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17.04.2013

14:01 Uhr

Versicherungen

„Bei jeder dritten Police droht die Ablehnung“

VonJens Hagen

In den Policen der Deutschen schlummern ungeahnte Risiken, erklärt Versicherungsberaterin Angela Baumeister. Warum die meisten Kunden falsche Angaben machen, was Tricksern droht und wie Versicherer Betrügern nachstellen.

„Das größere Problem sind aber nicht die Versicherer, sondern die Kunden selbst.“Versicherungsberaterin Angela Baumeister über die Tücken beim privaten Schutz PR

„Das größere Problem sind aber nicht die Versicherer, sondern die Kunden selbst.“

Versicherungsberaterin Angela Baumeister über die Tücken beim privaten Schutz

Frau Baumeister, als Versicherungsberaterin kennen Sie die alle Tücken beim privaten Schutz. Welche Risiken stecken in den Policen der Deutschen?
Es gibt viele Risiken wie etwa kundenunfreundliche Klauseln oder zu geringe Deckungssummen. Das größere Problem sind aber nicht die Versicherer, sondern die Kunden selbst.

Wie bitte?
Die Versicherte machen häufig falsche Angaben zu ihrer Person. Und das bei Policen, die gegen existentielle Risiken wie Invalidität, Krankheit oder Hinterbliebenenschutz im Todesfall absichern. Damit verletzten sie die vorvertragliche Anzeigepflicht, verschweigen etwa, welche Vorerkrankungen sie haben. In den meisten Fällen geschieht das natürlich unbeabsichtigt und aus Unkenntnis.

Wie häufig kommt so etwas vor?
Nach meiner Erfahrung sind die Angaben der Versicherten in 70 Prozent der bestehenden Berufsunfähigkeits- und Privaten Krankenversicherungs-Policen fehlerhaft. In jedem dritten Fall könnte das im Ernstfall eine Ablehnung der Leistungen rechtfertigen.

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Welche Auswirkung haben falsche Angaben?
Im Leistungsfall prüfen die Versicherer als erstes die Angaben der Kunden. In vielen Fällen bestehen gute Chancen auf Ablehnung. Das ist tragisch: Bei Berufsunfähigkeit droht sozialer Abstieg. Privat Krankenversicherte stehen zeitweise ohne Schutz da, müssen dann im teuren Basistarif reduzierte Leistungen oder Abweisungen von Ärzten hinnehmen.

Warum tun sich die Deutschen so schwer bei den Angaben zu ihrer Person?
Das ist schon erstaunlich, da diese Policen vor allem Akademiker abschließen, die sich der Ernsthaftigkeit der Fragestellung und der Folgen bewusst sein müssten. Einerseits werden Fragen nicht ernst genommen, obwohl die Versicherer deutlich auf die Folgen hinweisen. Andererseits können Laien die Fragen oft nicht beantworten. Jeder Versicherte hat eigene Formulierungen in den Verträgen. Außerdem gibt es Probleme bei dem Verständnis der Begrifflichkeiten. Kennen Sie etwa den Unterschied zwischen Beschwerden, Gesundheitsschäden, Befindlichkeitsstörungen, Anomalien?

Kommentare (23)

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17.04.2013, 15:52 Uhr

Praxiserfahrung:

Ich habe beruflich u.a. mit Berufsunfähigkeitsversicherungen als begleitenden Schutz zur Baufinanzierung zu tun.

Wir weisen unsere Kunden strengstens an, wirklich 100% ehrlich und umfassend die Gesundheitsfragen zu beantworten.

Konsequenz:
Über 90% (!!!!!!) aller Anträge werden nicht wie gewünscht policiert, sondern nur mit einer, für den Kunden i.d.R. unakzeptablen Ausschlussklausel (meist Rücken).

Dabei besteht die Kundengruppe aus Menschen, die meist das 40.Lebensjahr noch nicht vollendet haben, meist kaufmännisch tätig sind (also geringes Berufsrisiko) und zudem durch ihren Immobillienwunsch belegen, dass sie selbst grundsätzlich Vertrauen in ihre beruflilche Leistungsfähigkeit haben (sonst würde man ja keine Finanzierung abschlließen).

