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29.10.2016

16:32 Uhr

Versicherung im Internet

Die Online-Verweigerer

VonChristian Schnell

Deutschlands Versicherer wollten wissen, was ihre Kunden von ihnen im Internet erwarten. Die Ergebnisse überraschen in mehrfacher Hinsicht – und stärken vor allem das klassische Versicherungsbüro.

Mit neuen Telematik-Diensten versuchen die Versicherer, Kunden an sich zu binden. obs

Das Smartphone misst den Fahrstil

Mit neuen Telematik-Diensten versuchen die Versicherer, Kunden an sich zu binden.

FrankfurtDie Marketing-Strategen quer über alle Branchen predigen ihren Vorständen seit geraumer Zeit überall die gleiche Botschaft: „Wenn wir künftig weiter unsere Produkte verkaufen wollen, dann müssen wir damit im Internet vertreten sein.“ Deutschlands Versicherer wollten es genau wissen und haben ihre Kunden befragen lassen – und teils erstaunliche Antworten erhalten.

1591 Versicherungskunden haben die Meinungsforscher von der Nürnberger GfK im September im Auftrag des Branchenverbandes GDV nach ihrem Umgang mit Versicherungsprodukten befragt, hinzu kamen separat noch einmal 624, die zuletzt ihre Verträge offline in der Agentur oder beim Makler abgeschlossen haben und 363, die das online machten. Alles in allem also über zweieinhalbtausend Menschen, die im Schnitt 28 Minuten lang interviewt wurden. Zweifel an der zu geringen Grundgesamtheit gibt es damit nicht.

Das Ergebnis überrascht. Nicht deshalb, weil bereits ein Drittel aller Befragten heute schon mal eine Versicherung per Internet abgeschlossen hat. Sondern weil dies bislang weit weniger die Domäne der jungen Generation ist als landläufig angenommen wird. „Die Jungen wollen eben nicht alles im Internet machen“, sagt Karsten John, Leiter Finanzmarktforschung bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) über den weit verbreiteten Irrglauben. So sind denn auch die 40- bis 49-Jährigen die bisher häufigsten Online-Abschließer – hier waren es 36 Prozent. Dagegen waren es nur 30 Prozent der unter 30-Jährigen und immerhin 27 Prozent der über 60-Jährigen.

Die Versicherungen, die keiner braucht

Unsinnige Policen

Ob Brillen, Handy oder Glas - in Deutschland kann man fast alles versichern lassen. Doch von vielen dieser Verträge profitiert nur einer - die Versicherungsgesellschaft. Der Bund der Versicherten hat die überflüssigsten Policen zusammengetragen.

Die Glasbruchversicherung

Eine kaputte Scheibe ist ärgerlich, aber kein finanzielles Desaster. Deshalb mache eine Glasbruchversicherung für die meisten keinen Sinn, so der Bund der Versicherten. Die Beiträge seien für die mögliche Schadenshöhe zu hoch. Ausnahme: Sie haben einen Wintergarten oder teure Spezialglasscheiben im Haus. Oder fußballverrückte Kinder.

Die Brillenversicherung

Kaum einem Brillenträger wurde sie nicht angeboten: Die Brillenversicherung. Dabei glauben viele, dass die Brille bei Bruch oder Beschädigung vollständig ersetzt würde. Doch falsch gedacht. Geht die Brille kaputt, gibt es nur Geld für die Sparvariante zurück. Wer eine hochwertige Fassung und aufwändige Gläser haben möchte, muss auch mit Brillenversicherung zuzahlen. Neue Gläser gibt es übrigens nur bei Beschädigung und bei einer starken Veränderung der Sehstärke (ab 0,5 Dioptrien). Wer das nicht zu befürchten hat, sollte seine Brille unversichert lassen.

Die Krankenhaustagesgeldversicherung

Die Krankenhaustagesgeldversicherung verspricht eine Zuzahlung für jeden Tag, den man in einer Klinik verbringen muss. Ob sie die finanzielle Grundlage fürs tägliche Obst oder für das Fernsehgerät im Krankenhaus sein muss, bezweifelt der BDV allerdings. Der Verein rät, für solche Fälle lieber Geld auf einem Tagesgeldkonto bereit zu halten.

