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03.07.2013

11:15 Uhr

Unfallopfer kontra Versicherer

Der große Streit um Entschädigungen

VonThomas Schmitt

ExklusivDie Versicherungsbranche macht mobil: Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, Auszahlungen an Geschädigte zu verschleppen. Worüber die Versicherer und Vertreter der Unfallopfer streiten.

Getty Images

DüsseldorfDie deutsche Versicherungswirtschaft bietet heute in Berlin großes Kino. Gleich drei Manager großer Konzerne erklären „anhand von konkreten Beispielfällen“, wie Versicherer Schäden regulieren – nämlich „ohne unnötige Zeitverzögerung und im Interesse der Beteiligten“. So lautet der Tenor einer Mitteilung, die der Branchenverband der Versicherer (GDV) bereits am Montag verbreitete.

Verbraucherverbände und Unfallopfer sind da völlig anderer Ansicht. „In der Gesamtheit trifft diese Stellungnahme in keiner Weise den Kern der Vorwürfe“, erklären die Unfallopferlobbyisten vom Verein Subvenio in einer Stellungnahme, die Handelsblatt Online vorliegt. Auch der Bund der Versicherten und die Verbraucherzentralen haben eine Reihe von Beispielen zusammengetragen, die ein anderes Bild ergeben.

So stellt der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fest: Verzögerungen bei der Zahlung an Kunden seien in allen Sparten zu beobachten. Dies betreffe zudem nicht bloß hohe Summen oder bestimmte Versicherer. Die Bandbreite der Beschwerden sei groß. Kunden klagten über schleppende Kommunikation, pauschale Kürzungen und langwierige Prüfungen.

Gesetzentwurf: Der Vorschlag der Opferschützer

Problem

In Deutschland müssen Unfallopfer häufig lange und mühsam ihre Schadenersatzansprüche vor Gericht erstreiten.
Quelle: Vorschlag für ein Gesetz zur Verbesserung der Geschädigtenrechte, Subvenio, Unfallopfer Lobby Deutschland

Benachteiligung

Opfer müssen die Voraussetzungen der Forderung beweisen – und das obwohl sie kein Verschulden trifft. Und das auf eigene Kosten. Die Gegenseite, der Haftpflichtversicherer des Verursachers, wird dagegen oft durch erfahrene Anwälte vertreten.

Vorwurf

„Es ist mittlerweile zum Regelfall geworden, dass Versicherer die Schadenregulierung erschweren und insbesondere verzögern“, heißt es in dem Gesetzesvorschlag. Diesen Vorwurf bestreiten die Versicherer.

Verzögerungstaktik

Die Opferschützer sprechen von klaren Mustern in der Schadenbearbeitung. Es werde überdurchschnittlich lange geprüft, und Prozesse würden möglichst lange hinausgezogen.

Dauer

Ein Streit mit einem Versicherer um eine Entschädigung bei einem Unfall könne leicht fünf Jahre oder länger dauern, sagen die Opferschützer.

Folgen

Zermürbende Rechtsstreits belasten Unfallopfer massiv seelisch. Wenn kein Geld vom Versicherer fließt, kann dies die Existenz des Opfers zerstören und notwendige Behandlungen verhindern – was das Opfer wiederum zusätzlich schädigt.

Vorteil für Versicherer

Mögliche Verzugszinsen belasten die Versicherungswirtschaft kaum, die Kosten eines Rechtsstreits fallen zudem im Verhältnis zu den Schadenersatzforderungen nicht sonderlich ins Gewicht. Der Versicherer setzt darauf, dass der Kunde aufgibt oder sich auf einen Vergleich einlässt. So lautet der Vorwurf, der aber bestritten wird.

Nachteil für die Allgemeinheit

Wenn Unfallopfer gar nicht oder nur verzögert Geld erhalten, sind sie im Zweifel länger krank. Die Kosten dafür trägt letztlich die Allgemeinheit, insbesondere die Sozialversicherung. Daher der Vorschlag: Eine verbindliche Zeitvorgabe für Haftpflichtversicherer, bis wann Forderungen anerkannt sein müssen. Verzögerungen werden bestraft.

Ausgelöst wurde dieser große Aufschlag der Versicherungswirtschaft vom Justizministerium. Es hatte den Justizbehörden, aber auch einigen Verbänden eine Reihe von Fragen gestellt und um Antworten bis Ende Juni gebeten. Im Kern formulierte die Behörde den im Raum stehenden Vorwurf so: Bei uns „gehen immer wieder Beschwerden ein, mit denen geltend gemacht wird, Versicherer leisteten mit erheblicher Verzögerung, es gehe auch darum, die wirtschaftlich stärkere Position auszunutzen mit dem Ziel, den Anspruchsteller in ‚zermürbenden Rechtsstreitigkeiten‘ zur Aufgabe des Anspruchs oder zu einem für den Versicherer günstigen Vergleich zu bewegen. Die bestehende Rechtslage werde systematisch ausgenutzt, um die Schadenregulierung zu verzögern oder sogar zu vereiteln.“

Justizbehörden und Verbände sollten sich zu dieser Kritik äußern und unter anderem diskutieren, ob Gesetzesänderungen erforderlich sind. Der Versichererverband hatte bereits in der Vergangenheit mehrmals herausgehoben, dass er die Vorwürfe für ungerechtfertigt hält. Auch einzelne Versicherer betonten in diesem Jahr immer wieder, wie hoch ihr Leistungsniveau für Kunden sei.

Am Mittwoch in Berlin stellten sich nun die Manager Nobert Rollinger von der genossenschaftlichen R+V Versicherung AG, Rüdiger Hackhausen von der Allianz Versicherungs-AG und Alexander Rettkowski von der Generali Lebensversicherung AG vor die Presse, um die eigene Haltung zu erklären. Handelsblatt Online zeigt, worüber Versicherer und Opferlobbyisten im Detail streiten.

Kommentare (23)

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pro-D

03.07.2013, 11:30 Uhr

Der abgebildete Herr in dem Artikel hat wahrscheinlich versucht Mr. Snowden zu helfen und wurde dann in der Ami-Methode / Guantanamo/ verhört.

Account gelöscht!

03.07.2013, 12:13 Uhr

Versicherungen sind die größten Gangster, schlimmer als Politiker. Wer daran zweifelt, sollte sich mal den Film / die Doku "Die Nein-Sager" ansehen.

Account gelöscht!

03.07.2013, 12:37 Uhr

Alleine in meinem Bekanntenkreis gibt es 6-7 Fälle bei denen die Versicherung in meinen Augen betrügerisch vorgeht, es sich jedoch nicht lohnt gerichtlich gegen diese unredliche Verhalten vorzugehen.
zB ist eine Freundin mit einem anderen Auto kollediert.
Der andere Fahrer hat 100% schuld nach Polizei und Gutachten.
Die Versicherung zahlt den Schaden natürlich nur netto und 15% werden erstmal pauschal abgezogen, weil die Versicherung von einer Mitschuld von 15% ausgeht.
Vor Gericht würde man sicherlich recht bekommen, aber den ganzen Aufwand & Prozesskosten sowie Prozessrisiko für 100€-200€ ist den Aufwand nicht wert.
Leider wissen das auch die Versicherungen und Nutzen diese Praxis immer mehr.
Für mich stehen Versicherungen in der Ansehensskala noch weit schlechter als Bänker/Gebrachtwagenverkäufer!

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