild der Branche", sagte Hoenen, der bis 2009 Chef von Huk-Coburg war.

Der Versichererverband GDV

Panorama und NDR Info haben beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nachgefragt. „Grundsätzlich ist es völlig legitim, dass der Versicherer auch zum Schutz der Versichertengemeinschaft überprüft, ob überhaupt ein Leistungsfall vorliegt.[...] Der Versichertengemeinschaft entsteht jährlich ein Schaden durch Versicherungsbetrug von etwa vier Milliarden Euro.“

Die Allianz

„Die erhobenen Vorwürfe sind unbegründet und haltlos. Das Gegenteil ist richtig: Die Allianz reguliert allein in Deutschland jedes Jahr mehr als 3,3 Millionen Schäden. Im Jahr 2011 hat die Allianz in der Schaden- und Unfallversicherung über 5,7 Milliarden Euro an Kunden und Geschädigte ausgezahlt. An einer zügigen Regulierung haben auch Versicherer ein Interesse. Dass Schadenfälle bei der Allianz nach Sach- und Rechtslage so zeitnah wie möglich reguliert werden, spiegelt sich in einer hohen Kundenzufriedenheit und einer geringen Beschwerdequote wider.“

Michael Bittner, Unfallopfer-Hilfswerk

“Täglich sterben 14 Menschen auf deutschen Straßen, rund 1200 werden verletzt. Ein einziger Augenblick kann im wahrsten Sinne des Wortes alles verändern, das Leben eines Unfallopfers genauso wie das der Angehörigen und Unfallbeteiligten.“

Unfallopfer.de ist nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Plattform im Internet, in der sich Betroffene gegenseitig helfen unter anderem im Kampf gegen Sachverständige, die parteilich für Versicherer Gutachten verfassen.

Auf zwei Internetseiten tauschen sich Unfallopfer aus. An Versicherungen lassen sie kaum ein gutes Haar.

Elmar Fuchs, Fachanwalt für Autorecht

Experten wie der Fachanwalt für Autorecht und Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kfz-Sachverständigen, Elmar Fuchs, schätzen, dass circa zehn Prozent der berechtigten Kostenforderungen den Unfallgeschädigten nicht ausgezahlt werden. Das hieße nach seinen Schätzungen, dass die Versicherer eineinhalb Milliarden Euro pro Jahr sparen. Das systematische Bestreiten von Forderungen hat also offenbar Erfolg.

Rechtsanwalt Jürgen Melchior aus Wismar

„Die Schätzung von zehn Prozent erscheint allerdings allemal realistisch - und ist um so mehr Grund, es bei der Schadensregulierung gar nicht erst mit „Hobbybastelei" zu versuchen, sondern gleich ein verkehrsrechtlich versiertes Anwaltsbüro einzuschalten. In der Tat lassen Versicherungen ihre Rechnungskürzungen nur ungern gerichtlich überprüfen.

Handelsblatt Online hat kundigen Rechtsanwälten und Vertretern von Unfallopfern die Argumente der Branche vorgelegt. Deren einhellige Meinung: Der Manager redet am Thema vorbei. Er argumentiert mit Zahlen, die wenig aussagen. Außerdem könne er wohl gar nicht wissen, was bei Rechtsanwälten so alles auf dem Tisch liege.

Im Folgenden sind die wichtigsten Aussagen von Rollinger zusammengefasst. Anwälte und Vertreter von Unfallopfern legen ihre Gegensicht dar. Das Pro und Kontra zeigt: Das Thema „Leistungen für Unfallopfer“ wird die Versicherungswirtschaft weiter in Atem halten, auch wenn der Branche das ganz und gar nicht recht ist. Denn: Unfallopfer organisieren sich, und das immer besser.

Das ist auch kein Wunder: Schließlich geht es in den Fällen, bei denen am heftigsten gerungen wird, um sehr viel Geld – manchmal um Millionen. Und oft auch um unbeschreibliches Leiden. Da lohnt sich der Streit, auch vor Gericht und selbst dann, wenn das alles sehr nervenaufreibend ist und manchmal Jahrzehnte dauert. Wie die Versicherer sich wehren und was Unfallopfer dem entgegenhalten. 

 

Kommentare (17)

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claus

14.02.2014, 08:09 Uhr

Versicherungen tun alles um im Leistungsfall so wenig wie möglich bezahlen zu müssen. Im Fall meiner 82 jährigen Mutter die durch einen Sturz sich die Wirbelsäule anbrach und der Oberschenkel gebrochen hat, wurde Sie durch das Versorgungsamt mit einen Grad der Behinderung von 100 % und AG Merkzeichen weil Sie jetzt in Rollstuhl sitzt, bedacht.Die Versicherung verlangte das Sie zu einen Gutachter muß. Dieser hatte nicht mal einen behinderten gerechten Eingang, so dass Sie von 2 Männern in die Praxis getragen werden musste. Dann das Ergebnis. 30 % Behinderung bei einer lächerlichen Versicherungssumme von 25000,- € bekam Sie gerade mal 4000,- €. Einen Widerspruch zur Entscheidung der Versicherung wollte Sie nicht machen, da sie nochmals so etwas wie beim Gutachter nicht durchmachen wollte. Wir haben gelernt, selber sparen und keiner Versicherung mehr unser Geld in die Hand.

allizdor

14.02.2014, 08:59 Uhr

Sehr einseitig betrachtet, denn es gibt nicht die eine Versicherung. Daher ist es umso wichtiger, sich zu informieren, wer der passende "Partner" ist. Geiz ist geil, und Internetpreisvergleiche müssen nicht immer von Vorteil sein, weil Servicequalität nicht gemessen wird.
Als Makler stehe ich auf der Seite meiner Klienten und hatte bislang keine nennenswerten Probleme oder Verzögerungen. Grundsätzlich gilt immer, dass bereits beim Antrag auf eine saubere Arbeit geachtet werden muss, damit es hinterher weniger fragen gibt.

Mazi

14.02.2014, 09:38 Uhr

Versicherer tun viel!

So veranstalten sie Kongresse, zu denen sie die Justiz einladen.

So schreiben Professoren Artikel, die in "Fachzeitschriften" veröffentlicht und später von Richtern in der Argumentation in Gerichtsurteilen benutzt werden.

Dass der artige Artikel, z.B. "Der Medizinische Sachverständige" erscheinen, mag vom ersten Anschein nicht kurios erscheinen. Doch hier sollte man folgendes wissen:

1.
Der Verlag gehört zu einem anderen Verlag, der nach seinem Selbstverständnis vorgibt, seine Kompetenz im Sanitärbereich zu haben.

2.
Der Verlag verfügt über einen Redaktionsausschuss. Der zweite Vorsitzende ist ein Arzt der Berufsgenossenschaft. Bei ihm sind die Artikel einzureichen.

3.
Die Publikationsvorschriften entsprechen nicht den Anforderungen an wissenschaftliche Arbeiten in der Medizin.

4.
Artikel werden mit der Angabe des Titels "Prof." Veröffentlicht, obwohl dieser beispielsweise seit vielen Jahren nicht mehr wissenschaftlich tätig ist. Im konkreten Fall verdient er seinen Lebensunterhalt angabegemäß ausschließlich bei Versicherungsunternehmen.

5.
Der konkrete Beitrag, der hier indirekt angesprochen wird, enthält weder die Angabe des Sponsors noch die Erklärung des Autors, dass der Schreiner nicht in einem Interessenkonflikt steht.

Ja, die Versicherungswirtschaft tut schon einiges!

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