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03.10.2013

08:29 Uhr

Versicherungsvertreter

Mehmet Göker wird zum Auslaufmodell

VonThomas Schmitt

Die privaten Krankenversicherer machen Ernst im Kampf gegen gierige Verkäufer. Vermittler wie Mehmet Göker, die nur auf schnelles Geschäft aus sind, werden geächtet. Geldschneiderei und Lockvogeltarife sind out.

Mehmet Göker hat private Krankenversicherungen verkauft. Sein Unternehmen MEG wurde insolvent. Der Filmemacher Klaus Stern drehte einen Film über ihn: „Versicherungsvertreter“. Bildquelle: Turbine Medien.

Mehmet Göker hat private Krankenversicherungen verkauft. Sein Unternehmen MEG wurde insolvent. Der Filmemacher Klaus Stern drehte einen Film über ihn: „Versicherungsvertreter“.

Bildquelle: Turbine Medien.

DüsseldorfWas macht eigentlich Mehmet Göker? Der Mann, der als Versicherungsvertreter aus Kassel hierzulande zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte, steigt aus der Privaten Krankenversicherung (PKV) aus. „Nie wieder PKV“, verkündet er seinen zahlreichen Fans und Bewunderern auf seiner Facebookseite.

Zwar sind Gökers Ankündigungen mit gewisser Vorsicht zu betrachten, dennoch sind diese sinnvoll. In Kassel wird ein Prozess gegen ihn vorbereitet – unter anderem wegen seines Verhaltens als Vermittler im Geschäft mit privaten Krankenversicherungen. Außerdem kann sich kein Manager der Branche mehr mit ihm sehen lassen. Göker ist schlicht verbrannt in der PKV.

Das weiß er, und vielleicht schlägt er deshalb so zurück. Wer dieses Produkt verkaufe, „der betreibt finanziellen Selbstmord“, sagt Göker. Kein Vertrieb werde es in den nächsten drei Jahren schaffen zu überleben. Der Grund seien die neuen Branchenregeln, die bereits eingeführt wurden: der Deckel bei den Provisionen für Vermittler und die Verlängerung der Haftungszeit von einem auf fünf Jahre.

Was die Staatsanwälte Mehmet Göker vorwerfen

Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft in Kassel ermittelt gegen den Versicherungsverkäufer Mehmet Göker und einen seiner Gefolgsleute. Es geht um den Zeitraum Zeitraum September 2009 bis Juni 2011. Was Göker zur Last gelegt, erläuterte auf Anfrage von Handelsblatt Online Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Kassel.

Vorwurf

Bereits vor dem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender der MEG AG sei gemeinschaftlich der Entschluss gefasst worden, sich bei der MEG AG gespeicherte Datensätze zu beschaffen, erklärt die Staatsanwaltschaft.

Ziel

Es ging dabei um Daten von Kunden bzw. potentiellen Kunden, die Interesse an einem Abschluss bzw. Wechsel einer privater Krankenversicherung gezeigt hatten, so die Ermittler. Das Ziel: Diese Datensätze sollten später an Dritte veräußert oder zur Vermittlung privater Krankenversicherungen genutzt werden.

Menge

Insgesamt sollen sich die Angeschuldigten ca. 495.000 Datensätze verschafft haben.

Vermittlung

Später sollen die Datensätze auch tatsächlich verwendet worden sein, um private Krankenversicherungen zu vermitteln.

Strohmänner

Die Angeschuldigten sollen unter verschiedenen Firmenbezeichnungen aus der Türkei heraus, auch unter Einschaltung eines Strohmannes, gehandelt haben.

Umsatz

Mittels der Datensätze sollen sie Umsätze in Höhe von ca. 1,9 Millionen Euro erzielt haben.

Zusatzeinnahmen

Weitere Umsätze in Höhe von ca. 1,1 Millionen Euro sollen die Angeschuldigten durch die Veräußerung der Datensätze an Dritte erhalten haben.

