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18.03.2013

14:34 Uhr

Versicherungen

Der Club der Hundertjährigen

VonThomas Schmitt

Werden Deutsche bald uralt? Die Versicherer glauben das. Schließlich müssen Menschen, die länger leben, auch mehr vorsorgen. Wie die Branche ihre Kundschaft aufs Älterwerden einstimmt und dabei den Bogen überspannt.

Der "Bild" nachempfunden: Die Aktionärszeitung der Allianz "Bald" zur Hauptversammlung 2008. Fotoquelle: Allianz-Aktionärszeitung

Der "Bild" nachempfunden: Die Aktionärszeitung der Allianz "Bald" zur Hauptversammlung 2008.

Fotoquelle: Allianz-Aktionärszeitung

DüsseldorfDie älteste Frau der Welt ist gerade 115 Jahre alt geworden. Die Japanerin lebt in einem Altenheim und rät: „Achte auf deine Gesundheit.“ Das könnte auch der Tipp eines Versicherers sein. 

Die Branche liefert regelmäßig Argumente für Vertreter, die noch mehr Pflege-, Unfall- und Lebensversicherungen verkaufen sollen. Verbraucherschützer wissen nur zu gut, warum: „Ähnlich wie die Kosmetikindustrie mit ihren Anti-Aging-Produkten hat auch die Versicherungsbranche die reiferen Kunden als neue Zielgruppe entdeckt, mit der sich trefflich Geschäfte machen lässt“, stellt die Zeitschrift „Öko-Test“ fest.

So funktioniert der Teufelskreis der Altersvorsorge

1. Schritt

Kleinsparer investieren ihr Geld bei einem Finanzdienstleister.

2.Schritt

Der Finanzdienstleister kauft von dem Geld schlechtverzinste Bundesanleihen.

3. Schritt

Die Schuldenquote Deutschlands sinkt; der Finanzminister jubelt.

4. Schritt

Die Politik gewährt dem Finanzdienstleister Vergünstigungen; Unternehmen und Aktionäre jubeln.

5. Schritt

Die Sparergebnisse sind schlecht, die Kleinsparer jubeln nicht.

6. Schritt

Die Politik fordert die Bürger auf, noch mehr Altersvorsorge zu betreiben, weil die Sparergebnisse ja so schlecht sind und nicht ausreichen.

7. Schritt

Kleinsparer investieren noch mehr Geld bei einem Finanzdienstleister. Danach geht es zurück zum 1. Schritt.

Auf Kunden prasselt daher bereits seit Jahren eine Flut an Informationen nieder. Die Informationswut der Branche nimmt dabei gelegentlich sogar skurrile Züge an, wie etwa auf der Hauptversammlung der Allianz im Jahre 2008. 

Mit einer Kopie der „Bild“-Zeitung sorgte der Konzern dort für Furore. „Wir leben bald bis 150!“, war in großen Buchstaben zu lesen. Der Satz wurde dem Zukunftsforscher Peter Schwartz zugeordnet. „Unsere Generation wird es schaffen, 120 zu werden, unsere Kinder steuern schon die 150 an.“ Und euphorisch, wie Amerikaner eben oft sind, fügte Schwartz hinzu: „Großartige Sache!“ 

Sicher, das Problem ist bekannt: Die Bevölkerung in den Industrieländern wird im Schnitt älter, vor allem weil weniger Kinder geboren werden und die Gesundheitsversorgung besser geworden ist. Die Zuwanderung kann das teilweise ausgleichen. Daher lag im Jahr 2010 das durchschnittliche Alter der Deutschen bereits bei knapp 44 Jahren. 

Aufstieg und Fall der lohnabhängigen Rente

Generation dynamische Rente

Mit der Rentenreform von 1957 leitete die Regierung Adenauer einen epochalen Wandel in der Altersversorgung ein. Sie koppelte die Renten an die Entwicklung der Bruttolöhne und beteiligte so die Rentner am Wirtschaftswunder. Mit einem angestrebten Versorgungsniveau von 69 bis 72 Prozent des letzten Nettoeinkommens reichte die gesetzliche Rente in Deutschland erstmals, um den Lebensstandard im Alter zu sichern.

Spendierhosen

Die Wirtschaftswunderjahre und Mehreinnahmen durch eine Anhebung des Rentenbeitrags von 14 auf 18 Prozent verleiteten die sozialliberale Koalition im Vorwahlkampf 1972 zu teuren Geschenken an die Rentner, die die Rentenausgaben in kürzester Zeit um die Hälfte steigerten. Sie erlaubte Selbstständigen, sich für wenig Geld in die Rentenversicherung einzukaufen. Folgenschwerer war die Einführung der flexiblen Altersgrenze mit 63 und der Frührente für Arbeitslose mit 60 Jahren. Denn sie führte zu den umfassenden Vorruhestandsprogrammen der 80er-Jahre, von denen vor allem die großen Konzerne profitierten. Ohne den Vorruhestand hätte der Rentenbeitrag in den 90er-Jahren rund acht Prozentpunkte niedriger liegen können, sagt der damalige Chef des Verbands der Rentenversicherungsträger, Franz Ruland.

