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29.11.2012

07:29 Uhr

Versicherungsvertreter

Das Katz- und Mausspiel des Mehmet Göker

VonThomas Schmitt

Seit drei Jahren lebt, feiert und arbeitet der Powerverkäufer Mehmet Göker in der Türkei. Aus dem Exil heraus hält er die privaten Krankenversicherer und ihre Vertriebe weiter in Atem – genauso wie den Staatsanwalt.

Ein Ausschnitt aus dem Cover-Bild der DVD "Versicherungsvertreter". Bildquelle: Turbine Medien.

Ein Ausschnitt aus dem Cover-Bild der DVD "Versicherungsvertreter".

Bildquelle: Turbine Medien.

DüsseldorfSeine Freunde lassen im Internetnetzwerk Facebook nichts auf ihn kommen. Das war auch am Wochenende des 24. und 25. November so. Mehmet Göker veröffentlicht auf seiner Facebook-Seite einen Beitrag, in dem er mit starken Worten gegen einen Staatsanwalt in Kassel wettert. Der Text war allerdings nur einige Tage zu lesen, dann verschwand er wieder von seiner Facebook-Seite - mit der Folge, dass obiger Link ins Nichts führt.

Die Reaktion seiner Facebook-Fans bis Montag morgen war jedoch überwältigend: 98 Kommentare, fast alle positiv, sowie 369 "Gefällt mir" von Facebook-Nutzern. Inhaltlich weist er darauf hin, dass er bereits rund 25 Millionen Euro Steuern gezahlt habe - sowie diverse Strafen und Nachzahlungen in Millionenhöhe.

Göker muss nun allerdings damit rechnen, dass die Staatsanwaltschaft Kassel noch entschiedener als bislang gegen ihn vorgeht. So berichtete die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) von Überlegungen in der Staatsanwaltschaft, ob man wegen der neuen Beleidigungen auf Facebook rechtliche Schritte gegen Mehmet Göker einleitet.

Allerdings scheine ein weiteres Verfahren deswegen angesichts der anderen Vorwürfe gegen ihn eher eine Nebensache zu sein, heißt es in dem Bericht weiter. Man wolle Göker verhaften, um ihn vor allem wegen des Verdachts der Beiseiteschaffung von Geschäftsunterlagen und einer möglichen Insolvenzverschleppung zu belangen. Sollte er deutschen Boden betreten, käme er wohl in Untersuchungshaft.

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer

Versicherer zahlten Provisions-Vorschüsse in Millionenhöhe

Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“

Versicherer forderten mehr als 20 Millionen Euro zurück

Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.

Allianz

Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro

Axa

Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private Krankenversicherer

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen Euro

AXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.

 

Central

Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro

 

Sparkassenversicherer

Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. 

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Inter

Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.

Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen Euro

Forderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro

 

Hallesche

Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.

Aragon

Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

Göker kennt das Risiko, weshalb er sich seit einigen Jahren bevorzugt in der Türkei aufhält - getreu seinem Motto, das seine Freunde gern verbreiten: "Wenn jemand meint, dass etwas nicht geht....dann heißt das nur, dass es für IHN nicht geht!" Für den Starverkäufer von privaten Krankenversicherungen, der durch den preisgekrönten Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ bundesweit bekannt wurde, geht nach wie vor sehr viel.

Zwar ist sein Finanzvertrieb, die MEG AG aus Kassel, pleite gegangen. Göker hatte sich mit dem Verkauf von privaten Krankenversicherungen verhoben und 21 Millionen Euro private Schulden angehäuft, wie es in dem Film heißt. Zudem verfolgen ihn die Behörden aus Kassel seit Jahren und haben bereits etliche Prozesse gegen ihn angestrengt.

Doch bisher hat ihm all das nicht nachhaltig geschadet und auch seine geschäftlichen Aktivitäten nicht wesentlich behindert. „Mehmet E. Göker ist wieder da. Er residiert an der türkischen Ägäis mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma aber sei nicht seine, beteuert er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter…“, heißt es in der aktuellen Vermarktungskampagne für die DVD zum Film. Die Zahl seiner Anhänger scheint sogar eher noch größer zu werden, wie etwa Einträge auf verschiedenen Facebook-Seiten belegen.

Seine zahlreichen Fans hält Göker bevorzugt über markige Beiträge auf Facebook bei Laune. Auf diesem Weg findet er auch neue, hungrige Verkäufer, mit denen er zumindest zeitweise gute Geschäfte machen kann. Diesen Eindruck haben jedenfalls Branchenkenner, die seine Aktivitäten im Vertrieb von privaten Krankenversicherungen aus der Ferne beobachten.

Seine Äußerungen auf Facebook zeugen inzwischen von immer größerer Professionalität im Umgang mit diesem Netzwerk. So unterscheidet er, wem er welche Information zukommen lässt. Für Aufsehen sorgte jüngst beispielsweise ein Eintrag, der nur für seine Facebook-„Freunde“ und das auch nur für kurze Zeit sichtbar war. Das reichte jedoch dennoch, um die Information in Branchenkreisen schnell zu verbreiten.

Kommentare (71)

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Maxwell

24.11.2012, 13:40 Uhr

Hoffentlch kriegen sie diesen Gangster.Wir als Prämienzahlen subventionieren diese Schmarotzer.

TurkySocialNetwork

24.11.2012, 14:02 Uhr

Kann man denn so einfach über Facebook eine kriminelle Vereinigung gründen oder schreibt dort auch seine Mutter? Die Auslese innerhalb des Kaufmannsberufs geht mittlerweile durch Hand hoch heben, mit der Maxime, ich habe etwas zu verkaufen, ergo bin ich Kaufmann. Prost, Cheers und den Klingelbeutel anderen hinreichen. Geht doch oder?

Account gelöscht!

24.11.2012, 14:03 Uhr

Immer wieder Artikel über diesen kleingeistigen Versager.
Langsam nervt das.
Artikel über richtige Geschäftsleute, die das große Rad drehen, wären interessanter als dauernd über diesen Amateur zu lesen.
Der ist nicht von Interesse und langweilig.

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