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21.02.2013

20:59 Uhr

Vermittlungsausschuss scheitert

Kürzung von Lebensversicherungen vorerst vom Tisch

Aus Regierungskreisen heißt es bereits, eine Einigung sei nicht in Sicht. Für Kunden von Lebensversicherungen bedeutet das, dass ihnen vorerst keine Einbußen bei der Auszahlung ihrer Policen drohen.

Kunden deutscher Lebensversicherer müssen vor der Bundestagswahl nicht mehr mit einer Kürzung ihrer Ausschüttungen rechnen. dpa

Kunden deutscher Lebensversicherer müssen vor der Bundestagswahl nicht mehr mit einer Kürzung ihrer Ausschüttungen rechnen.

Berlin/FrankfurtKunden deutscher Lebensversicherer müssen vor der Bundestagswahl nicht mehr mit einer Kürzung ihrer Ausschüttungen rechnen. Eine Einigung im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat am nächsten Dienstag werde nicht mehr zustande kommen, hieß es am Donnerstagabend in Koalitionskreisen. Die Lebensversicherer und ihre Aufseher hatten erreichen wollen, dass die Unternehmen stille Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen nicht mehr ganz an die Kunden weiterreichen müssen, weil diese die Versicherer zum vorzeitigen Verkauf renditeträchtiger Papiere zwängen. Die vorübergehend höheren Marktwerte von Renten und Anleihen lösen sich bis zum Ende ihrer Laufzeit wieder in Luft auf.

Der Bundesrat, in dem SPD und Grüne die Mehrheit haben, hatte die Gesetzespläne von Union und FDP gestoppt, die eine Erleichterung für die Versicherer bedeutet hätten. Nun ist auch der Versuch, in einer Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschusses einen Kompromiss zu finden, gescheitert. „Das ist abschließend“, sagte ein Teilnehmer zu Reuters. In der Koalition hieß es, das Thema werde voraussichtlich in dieser Wahlperiode nicht mehr angepackt.

Verbraucherschützer waren gegen das Vorhaben Sturm gelaufen. Sie argumentierten, den Versicherten, deren Verträge jetzt zur Auszahlung anstehen, entgingen beträchtliche Gewinne, wenn die seit 2007 geltende Regelung ausgehebelt würde. Die Koalition und die Finanzaufsicht BaFin hatten sich dagegen auf den Standpunkt gestellt, dass das geltende Recht Kunden mit jüngeren Verträgen gegenüber Altkunden benachteilige. Denn neue Anleihen werfen deutlich weniger ab als Papiere aus den Hochzins-Phasen der Vergangenheit.

Die Fiktion von den guten Zinsen

Begriffe

Es werden mit Blick auf Lebensversicherer verschiedene Zinsbegriffe verwendet. Wenn Verbraucherschützer von "Gesamtverzinsung" sprechen, meinen sie zum Beispiel die Kombination aus Garantieverzinsung und den so genannten Überschüssen aus dem Versicherungsgeschäft, an denen Versicherungsnehmer beteiligt sind. Die Versicherer reden hier auch von „Überschussbeteiligung“, dafür weisen sie jährlich einen Zinssatz aus. Als Gesamtverzinsung wird in der Branche auch die bei Vertragsablauf gezahlte Verzinsung bezeichnet. Darin enthalten sind neben Garantiezins und dem Überschuss zusätzlich eine Beteiligung an den Bewertungsreserven und ein Schlussüberschuss.

Kritik

Das Problem der Versicherer-Kennzahlen: Sowohl der Garantiezins als auch die Überschussbeteiligung oder Gesamtverzinsung werden nicht auf die gesamte Prämie berechnet, sondern nur auf den Sparanteil in der Prämie. Die Hamburger bezeichnen die Zinsgutschriften der Branche daher auch als „Das Märchen von der Gesamtverzinsung“.

Ein Rechenbeispiel über 30 Jahre

Die Verbraucherschützer aus Hamburg haben für einen sehr lange laufenden Vertrag mit einer  Überschussbeteiligung von vier Prozent die Rendite und die Ablaufdaten gerechnet. Solche Verträge werden gerne von der Branche als Altersvorsorge verkauft.

Was aus 100 Euro wird

Legt man 100 Euro im Monat an mit 4 Prozent Verzinsung, ergibt das nach 30 Jahren einen Betrag von 68.760 Euro.

Warum weniger verzinst wird

Der Kunde zahlt zwar eine Prämie von 100 Euro. Doch tatsächlich wird weniger angelegt, weil die Versicherung Kosten für Abschluss, Verwaltung und Risiko zu Grunde legt, zum Beispiel 80 Euro.

Was aus 80 Euro wird

Aus 80 Euro werden in 30 Jahren bei einer Verzinsung von jährlich 4 Prozent 55.008 Euro. Das ist also wegen des Zinseszinseffektes fast 14.000 Euro weniger als wenn die vollen 100 Euro Prämie verzinst würden.

Fazit

„Die vermeintlich ordentliche Gesamtverzinsung von 4 Prozent sind in Wahrheit nur 2,68 Prozent pro Jahr“, stellen die Verbraucherschützer aus Hamburg aufgrund ihrer Rechnung über 30 Jahre fest.

Vergleich mit Bundesanleihen

"Wer sein Geld in den vergangenen 30 Jahren beispielsweise in Bundeswertpapieren angelegt hätte, stünde heute deutlich besser da als ein Verbraucher mit einer Lebensversicherung“, stellen die Verbraucherschützer fest. Nach einer Stichprobe von regulär abgelaufenen Verträgen ergäben sich Renditen von durchschnittlich etwas über drei Prozent pro Jahr - gegenüber Bundeswertpapieren mit durchschnittlich etwas über 6 Prozent in den letzten 30 Jahren.

 

In Kreisen der Versicherungswirtschaft hieß es, die Politik habe das unpopuläre Thema vor der Bundestagswahl gescheut. „Das Thema ist gegessen – das wird vor der Wahl nicht kommen“, hieß es schon vor der Sitzung. Die Präsidentin der Finanz- und Versicherungsaufsicht BaFin, Elke König, hatte bis zuletzt gehofft, dass der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat noch eine Einigung finden werde.

Kommentare (6)

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KORRUPTUS

21.02.2013, 21:40 Uhr

Lebensversicherungen sind nur noch für Mitarbeiter dieser Branche von Vorteil, das weiß jeder Kaufmann. Wer sein Geld dorthin trägt, kann es auch dem deutschen Staat via Staatsanleihe schenken. Das Modell der LV ist de facto schon am auslaufen u. wird nach dem zu erwartenden Bondscrash in dieser Form sicherlich nicht wieder aufgelegt.

Beobachter12

22.02.2013, 13:05 Uhr

Wer die letzten 8 Jahre noch eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen hat, sei es auf Fondbasis oder die klassische Variante war falsch Beraten weil sich diese Art der Vorsorge,
mit Lebensversicherungen, schon immer nur gerechnet hat wegen des Steuervorteils. Jeder sollte prüfen ob von seiten der Versicherung keine falsch Beratung vorliegt.

Mazi

22.02.2013, 18:23 Uhr

Jeder sollte auch überprüfen, ob der Versicherungsvertreter ihn über § 89 VAG aufgeklärt hat.

Wer nicht weiß, was § 89 VAG auszusagen hat, der weiß, dass der Versicherungsvertreter ihn nicht aufgeklärt hat. Der Nachweis der Falschberatung sollte dann nicht allzu schwer fallen.

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