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04.09.2014

09:40 Uhr

Versicherungskritiker Kleinlein

„Je schlechter das Produkt, desto eher wird es empfohlen“

VonJens Hagen, Sara Zinnecker

Deutschlands schärfster Versicherungskritiker weiß: Weil Vertriebler noch Provision einstreichen möchten, steht eine Verkaufsrally bei Lebenspolicen an. Warum gesetzliche Rente und Immobilien eher lohnen könnten.

Axel Kleinlein ist Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten (BdV). Thomas Einberger für Handelsblatt

Axel Kleinlein ist Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten (BdV).

Er ist das rote Tuch seiner Branche. Seit knapp drei Jahren ist Axel Kleinlein mit einer kurzen Unterbrechung Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV). Wenn er ein Produkt nicht mag, dann ist es die Lebensversicherung. Die wurde zwar gerade reformiert, aber Kleinlein bleibt angriffslustig. Trifft seine Kritik ins Schwarze?

Herr Kleinlein, die Sommerferien sind vorbei. Traditionell starten die Vertriebe jetzt ihre Altersvorsorge-Kampagnen. Die Produkte scheinen so unattraktiv wie nie. Fällt der Schlussverkauf in diesem Jahr aus?
Nein, auch in diesem Jahr werden wir einen ganz massiven Jahresschlussverkauf erleben. Ab 2015 sollen die Provisionshöhen für die einmalige Vermittlung runtergehen. Damit aber steigt der Anreiz, in diesem Jahr mit dem Verkauf von Produkten mit hohen Provisionen noch das schnelle Geschäft zu machen.

Der Gesetzgeber hat den Versicherern gerade vorgeschrieben, dass sie ihre Abschlusskosten senken müssen. Das heißt nicht, dass auch die Provisionen sinken?
Stimmt. Rein technisch gesehen muss die neue gesetzliche Regelung zu den Abschlusskosten die Provisionen nicht eins zu eins betreffen. Der Anbieter kann auch an anderer Stelle sparen. Allerdings ist die neue Vorgabe nicht nur ein technisches, sondern auch ein politisches Statement. Der Staat will, dass die Abschlusskosten inklusive Provisionen gesenkt werden.

Der Schlussverkauf wird also kommen. Ist es nicht sinnvoll bis Jahresende eine Police abzuschließen? Der Garantiezins sinkt im nächsten Jahr auf 1,25 Prozent.
Wenn man unbedingt meint, eine solche Versicherung jetzt noch abschließen zu wollen, dann ist es in der Tat besser, den Vertrag zu 1,75 statt zu 1,25 Prozent abzuschließen.                      

Wer sollte jetzt abschließen?
Eine Lebensversicherung kommt nur für die wenigen in Frage, die die eigene Lebensperspektive so klar vor sich sehen, dass sie wissen, dass sie die Prämie immer zahlen können und sie auch zahlen wollen. Sie kommt für die in Frage, die sicher wissen, dass sie zwischendurch nie an das Geld heran müssen. Das ist der Ausnahmefall.  

Die Beiträge sind aber doch gar nicht so hoch. Die meisten Verträge werden doch monatlich mit hundert Euro oder weniger bespart...
Der monatliche Beitrag ist ja nur ein Punkt. Der andere Punkt sind finanzielle Engpässe. Lebensumstände können sich ändern, man trennt sich oder man macht sich selbstständig und braucht Kapital, um ein Geschäft aufzubauen. All das kann dazu führen, dass Menschen sofort an ihr Erspartes ran müssen. Die Unflexibilität dieser Produkte muss man immer im Auge behalten.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Lohnt sich der Abschluss aus Sicht der Rendite?
Vermutlich in den seltensten Fällen. Bei Rentenverträgen ist die Rendite genau dann hoch, wenn der Kunde besonders alt wird, die Rente also besonders lange bezogen hat. Auch mit einem schlechten Vertrag könnte ich, wenn ich 150 Jahre alt würde, noch eine gute Rendite einfahren. 150 Jahre ist aber bisher, soweit wir wissen, noch niemand geworden – und es ist auch nicht abzusehen.

Wie alt muss ich werden, damit es sich lohnt?
Das kommt darauf an, was man unter „lohnen“ versteht. Zum Teil werden Sie es nicht schaffen, eine Rendite von drei Prozent und mehr zu erwirtschaften, weil sie dieses Alter nicht erreichen.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

04.09.2014, 09:58 Uhr

wer viel Werbung macht; hat meistens irgendein Problem mit seinem Produkt; das ist nicht nur bei Versicherungen so.

Im übrigen müsste es nicht Lebensversicherung heissen, sondern Todesversicherung. Nur dann ist das wirklich lukrativ; für die Erben.

Herr Alfred E. Neumann

04.09.2014, 10:12 Uhr

Versicherungen, gerade in Deutschland, sind das Krebsgeschwür einer jeden Gesellschaft!

Herr Tenzin Konchuk

04.09.2014, 10:25 Uhr

Die Methoden der HMI und des AWD im Multilevel Marketing und ihre Kontakte in die Hochfinanz machen auch da nicht vor halt was Gustl Mollath passierte.
Die Netzwerkstrukturen der Zwangseinweisungen als Entsorgungsprogramm für Mitwisser oder Provisionskonkurrenten sind gefährlichst weit verzweigt und wehe man nimmt z.B. die Direktionsrepresentanten aufs Korn. dann passieren in diesem "Staat" Dinge die soweit ab von jedwediger Rechtstaatlichkeit sind, dass man besser überhaupt nimmer mehr eine Versicherung abschließt. Die tschechischen Belustigungspartys mit unterschiedlich farblichen Bändchen für den besonderen Service der Hostessen 2007 sind doch wohl noch Beleg genug.

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