Das ist aber längst nicht der einzige Grund für seinen Rückzug. Göker lebt gar nicht mehr in Deutschland, sondern in der Türkei. Und wie es aussieht, wird er dort auch bleiben, um nicht hierzulande hinter Gittern zu landen. Sein Lebensmittelpunkt erschwert es jedoch enorm, einen schlagkräftigen Vertrieb in der PKV profitabel zu führen.

Die Branche selbst hat zudem ihre Hausaufgaben gemacht. Mit der Einführung von Unisex, also gleichen Regeln für Mann und Frau, wurde das Tarifwerk grundlegend verbessert, wie Experten feststellen. Billigtarife mit Leistungen unter dem Niveau der Krankenkassen bietet seit 2013 so gut wie kein privater Krankenversicherer mehr an.

Auch der politische Druck aus Berlin und durch Verbraucherschützer wirkt offenbar wesentlich besser, als dies Pessimisten erwartet haben. So drohte die Politik unverhohlen mit neuen Gesetzen gegen die PKV, etwa im Bereich der Billigtarife. In die Riege der Kritiker reihte sich neben SPD, Grünen und Linken auch die CDU ein. Doch neue Gesetze dürften nun wohl nicht mehr nötig sein.

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

03.10.2013, 08:59 Uhr

Provisionsjägerein Auslaufmodell? Dass ich nicht lache! Ich versuche seit einigen Wochen eine optimale PKV für meine Tochter zu finden. Selbst wenn man die Versicherungen direkt mit konkreten Tarifwünschen anschreibt, wollen sie einem immer erst einen Provisionsjägerschmierlapp ins Haus schicken

Account gelöscht!

03.10.2013, 09:00 Uhr

Versicherungen haben mit diesen Typen lange Zeit gut gelebt. Das zeigt, was bei denen für Margen existieren. Die Kehrtwende wird nicht stattfinden, sondern ist reines Marketing.

Versicherungen taugen generell nur zu einem: Absicherung der Existenzrisiken. Alles andere sollte man besser selber in die Hand nehmen.

kfvk

03.10.2013, 09:17 Uhr

Weshalb widmet man solchen Menschen so viel Aufmerksamkeit? Letztlich betrügen sie alle bzw. kosten Versicherte und Versicherungen einen Haufen Geld. Damit führen sie dann ein Leben in Saus und Braus, kommen sich groß vor und lassen sich noch von den Dummköpfen in den Medien bewundern, denen sie eben gerade das Geld aus den Taschen gezogen haben.
Schade, dass diese Dinge völlig legal passieren, da Versicherungen die willigen Helfer dieser Gestalten sind, was sie davor bewahrt, dort zu landen, wo sie hingehören: im Gefängnis.
Es wäre auch an der Zeit, dass die Chefetagen der Versicherungen zu Kenntnis nehmen, dass solche Vertriebspartner nur schaden: hohe Stornoquote,unzufriedene Kunden, Ärger mit dem Aufsichtsamt und -- last not least -- auch unzufriedene Mitarbeiter, da die den Mist ausbaden müssen und schon genau wissen, dass viele der Anträge, die sie bearbeiten müssen, zu nichts führen. Spätestens bei der Gesundheitsprüfung wird klar, dass das primäre Ziel des Vermittlers die Unterschrift unter dem Vertrag war und keineswegs ein seriös abgewickeltes Geschäft.
Aber wenn man Bilder von diesen Geschäftspartnern sieht, sollte man eigentlich schon gewarnt sein. Nur Menschenkenntnis gehört nicht unbedingt zum Fächerkanon an den Hochschulen und meist braucht man dafür ein paar Jahre intensiver eigener Studien bis man zu verlässlichen Urteilen kommt. In diesem Fall sieht es allerdings so aus als wolle man es aus unerfindlichen Gründen nicht.
Sollte sich tatsächlich etwas ändern, wäre es auch höchste Zeit dafür, wenn der Ruf von Versicherungen und ihren privaten Vermittlern nicht weiteren Schaden nehmen soll.

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