Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.07.2014

15:19 Uhr

Vermittlerstudie

Honorar statt Provision?

VonSara Zinnecker

Die Abschlussprovision bei Lebenpolicen bleibt geheim. Doch nach dem Lobbyerfolg droht Vermittlern neuer Ärger. Der Gesetzgeber will die Honorarberatung stärken. Eine Studie zeichnet ein beunruhigendes Szenario.

Berlin, Regent Hotel: BVK-Präsident Heinz (l.), MdB Anja Karliczek (CDU) und BdV-Präsident Axel Kleinlein lauschen den Studienergebnissen von Mathias Beenken, Professor an der Fachholschule Dortmund.

Berlin, Regent Hotel: BVK-Präsident Heinz (l.), MdB Anja Karliczek (CDU) und BdV-Präsident Axel Kleinlein lauschen den Studienergebnissen von Mathias Beenken, Professor an der Fachholschule Dortmund.

Berlin Die Freude über den Erfolg hallt noch nach – gerade erst haben die einschlägigen Verbände der Versicherungsvermittlung einen wichtigen Sieg errungen. Sie dürfen die Abschlussprovision bei der Vermittlung von Lebensversicherungen weiterhin geheim halten. Nach kurzem, vehementem Aufbegehren überzeugte die Lobby die Koalition recht zügig davon, den entsprechenden Gesetzespassus zur Offenlegung der Provisionen in letzter Minute zu streichen.

Doch kaum ist das eine Thema von Tisch, droht neuer Ärger – diesmal aus Brüssel. Im Februar hatte das Parlament eine neue Vermittlerrichtlinie (IMD2) abgenickt, die darauf abzielt, Interessenskonflikte zwischen Vermittlern und Kunden zu vermeiden. Künftig soll der Kunde klar erkennen können, wer den Vermittler bezahlt (der Kunde selbst oder der Versicherer) und was genau der Kunde bezahlt (die Kosten sollen also transparenter ausgewiesen werden).

Sofern die Minister im Rat keine grundlegenden Änderungen mehr einfordern, müsste der Gesetzgeber in Deutschland also schon bald wieder tätig werden. Dann könnte er ernst machen mit dem, was heute schon im Koalitionsvertrag steht und die Honorarberatung in Deutschland nach den bereits erfolgten Änderungen bei der Anlageberatung auch im Bereich Versicherungen fördern.

Es ist eine Vorstellung, die den Vermittlern große Bauchschmerzen bereitet – so sehr, dass der Bundesverband der Versicherungskaufleute (BVK), der mit 32.000 Mitgliedern die größte Interessenvertretung darstellt, sogar eine Studie in Auftrag gegeben hat, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Was Vermögensverwalter zu Provisionen sagen

Rainer Beckmann, GF ficon Financial Consultants

„Die Offenlegung von Provisionen und Kosten schafft aus unserer Sicht Klarheit und Übersicht gegenüber unseren Mandanten, und damit  absolutes Vertrauen.“

Michael Timm, Vorstand TAM

„Als Mitglied des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter e.V. haben wir uns dem Ehrenkodex dieses Verbandes unterworfen. Zu diesem Ehrenkodex und den Grundsätzen einer seriösen Vermögensverwaltung gehört, nur angemessene und transparente Honorare mit den Mandanten zu vereinbaren. Es ist für uns selbstverständlich und gelebte Praxis, dabei auch sämtliche Provisionen offen zu legen.“

Alexander Daniels, Vorstand Knapp Voith Vermögensverwaltung

„Wir haben uns in unserem VV-Vertrag verpflichtet solche Zahlungen nie anzunehmen. Damit haben wir erreicht, dass unsere Kunden sehr niedrige Gebühren/Ausgabeaufschläge etc. zahlen müssen, was sich letztlich auch in der Performance sehr positiv auswirkt. Daher sind wir nicht nur für eine Provisionsoffenlegung, wir sind dafür, dass der VV nur vom Kunden gezahlt wird. Dann ist auch gesichert, dass der Vermögensverwalter ausschließlich die Interessen des Kunden vertritt und nicht einer Bank oder Investmentfond.“

Jörg Bohn, Vorstand Artus Asset Management

„Retrozessionen (zum Beispiel Bestandsprovisionen für Fonds) sind grundsätzlich offenzulegen. Der Vermögensverwalter kann dann entscheiden, ob er diese an den Kunden weitergibt, oder selber vereinnahmt; letzteres muss dann aber vertraglich festgehalten werden.“