Konsolidierung

Die teure Reform und schlechte Konjunkturdaten erzwangen bereits 1977 das erste von zahllosen Konsolidierungsgesetzen. Rentenanpassungen wurden verschoben, Rentenerhöhungen gekappt. Seit 1981 zahlen die Rentner den Arbeitnehmeranteil ihres Krankenkassenbeitrags selbst. Binnen weniger Jahre sank so das Nettorentenniveau von 72,6 auf 64,7 Prozent nach 40 Versicherungsjahren.

Gerupfte Akademiker

Am stärksten griff die Regierung in die Rentenanwartschaften von Akademikern ein: Die rentensteigernde Berücksichtigung von Schule und Studium wurde mehrfach beschnitten. Zunächst wurden 13 Ausbildungsjahre bei der Rentenberechnung so berücksichtigt, als hätte der Versicherte in dieser Zeit sein persönliches Durchschnittsentgelt verdient. Ab 1977 waren es nur noch 90 Prozent des Durchschnittsentgelts.

Abschied von der Bruttorente

Mit ihr reagierte die Politik 1992 auf den demografischen Wandel. Die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung untergräbt den Generationenvertrag, demzufolge immer die aktive Generation die Renten der vorigen Generation bezahlt. Doch wenn jede Generation kleiner ist als die vorige, dann funktioniert das nicht mehr. Kern der Reform war der Übergang von der brutto- zur nettolohnbezogenen Rentenanpassung. Versorgungsziel ist eine Nettorente von 70 Prozent nach 45 statt zuvor 40 Versicherungsjahren. Frührentner müssen erstmals Abschläge hinnehmen.

Schluss mit Lebensstandardsicherung

Mit dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der IG Metall, Walter Riester, war es ausgerechnet ein Gewerkschafter, der Ende der 90er-Jahre nach fast einem Jahrzehnt politischer Debatte aus der lebensstandardsichernden Rente eine Basisabsicherung machte. 2001 wurden als staatlich geförderte Zusatzversorgung Riester- und Rürup-Rente sowie der Anspruch der Arbeitnehmer auf Umwandlung eines Teils ihres Entgelts in eine Betriebsrente eingeführt. Im Gegenzug wurde das Rentenniveau schrittweise über den sogenannten Riester-Faktor abgesenkt.

Nachhaltigkeitsfaktor

Die endgültige Entkopplung der Renten von den Löhnen folgte wenig später mit dem Nachhaltigkeitsfaktor. Er ging auf einen Vorschlag des ehemaligen Chefs der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, zurück. Mit seiner Hilfe wird der Rentenzuwachs zusätzlich in dem Maße gedämpft, in dem sich die Relation von Beitragszahlern zu Rentnern verschlechtert. Damit sinkt das Rentenniveau und die Versorgungslücke wächst auch für Menschen mit Einkommen unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze. Bis 2030 soll nach diesem Konzept die Rente des Durchschnittsverdieners nach 45 Versicherungsjahren auf 43 Prozent des letzten Nettoeinkommens sinken. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat errechnet, dass sie 2035 unter 40 Prozent sinkt.

Rentensteuer

Seit 2005 wird diese schrumpfende Nettorente auch noch besteuert. Waren Renten bis 2005 quasi steuerfrei, so steigt seither der zu versteuernde Ertragsanteil schrittweise bis 2040 von 50 auf 100 Prozent. Im Gegenzug werden die früher aus versteuertem Einkommen gezahlten Arbeitnehmerbeiträge schrittweise steuerfrei gestellt. Die Rentensteuer ist Teil einer umfassenden Reform der Besteuerung der Alterseinkommen, die das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber vorgeschrieben hat. Seither gilt für alle Formen der Altersversorgung die nachgelagerte Besteuerung.

Fakten, die für Versicherungsvertreter eine Steilvorlage darstellen. Getreu dem Motto: „Liebe Leute, seid vorsichtig und sorgt rechtzeitig vor – damit ihr im Alter auch genug Geld habt.“ Aber damit die Kunden wirklich zugreifen beim Vertreter, müssen sie natürlich bereit dazu sein. 

Kommentare (12)

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ahui

18.03.2013, 15:26 Uhr

Die beiden haben wohl auch erfolgreich ihre Privatinsolvenz
auf die Kinder abgeschoben, diese gleichzeitig neu verschuldet
und mitsamt den Enkeln ihrer Zukunft und Bildung ruiniert.

Wolfsfreund

18.03.2013, 15:59 Uhr

Seite 3 mit Nacktmull-Bild:
"Die Allianz lässt den Nacktmull erforschen: Eine Ratte, die sehr lang lebt. "
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Arrrgh, da krieg ich die Krise! Liest hier denn keiner Korrektur resp. gibt's hier keine Schlußredaktion?

Der Nackmull ist definitiv KEINE Ratte. Er gehört zwar zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia), aber zur Familie der Sandgräber (Bathyergidae), während die Ratte zur Familie der Echten Mäuse (Muridae) gehört. Außerdem ist der Nacktmull ohnehin ein Sonderfall, weil er das einzige Säugetier ist, dessen Sozialstruktur der von staatenbildenden Insekten gleicht.

ChristianMaertin

18.03.2013, 15:59 Uhr

Die kontinuierlich steigende Lebenserwartung ist sehr genau berechenbar und kein Wunschdenken von Versicherungen.

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