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10.03.2006

15:21 Uhr

Vermögensanlage

Zypries setzt Versicherer unter Druck

VonRita Lansch

Die von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries geforderte Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven der Lebensversicherungen hat weitreichende Folgen für die Vermögensanlage der Anbieter. Der Branchenverband GDV hat einen Gegenentwurf vorgelegt, der sich erheblich von der Zypries-Vorlage entscheidet.

Will eine Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven der Lebensversicherungen: Bundesjustizministerin Brigitte Zypries.

Will eine Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven der Lebensversicherungen: Bundesjustizministerin Brigitte Zypries.

Die von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries geforderte Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven der Lebensversicherungen hat weitreichende Folgen für die Vermögensanlage der Anbieter. „Wenn die Anforderungen des Bundesjustizministeriums zur Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven umgesetzt werden, kommt es zu einer völlig anderen Kapitalanlagepolitik“, sagt Walter Thießen, Chef der drittgrößten Versicherungsgruppe AMB Generali, „dann können die Versicherer noch weniger in Aktien investieren als heute ohnehin schon“. Ähnlich äußerte sich WestLB-Versicherungsexperte Carsten Zielke.

Zypries hatte kürzlich ein Modell für ein neues Versicherungsvertragsgesetz vorgestellt, nach dem die Kunden künftig an allen stillen Reserven der Lebensversicherer beteiligt werden sollen. Die Reserven entstehen, sobald ein Wertpapier an den Finanzmärkten höher gehandelt wird als in der Bilanz verbucht. Nach Zypries’ Konzept müssten Versicherer die Reserven nach zwei Jahren zur Hälfte den Kundenkonten gutschreiben. Die Versicherer hätten dadurch weniger Möglichkeiten, Reserven zu behalten und damit Schwankungen der Finanzmärkte abzufedern. Sie könnten daher selbst auch weniger Risiken in der Vermögensanlage eingehen. Der Branchenverband GDV präsentierte wenig später seinen Entwurf, nach dem die stillen Reserven im Anleihebestand im Unternehmen bleiben sollen, die Kunden also nur an Reserven bei Aktien und Immobilien beteiligt würden. „Auf keinen Fall können festverzinsliche Wertpapiere in die Betrachtung zuzuweisender stiller Reserven aufgenommen werden“, sagte Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Deutschland AG, bei der Vorstellung der GDV-Position.

Zielke bringt eine dritte Variante ins Gespräch: Die Kunden sollten an allen stillen Reserven, aber auch an stillen Lasten beteiligt werden. Im Klartext hieße das, dass der Versicherer in schlechten Jahren den Kunden auch wieder erspartes Geld abziehen könnte. Bei diesem Konzept würden die Kunden mehr Risiken übernehmen, und die Versicherer könnten daher sogar höhere Engagements in Aktien eingehen als bisher. Zielke betont: „Wer die Kunden an den stillen Reserven beteiligen will, muss sie auch an den stillen Lasten teilhaben lassen.“ Er setzt hinzu: „Die Versicherer könnten dann mehr in Risikokapital investieren.“ Als Beispiele nennt er Aktien, Immobilien und Private Equity, also nicht an der Börse notierte Beteiligungen.

In den vergangenen Jahren haben sich die meisten Lebensversicherer immer mehr aus der Aktienanlage zurückgezogen. Anstoß dazu gaben die schlechten Erfahrungen der Vergangenheit und neue Bilanzierungs- und Kapitalregeln, die riskante Vermögensanlagen deutlicher sichtbar machen und als Unterlegung eine dickere Eigenkapitaldecke verlangen. Kritiker wie Zielke warnen aber seit Jahren, dass die Branche ohne nennenswerte Aktienanlagen auf Dauer nicht genug Geld für ihre Kunden erwirtschaften kann. Der Vorstoß der Regierung, zu dem sie Mitte des Monats einen Referentenentwurf vorlegen will, würde diese Problematik noch weiter verschärfen.

Der Gegenvorschlag des GDV unterscheidet sich erheblich von der Zypries-Vorlage. Denn die Anleihen, die der GDV ausklammern möchte, machen etwa 80 Prozent der Kapitalanlagen der Lebensversicherer aus. Sie enthalten aktuell auch das Gros der stillen Reserven. Die Versicherer pochen darauf, dass sie diese Reserven in den Anleihen benötigen, um die Garantien gegenüber den Kunden abzudecken. Dazu kommt, dass Bewertungsreserven bei Zinspapieren gegen Ende der Laufzeit jeweils verschwinden, weil sich dann der Kurs dem Nominalwert, der zurückgezahlt wird, angleicht. Und schließlich schrumpfen die Reserven rasch, wenn das Zinsniveau steigt und die Kurse im Gegenzug fallen. „Schon eine Zinsveränderung von einem Prozentpunkt macht bei uns im Haus drei Mrd. Euro Veränderung in den Zinstiteln aus“, sagt AMB-Chef Thießen.

Zielke warnt, dass durch das neue Gesetz die Schere zwischen kapitalkräftigen und schwächeren Versicherern weiter auseinander gehen würde. Ähnliche Sorgen haben die Versicherungsmakler. „Kleinere Versicherer dürften mit den veränderten Kapitalanlageanforderungen und mit den Kosten der für die Reform notwendigen EDV-Umstellung überfordert sein“, warnt ein Sprecher des Bundes der Versicherungskaufleute. Die Vermittler haften gegenüber den Kunden und achten daher auf die Kapitalstärke der Versicherer.

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