Stephan Albrech, Vorstand Albrech & Cie Vermögensverwaltung

„Im Zuge einer gegenüber unseren Kunden nicht nur mit Worten beschriebenen sondern in der täglichen Praxis gelebten Transparenz ist das Thema Provisionsoffenlegung nichts neues für uns. Unsere Kunden sollen wissen, wer womit und vor allem wieviel an ihnen verdient. Damit wir möglichen Interessenkonflikten den Nährboden von vornherein entziehen, legen wir unseren Kunden gegenüber sämtliche erhaltenen Provisionszahlungen offen und verpflichten uns, diese dem Kunden zu erstatten.“

Uwe Eilers, Vorstand Geneon Vermögensverwaltung

„Als Vermögensverwalter legen wir jegliche Gebühren offen. In Vermögensverwaltungsmandaten gibt es grundsätzlich nur das vereinbarte Honorar (zum Beispiel ein Prozent plus Mehrwertsteuer p.a.). Alle Bestandsprovisionen werden durch die Depotbank dem Kunden automatisch gutgeschrieben. Die Depotbankgebühren (Transaktionskosten, Depotgebühr) haben wir niedrig verhandelt. Daraus gibt es keinerlei Vergütung für uns (auch keinerlei Kick-Backs).“

Willi Ufer, GF WerteFinder

„Das Argument, die Offenlegung (von Provisionen) gefährde Arbeitsplätze zeigt nur, dass klar ist, dass bei einer Offenlegung dieser hohen Provisionen, die Kunden von diesen Produkten zu Recht Abstand nehmen werden. Der Wohlstand der Deutschen ist deshalb im Vergleich zu den anderen Europäern so niedrig, weil in keinem anderen Land die Sparer so über den Tisch gezogen werden. Eine sinnvolle Altersvorsorge findet in der Regel in Deutschland nicht statt, da der Durchschnittsdeutsche immer noch in Riesterverträge und Lebensversicherungen getrieben werden, die keine positive Rendite mehr erbringen und die Kapital real vernichten.“

Thomas Abel, GF Honoris Treuhand

„Als unabhängiger Vermögensverwalter würden wir die Verpflichtung zur Offenlegung der Provisionen sehr begrüßen. Nur auf diesem Weg kann ein Kunde erkennen, was ihn die Beratung wirklich kostet. Er wird so in die Lage versetzt, Angebote von verschiedenen Marktteilnehmern mit unterschiedlichen Provisions- oder Honorarmodellen untereinander zu vergleichen. Nur ein solcher Vergleich ermöglicht ihm die betriebswirtschaftliche Entscheidung, welches Produkt- und Beratungsangebot für ihn am sinnvollsten ist.“

Peter Brandstaeter, GF Fonds Laden Gesellschaft für Anleger

„Ich kenne keinen Berufszweig, der seine Einnahmenkalkulation und seine Margen offen legen muss. Warum soll ein Finanzdienstleister anders behandelt werden, als die übrigen 'Gewerbetreibenden'. Dieser Drang nach völliger Provisionsoffenlegung, wie auch der Begriff der "Zuwendungen" für verdiente und erarbeitete Provisionen kommt einem Generalverdacht bzw. einer Kriminalisierung einer ganzen Branche sehr nahe.“

Alexander Berger, Vermögensverwalter

„Provisionsoffenlegung ist für die meisten Verwalter seit Jahren Standard. Sie sind damit deutlich weiter als der Bankbereich. Auf längere Sicht wird sich aber aufgrund der Thematik Provisionsoffenlegung die Honorarberatung durchsetzen.“

Kai Heinrich, Vorstand Plutos Vermögensverwaltung

„Dem Kunden muss jederzeit klar sein, dass eine gute Beratung Geld kostet, allerdings sollte er immer transparent nachvollziehen können, für welche Leistung er welchen Betrag bezahlt. Dies ist notwendig damit der Kunde weiß, ob ein anderes Interesse als eine möglichst gute Beratung/Betreuung im Vordergrund der Empfehlung steht. Wichtig ist, dass für den Kunden klar ist, dass er und sein Berater bei der Zusammenarbeit die gleichen Interessen haben.“

