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08.05.2014

16:49 Uhr

Urteil gegen Lebensversicherer

„Das war nur der erste Schlag...“

VonSara Zinnecker, Jens Hagen

Der Bundesgerichtshof erleichtert den Ausstieg bei Lebenpolicen. Für Rechtsprofessor Hans-Peter Schwintowski war das Urteil nur der Anfang. Er prophezeit den Branchen-GAU. Können bald 30 Millionen Kunden gratis kündigen?

Seit 1. Oktober 2013 emeritiert: Der Rechtsprofessor Hans-Peter Schwintowski gilt als einer der schärfsten Kritiker der Lebensversicherer in Deutschland.

Seit 1. Oktober 2013 emeritiert: Der Rechtsprofessor Hans-Peter Schwintowski gilt als einer der schärfsten Kritiker der Lebensversicherer in Deutschland.

Hans-Peter Schwintowski gilt als einer der kritischsten Versicherungsrechtler in Deutschland. Bis September 2013 war er Professor an der Humboldt-Universität Berlin mit Forschungsschwerpunkt im Bereich Privatversicherungs- und Kapitalmarktrecht. Schwintowski ist im wissenschaftlichen Beirat des Bundes der Versicherten. Zum Interview mit Handelsblatt Online erscheint er bester Laune. Die Untergangsszenarien der Lebensversicherer schildert der bärtige Berliner mit einem süffisanten Lächeln.

Herr Schwintowski, in einem spektakulären Urteil stärkt der BGH die Rechte von Lebensversicherungskunden. Droht nun ein Run aus der Lebensversicherung?
Schwintowski: Ja, das dürfte zu zahlreichen Widerrufen führen. Wer zwischen 1994 und 2007 eine Police abgeschlossen hat, ohne ausreichend über sein Widerrufsrecht belehrt worden zu sein, kann vom Vertrag zurücktreten. Noch sind aber nicht alle Fragen geklärt.

Was ist noch strittig?
Der BGH hat nicht klargestellt, wann Kunden „nicht ausreichend belehrt“ worden sind. Reicht es zum Beispiel, wenn ein Kunde einen Teil der Vertragsunterlagen nicht vor der Unterschrift erhalten hat? Oder bedarf es größerer Verfehlungen? Diese Fragen müssen weitere Urteile klären. Trotzdem könnte es zu einer ersten Rückabwicklungswelle kommen. Ich schätze dass mehr als eine Million Verträge von dem Urteil betroffen sein dürften.

Eine Million von 108 Millionen Verträgen, die im fraglichen Zeitraum geschlossen wurden – klingt erst mal nach wenig …
Möglicherweise ist dieses Urteil nur der erste Schlag. Der zweite Schlag könnte die Versicherer deutlich härter treffen.

Was droht der Branche?
Der Europäische Gerichtshof könnte als nächstes das Policemodell als Ganzes kippen. Das europäische Recht hat immer vorgesehen, dass der Kunde vor Abschluss eines Versicherungsvertrags angemessen über die Vertragsbedingungen informiert sein muss. Genau dies wurde aber durch das bis 2008 gültige Policemodell unterlaufen.

Lebensversicherungen: So viel erhalten die Kunden 2014

Worum es geht

Die jährliche Zinsgutschrift der Lebensversicherer heißt Überschussbeteiligung. Sie setzt sich zusammen aus dem Garantiezins und einem Bonus. Derzeit beträgt der Garantiezins 1,75 Prozent. In alten Verträgen kann er bis zu vier Prozent betragen. Beschlossen ist jetzt, den Garantiezins ab 2015 auf 1,25 Prozent zu senken.

Was die Versicherer gerne nennen

Die Lebensversicherer weisen neben der Überschussbeteiligung gerne noch die Gesamtverzinsung eines Vertrags aus, der gerade ausläuft. Diese Prozentzahl ist etwas höher, weil der Kunde noch einen Zuschlag aus weiteren Gewinntöpfen der Lebensversicherer erhält – weil er bis zum Ende durchgehalten hat.

Branchenschnitt

Analysten erwarten, dass die Überschussbeteiligung für 2014 weiter sinkt – im Schnitt von knapp vier Prozent im Jahre 2012 auf nun 3,4 bis 3,5 Prozent im Jahre 2014.

Kosten drücken Rendite

Die Überschussbeteiligung wird nur gezahlt auf den sogenannten Sparanteil. Das heißt: Die Versicherer ziehen vor der Zinsgutschrift noch ihre Kosten ab. Verbraucherschützer schätzen, dass dieser Abschlag für Verwaltung, Provision und Risikoanteil zwischen 20 und 40 Prozent liegt. Das bedeutet: Effektiv erhalten die meisten Versicherten eine Zinsgutschrift von weniger als drei Prozent.

Langfristiger Trend

Die Zinsgutschriften der Lebensversicherungen fallen seit mehr als einem Jahrzehnt. Ursache ist der starke Rückgang der Kapitalmarktzinsen.

Der Branchenführer

Der Branchenführer Allianz senkt die Überschussbeteiligung von 4,0 Prozent im Jahre 2012 auf 3,6 Prozent für die Jahre 2013 und 2014.

Die Besten

Sehr hohe Überschussbeteiligungen zwischen 4,05 und 3,6 Prozent weisen diese Gesellschaften aus: My Life, Ideal, Cosmos Direkt, Volkswohl Bund, Direkte Leben Stuttgarter, die Bayerische, Debeka und die Stuttgarter Leben.

Rechnen Sie mit einer solchen Entscheidung gegen die Versicherer?
Ja.

Was würde passieren, wenn der Europäische Gerichtshof das Policemodell als Ganzes kippt?
Dann wären sämtliche Verträge, die vor dem Jahre 2008 abgeschlossen wurden fehlerhaft – und sämtliche Verträge schwebend unwirksam. Die Widerrufsfrist hätte nie begonnen, Kunden könnten die Verträge rückabwickeln lassen. Dafür dürften keine Kosten anfallen, die Verzinsung muss angemessen sein.

Kommentare (16)

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08.05.2014, 17:00 Uhr

Das wäre eine späte Genugtuung, wenn diese Abzocke jetzt noch rückgängig gemacht werden könnte.

aus meiner Sicht kann man sich Lebensversicherungen sparen, bzw., man kann sich seine eigene mit entsprechenden Wertpapieren eigener Wahl stricken und spart damit die Gebühren.

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08.05.2014, 17:56 Uhr

Richtig. Wenn nötig eine Risiko-LV aber niemals eine Kapital-LV. Diese Mini-Rendite kann jeder mit eigener Geldanlage vervielfachen.

Account gelöscht!

08.05.2014, 18:09 Uhr

Kann man das? Zeigen Sie es mir, wie sie unter Anrechnung einer Risiko-LV-Prämie und den Steuerersparnissen (vs. Abgeltungssteuer+Soli+KiSt) das zu !gleichem! Risiko am Kapitalmarkt erwirtschaften können? Und zwar mit einer garantierten Ablaufleistung.

Keine Anlage ist eine eierlegende Woll-Milch-Sau. Die gibt es nicht. Für eine Absicherung des Alters gehört die gesetzliche Rente genauso dazu, wie Aktien, betriebliche Altersvorsorge. Und da kann man auch gut eine kleine private Kapital-Rentenversicherung unter bringen. Wichtig ist nur nicht auf ein einzelnes Pferd zu setzen. So darf man nie in die Versuchung kommen die Rente wegen einem Kapitalengpass zu kündigen. Wer alles nur in eine LV steckt ist genauso verschoben, wie jemand der nur Aktien hält.

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