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24.02.2015

16:45 Uhr

Versicherungen und Betrugsskandale

1:0 für Axa gegen Mehmet Göker

VonJens Hagen

ExklusivEuropas zweitgrößter Versicherer zieht gegen Mehmet Göker vor Gericht. In der Lebensversicherung fordert Axa mehrere Millionen Euro zurück. Was hinter dem Rechtsstreit mit dem Skandalvertreter steckt.

Skandalvertriebler Mehmet Göker genehmigt sich eine Zigarre. dpa

Bild aus besseren Tagen

Skandalvertriebler Mehmet Göker genehmigt sich eine Zigarre.

Um hochtrabende Ankündigungen ist Mehmet Göker auch im türkischen Exil nie verlegen. „2015- DEIN JAHR-DEIN LEBEN-DEINE ENTSCHEIDUNG-2015 WIRD DIE FOLGE DEINER TATEN“ verkündete der ehemalige Skandalvertriebler als Motto für sein Jahr. Wie gewohnt in großen Lettern, über Twitter. Große Lettern stehen in der digitalen Kommunikation für schreien.

Weniger lautstark kümmerte sich ein Richter am Oberlandesgericht in Kassel am Dienstag um die Folgen von Gökers Taten. Der Grund für den auf 14 Uhr festgesetzten Gerichtstermin: Europas zweitgrößter Versicherer fordert Geld zurück. 2,6 Millionen soll Göker an die Axa Lebensversicherung überweisen.

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer

Versicherer zahlten Provisions-Vorschüsse in Millionenhöhe

Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“

Versicherer forderten mehr als 20 Millionen Euro zurück

Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.

Allianz

Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro

Axa

Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private Krankenversicherer

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen Euro

AXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.

 

Central

Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro

 

Sparkassenversicherer

Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. 

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Inter

Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Hallesche

Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.

Aragon

Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

„Wir haben schon im Jahr 2010 einen Vollstreckungsbescheid gegen Herrn Göker erstritten“, erklärt ein Sprecher der Axa. Dann folgten gerichtliche Verfahren in erster und zweiter Instanz. Vor dem Prozess gab sich die Axa optimistisch: „Wir gehen davon aus, unsere Ansprüche gegen Herrn Göker realisieren zu können“, sagt der Sprecher.

Wie begründet die Axa ihre Ansprüche gegen Göker? Im Jahre 2008, kurz vor der Pleite des Skandalvertriebes MEG, zahlte die Axa nach Handelsblatt-Informationen noch 3,1 Millionen Euro an Provisionsvorschüssen. Weil Göker der Versicherung im Jahr 2009, kurz vor seiner Insolvenz, noch Neukunden brachte, darf er aus Sicht der Axa-Anwälte einen Teil des Vorschusses behalten.

Aber nur einen Teil. Denn einige Kunden haben ihre Verträge prompt storniert. Diese Provisionen aus dem sogenannten Courtagehaftungsanspruch forderte die Axa Leben jetzt wieder zurück. Unter dem Strich bleibt ein Saldo von 2,6 Millionen Euro.

Die Axa hat erzielte nach einem Mahnverfahren einen Vollstreckungsbescheid gegen Göker. In der Vorinstanz bestätigte das Landgericht Kassel aber lediglich 1,3 Millionen Euro. Die Axa ging in Berufung und das Oberlandesgericht Kassel bestätigte den vollen Anspruch von 2,6 Millionen Euro, wie ein Gerichtssprecher Handelsblatt Online bestätigte (Az 14 U 132/12).

Göker war vor Gericht aber nicht anwesend, sein Anwalt auch nicht. Göker kann gegen das Versäumnisurteil Einspruch erheben. Wenn die Zustellung des Urteils erfolgte und Göker keinen Widerspruch erheben würde, kann die Axa einen Gerichtsvollzieher losschicken.

Das wäre vor allem für Werte in Deutschland interessant. Das Gros von Gökers Vermögenswerten dürfte aber im Ausland liegen. Eine Vollstreckung wäre kompliziert, Deutschland hat mit verschiedenen Ländern unterschiedliche Vollstreckungsvereinbarungen ausgehandelt.

Kommentare (3)

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Herr wulff baer

25.02.2015, 08:43 Uhr

Ich verstehe nicht, wieso der Kerl noch frei herumläuft.
Jeder Deutsche, der den GEZ-Zwangsbeitrag nicht bezahlt, kann in Haft genommen werden und einige wurden auch inhaftiert.
Und dieser Super-Betrüger beginnt sein Spiel aufs Neue und seine unseriösen Versicherungs-Helfershelfer sind auch wieder mit von der Partie.

Herr peter gramm

25.02.2015, 09:50 Uhr

göker war nicht nur einfältig, sondern auch gierig. dies wurde von den versicherungsvorständen ausgenutzt. beides sind täter und opfer zugleich. opfer ihrer eigenen gier und täter weil sie das vertrauen von kunden ausgenutzt haben. durch die zwangsversicherung sozialistischer prägung haben vile versicherungen leichtes spiel. wenn das geld nicht mehr reicht wird dem versicherungsnehmer in die tasche gegriffen. egal auf welche unseriöse art und weise vorher das geld der versicherten zum fenster hinaus geworfen wurde. eine haftung dieser herrschaften ist so gut wie ausgeschlossen. je weniger man in dieser branche fachlich versteht um so mehr verkauft man. genau dies ist im sinne der versicherungsvorstände. immer mehr sinnlos kleingedrucktes wird produziert um sich aus der verantwortung zu steheln. leider. eine branche die einm schusterbuben millionen an provisionsvorschüssen hineinstopft hat ihre existenzberechtigung verloren. gier frisst hirn. wie wahr.

Herr Joachim Berndt

25.02.2015, 10:12 Uhr

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