Dr. Marc-Oliver Lux, GF Dr. Lux & Präuner

„Provisions-Offenlegung ist eine Selbstverständlichkeit. Der Kunde soll natürlich darüber aufgeklärt werden, was er bezahlen muss. In der Hinsicht war Vermögensverwaltung schon immer transparent. Im Gegensatz zu geschlossenen Fondskonzepten, bei denen interne Verwaltungskosten gern mal im Verkaufsprospekt versteckt wurden, sind in der Vermögensverwaltung Produkt- und Verwaltungskosten und auch eventuelle Drittprovisionen offen kommuniziert worden.“

Die Autoren sind Wissenschaftler der Fachhochschule Dortmund. Einer von ihnen, Matthias Beenken, hat selbst eine Karriere als Versicherungskaufmann hinter sich. Für den BVK hat Beenken untersucht, wie sehr der Berufsstand der Vermittler zahlen- und umsatzmäßig betroffen wäre, sollte es bei der Vergütung von Vermittlern zu einem Systemwechsel kommen.  

Drei Szenarien hat Beenken entwickelt. Im Basisfall müssen Kosten nur auf Nachfrage offengelegt werden, das Interesse der Verbraucher daran ist aber gering. Im zweiten Fall wird ein Zwang zur Kostenoffenlegung unterstellt und ein steigendes Interesse der Bevölkerung hieran.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr oleg byaly

04.07.2014, 17:24 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

Herr Manfred Zimmer

04.07.2014, 18:36 Uhr

Was hat man vor?

Zuerst nimmt man den Lebensversicherten die vom Bundesverfassungsgericht 2008 zugesprochenen Bewertungsreserven und jetzt das?

Für alle, die sich mit dem Thema nicht so auskennen.
Zuerst hat das Bundesverfassungsgericht den Lebensversicherten bei Fälligkeit den Anspruch auf Bewertungsreserven zugesprochen.

Darauf hat der Gesetzgeber reagiert und den Versicherten 50%bei Fälligkeit im Gesetz verankert. Dass die zweiten 50% für Bonuszahlungen den Vorständen als Erfolgsprämie zur Verfügung gestellt werden, steht in diesem Passus nicht.

Jetzt, wo alle Märkte auf Toppniveau stehen und die Bewertungsreserven besonders hoch sind, hat der Gesetzgeber auf Betreiben von Frau König, ehemalige Chefbuchhalterin einer großen Versicherung, die Versicherten gänzlich um die Bewertungsreserven gebracht. Versicherte können nicht einmal mehr Klage erheben.

Bewertungsreserven sind aber dennoch nicht gleich Bewertungsreserven. Landläufig wird unter Bewertungsreserven der Unterschied zwischen den Anschaffungskosten und dem aktuellen Marktpreis verstanden. Doch die Buchhaltung kennt auch das Niederstwertprinzip. Ist der Kurs, wie vor dargestellt, höher, dann spricht man von "stillen Reserven".

Gehen wirbdavon aus, dass Frau König die Versicherten nicht bösartig um die Bewertungsreserven enteignet, muss man die Frage stellen, ob sie und/oder ihre Mitarbeiter in der BaFin schon jemals "Bewertungen" in der Praxis persönlich durchgeführt haben.

Die BaFin sollte extern untersucht und das Ausbildungsniveau nebst praktischer Erfahrung festgestellt werden.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die EZB die Bankenprüfung an sich gezogen hat. Zu berechtigt ist das Misstrauen in die Fähigkeiten der BaFin. Eigentlich hätten dies bei der Häufigkeit der Bankenkrisen beim Bundesfinanzminister schon lange und mehrfach die Alarmglocke läuten müssen. In Ermangelung eines Sanktionsapparates werden die Bürger immer wieder zu Unterstützungsleistungen heran gezogen.

Wie lange noch?

Herr Manfred Zimmer

04.07.2014, 19:49 Uhr

Es ist unvorstellbar, dass das Bundesverfassungsgericht bei seiner Entscheidung über die Bewertungsreserven an eine, zugegeben legitime Bewertung nach dem Niederstwertprinzip gedacht haben soll.

Diese Auslegung muss als bewusst vorsätzlich missverständlich angesehen werden. Die jetzige gesetzliche Regelung ist damit nur die logische Fortsetzung der wirtschaftlichen Benachteiligung der wirtschaftlich Schwächeren.

Aus dem Blichwinkel der Rechtssicherheit, die Frau Merkel immer wieder einfordert, zuletzt i.S. EEG gegenüber der EU, eine absolute unverständliche Vorgehensweise. Sollte die EU-Commission diesen "Beschiss" der Versicherten heraus greifen, kann sich die Bundesregierung ihre Vorstellung zur Modifikation des EEG " dahin" schmieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×