Zum Glück muss ich von diesem Geschäft nicht leben, denn konkret arbeitet man in diesem Geschäft von 10 Fällen 9 Mal ohne Bezahlung (trotz mehrstündiger Beratung), weil eben in 90% kein Vertrag zustande kommt.

Da kann man die hier interviewte Versicherungsberaterin nur beneiden, denn sie verdient immer, auch wenn am Ende keine Lösung für den Kunden herauskommt. Gegen die völlig überzogene, restriktive Annahmepolitik der Gesellschaften kommt sie nämlich auch nicht an.

Die Menschen werden sich dann schon fragen, warum man ein fettes Honorar bezahlen soll, die/der Honorarberater(in) keinen Erfolg erlangen konnte...

Wenn das Handesblatt ernsthaft diese Thematik 'Falsche Beantwortung der Gesundheitsfragen' aufgreifen möchte, sollte vielleicht mal ein Testlauf von 500 willkürlich bausgewählten Musterkunden durchgeführt werden. Das Ergebnis wird amüsieren...

Angela.Baumeister

18.04.2013, 08:41 Uhr

Lieber Kommissar,
beneiden muss man mich bzw. meinen Berufsstand nicht. Es steht ja frei, diesen Beruf zu ergreifen oder es zu lassen.

Ja, ich werde immer bezahlt. Allerdings vermittle ich keine BU-Verträge, denn mein Kanzleischwerpunkt liegt in der Vertretung von Leistungsfällen. Ich helfe aber auch vor der Antragsstellung, eben bei der Problematik, ob es überhaupt einen Vertrag geben kann und unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist. Das recht überschaubare Honorar, kann ein Verbraucher für Rechtssicherheit durchaus investieren. Muss er aber natürlich nicht.

Dass Vermittler teilweise kostenlos arbeiten, weil BU-Verträge nicht oder zu nicht akzeptablen Konditionen zu Stande kommen, ist wohl so. Allerdings deckt m.E. die Höhe der Provision/Courtage für den Abschluss eines einzelnen Vertrages durchaus auch schon mal die eine oder andere kostenfreie Beratung mit.

Schlussendlich sind viele Vermittler aber auch "selbst schuld". Wenn sie das Pferd von der falschen Seite aufzäunen und sich erst einmal stundenlang um den Verkauf kümmern, statt sich darum zu kümmern, ob der Kunde das Produkt überhaupt kaufen *kann*, dann hält sich mein Mitleid durchaus in Grenzen.

Mit dem Kunden die Gesundheitshistorie aufzuarbeiten, dauert vielleicht maximal 1-2 Stunden. Die meiste Arbeit hat der Versicherte dabei selbst.

Ich tendiere allerdings eher zu der Auffassung, dass die 500 Testkunden nicht amüsieren sondern eher schocken würden. Es gibt viele gute Versicherungsvermittler, keine Frage. Die Anzahl der schwarzen Schafe in unserer Branche ist jedoch leider immer noch sehr hoch.

Vielfach treten Mandanten mit mir in Kontakt, weil bei der Vertragsvermittlung sehr lapidar mit dem Thema Gesundheitsfragen umgegangen wurde. Einigen kann ich helfen, für andere ist es leider zu spät.

Viele Grüße
Angela Baumeister

MatthiasHelberg

18.04.2013, 09:04 Uhr

Liebe Angela Baumeister,
100% Zustimmung zu allen Aussagen: Der erste Schritt zum Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Klärung des Bedarfs. Der zweite die Aufarbeitung der Gesundheitshistorie. Dort ist dann leider für manchen Schluss. Womit sich Kunde wie Versicherungsmakler jegliche Detailarbeit, was den Vergleich von Bedingungen und Angebot angeht, sparen können. Es ist aber keinesfalls immer so, dass alle Versicherer zur gleichen Entscheidung kommen. Aus der Breite des Marktes die Versicherer zu identifizieren, die konkret dem einzelnen Kunden eine möglichst gute Annahme eines Antrages bieten, dass ist aus meiner Sicht die Kunst dabei. Schönen Dank für den Beitrag und Herzliche Grüße, Matthias Helberg

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