Die Reisegepäckversicherung

Wer sich Geld von einer Reisegepäckversicherung verspricht, muss bestens auf seine Koffer aufpassen. Denn oft zahlen die Versicherer nur anteilig oder gar nicht, wenn sie ihren Kunden grob fahrlässiges Verhalten vorwerfen. Und was grob fahrlässig ist, ist Auslegungssache. Wertsachen wie Schmuck, Film- und Fotoapparate nur unzureichend mitversichert, bemängelt der BDV. Hinzu kommt, dass unter bestimmten Voraussetzungen das Gepäck ohnehin in der Hausratversicherung versichert ist.

Die Handyversicherung

Auch eine Handyversicherung bieten Verkäufer gerne und häufig an, meist gleich an der Kasse. Da hört sie sich auch besonders gut an - schließlich kostet ein Smartphone mehrere Hundert Euro. Es zu versichern, lohnt sich trotzdem nicht. Geht das Gerät verloren oder kaputt, ersetzt die Versicherung nur den Zeitwert des Handys und eine Selbstbeteiligung wird fällig. Wer Geld zurück möchte, für den gilt also: Das Handy zeitnah kaputt machen oder im Taxi liegen lassen.

Versicherung gegen „häusliche Notfälle”

Eine ausgefallene Heizung oder ein vergessener Schlüssel - das sind die „häuslichen Notfälle”, gegen die sich Verbraucher versichern können. Doch einmal einen Notdienst zu rufen, treibt einen nicht in den finanziellen Ruin. Eine Versicherung gegen häusliche Notfälle zieht einem dagegen unnötig Geld aus der Tasche. Auch, weil sie nur begrenzt zahlt. Wer zur Miete wohnt, muss sich ohnehin keine Sorgen machen. Mieter müssen nicht für Schäden an Mietsachen aufkommen, die sie nicht selbst verursacht haben, zum Beispiel bei einem Heizungsausfall.

Die Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr

Eine Police, bei der man seine eingezahlten Beiträge am Ende zurückbekommen soll - das verspricht die Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr. Dahinter steckt aber ein Koppelprodukt, nämlich eine Versicherung mit einem schlecht verzinsten Sparvertrag. Als „Milchmädchen-Rechnung“ bezeichnet der BDV solche Policen: Den Betrag, den der Kunde zurück bekommt, hat er vorher zusätzlich eingezahlt. Und auch die Versicherungsleistungen seien oft nicht ausreichend.

Die Insassenunfallversicherung

Die Angst vor Autounfällen ist groß, deshalb schließen viele Deutsche die Insassenhaftpflichtversicherung ab. Unnötigerweise, so der BDV. Verursacht der Fahrer einen Unfall und werden die Fahrgäste verletzt, tritt seine eigene Kfz-Haftpflicht ein. Trägt ein anderer Verkehrsteilnehmer die Schuld, zahlt dessen Versicherung. Eine Insassenunfallversicherung lohnt sich nur bei Fahrerflucht oder, wenn der Unfall durch einen Fußgänger verursacht wurde, der keine private Haftpflicht besitzt. Doch auch dem kann vorgebeugt werden, etwa durch eine Forderungsausfallabdeckung in der eigenen Haftpflichtversicherung.

Die Sterbegeldversicherung

Die Sterbegeldversicherung ist eine Kapitallebensversicherung. Wer sie abschließe, zahlt bei langer Laufzeit am Ende häufig mehr ein als die Hinterbliebenen herausbekommen, so der BDV. Wer seine Angehörigen entlasten wolle, sollte lieber rechtzeitig Geld beiseite legen.

In der Branche sieht man diese Entwicklung mit einem gewissen Aufatmen. „Wir haben es – anders als man gemeinhin vermutet – nicht mit einer aussterbenden Zielgruppe zu tun, die die digitalen Kanäle nutzt“, betont Christian-Hendrik Noelle, Geschäftsführer für die Digitale Agenda beim GDV.

Ein deutlicher Unterschied zeigt sich auch bei den Produkten, die die Kunden im Internet abschließen. Immerhin 21 Prozent taten dies bereits bei der Kfz-Versicherung, sieben Prozent bei der Privaten Haftpflicht und fünf Prozent bei der Hausratversicherung – also alles Produkte, die sich relativ einfach erklären.

Wo hingegen eine ausführliche Beratung notwendig ist, beispielsweise bei der Berufsunfähigkeit, der Kapital-Lebensversicherung oder der Privaten Pflegeversicherung, nutzten so gut wie alle den direkten Kontakt zum Vertreter. Das ist verständlich, schließlich sind die Dinge hier doch sehr erklärungsbedürftig und komplex.

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