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06.08.2013

13:36 Uhr

Vertreter packen aus (Reaktionen)

„Kundengelder auf den Kopf gehauen“

VonJens Hagen

Finanzvertreter schildern in einer vierteiligen Serie zweifelhafte Verkaufspraktiken. Jetzt melden sich die Leser zu Wort. Einige Vermittler verdammen die mitteilsamen Kollegen, andere berichten von weiteren Exzessen.

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Heftige Reaktionen: "Barsche Ablehnung und kritiklose Freude"

Video: Heftige Reaktionen: "Barsche Ablehnung und kritiklose Freude"

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DüsseldorfWer Missstände in seiner eigenen Branche an die Öffentlichkeit bringt, macht sich nicht immer beliebt. Nachdem Handelsblatt Online eine Serie über Finanzvertriebe veröffentlicht hatte, meldeten sich die Standesgenossen zu Wort. „Bla bla bla“, kommentierte etwa der Mitarbeiter eines Finanz- und Versicherungsvermittlers. „Der Artikel ist absolut geschäftsschädigend für ehrliche Finanzberater.“

Der Autor sollte in Zukunft die ehrlichen Vertreter hervorheben. „Also halten Sie in Zukunft den Ball flach, ich bin mir sicher, dass auch Sie die eine oder andere Versicherung haben, über die Sie im Schadensfall durchaus froh sind!!!“

Der Grund für die Aufregung: In vier Teilen plauderten Vertriebler bei Handelsblatt Online über ihren Alltag. Sie erklärten unter welchem Druck sie stehen, machten Verkaufsmaschen publik, veröffentlichten geheime Provisionen und erklärten, warum sie den Kunden oftmals schlechte Produkte verkaufen. Die Artikelserie wurde insgesamt rund eine Millionen Mal im Internet angeklickt.

Leser-Reaktionen

Contra: Geschäftsschädigung

„Der Artikel ‚Finanzberater packen aus’ ist absolut geschäftsschädigend für ehrliche Finanzberater.“

Transparenz, Ehrlichkeit, Respekt

„Der Finanz- und Versicherungsmarkt ist in meinen Augen ein großes mit gierigen Haifischen vollbesetztes Becken und es wird Zeit, dass hier ganz bewusst und gezielt ein fröhlicher, engagierter, wehrhafter und Problemen nicht aus dem Wege gehender Goldfisch reinspringt.

„Es ist sehr sinnvoll, in diese Branche Transparenz, Ehrlichkeit, Respekt und Wertschätzung hinein zu bringen!!!“

Contra: Die Gier nach Mehr ist Schuld

Die Gier des Kunden ist hier das Problem. Die Verkäufer sind doch nur die Anbieter. Sie bieten genau das an was der Kunde meint zu gebrauchen, um seine Gier zu stillen. Macht die Verkäufer doch nicht für die Fehler, die in einem Menschen stecken, verantwortlich. Es kann nicht sein, dass NUR diese jetzt an den Pranger gestellt werden. Es ist allein die Gier nach dem MEHR. Mehr nicht. Immer dieser ‚scheinheilige’ Schwachsinn. Ich kann es nicht mehr hören. Was will denn das Handelsblatt, mit solchen Geschichten? Auch nur Ihren Profit. Ihr jämmerlichen Menschen. Behandelt doch endlich die Krankheit und nicht immer die Symptome.

Ausmaß der Mauscheleien weitaus größer

„Ich habe einige Zeit in einem Call-Center in Deutschland gearbeitet. Dort wurden zwei Jahre lang Vergleiche in der Privaten-Kranken-Versicherung angeboten. Auftraggeber war ein großes Maklerunternehmen aus Düsseldorf. Zielvorgabe: 900 ‚willige’ Kontakte im Monat (...)“

„ (...) Ich kann die ‚geheimen Tricks’ nur bestätigen. Das Ausmaß der Mauscheleien ist weitaus größer, als hier beschrieben. Mit dabei sind – fast – alle Unternehmen dieser Branche.“

Contra: Einseitiger Bericht

„Der Bericht ist ziemlich einseitig und beschreibt zwar durchaus übliche Vertriebspraktiken, aber ist letztlich auch nicht generalisierbar.“

Die Politik ist schuld

„Schuld (...) sind in erster Linie die Gesetzgeber, die solche Praktiken zulassen! Maschmayer und dessen Denken, was ja auch öffentlich gemacht wurde, sind eher die Regel als die Ausnahme in diesen Kreisen.“

Contra: Unausgewogener Artikel

„Der Artikel sollte klar hervorheben, dass es neben den sog. schwarzen Schafen auch durchaus ehrliche Berater gibt. Siehe www.telis-finanz.de, diese Firma ist nicht umsonst vom TÜV Süd geprüft worden!! Lassen Sie doch in Zukunft solche absolut übertriebenen Geschichten oder heben Sie die ehrlichen Vertreter hervor! Aber hören Sie auf, alle über einen Kamm zu scheren.“

„Kostenlose“ Vertragsumdeckung

„Ich selbst war 6 Jahre lang für einen Finanzdienstleister tätig. Im Dezember 2009 von knapp 1.000 Beratern noch zum ‚Berater des Jahres‘ ausgezeichnet, erhielt ich im März 2010 ‚Büro-Verbot’, weil ich meiner Führungskraft recht unangenehme Fragen gestellt habe, die mit der Loyalität in Bezug auf recht fragliche Unternehmensanweisungen innerhalb von Kundengesprächen zu tun hatten. Oder anders ausgedrückt: Ich konnte beweisen, dass ‚kostenlose’ Vertragsumdeckungen für den Kunden alles andere als kostenlos waren - wir Berater dies jedoch anders formulieren sollten.“

Contra: Wo ist die Alternative?

Es fehlt (...) ein sinnvoller Alternativvorschlag von Ihrer Seite.  Sie stellen jeden Einzelnen Mitarbeiter in der gesamten Finanzbranche als Buhmann dar. Und jetzt? Wem bitte ist denn dadurch geholfen?
Demjenigen der ab jetzt keine Haftpflichtversicherung mehr abschließt, aus Angst vor „gierigen Vertrieblern“?
Demjenigen der keine Vorsorge und keinen Vermögensaufbau betreibt, weil dadurch „Sexreisen“ finanziert werden könnten?
Demjenigen der keinen ausreichenden Schutz vor Berufsunfähigkeit besitzt, weil er besorgt ist „eingelullt zu werden“?
Wohl kaum!

Selbstständig entscheiden

„Ich verweigere mich schon seit über zehn Jahren jeglicher ,Beratung´ durch diese Banditen-Branche. Ich informiere mich selbstständig über mögliche Produkte, entscheide selbst und trage auch die alleinige Verantwortung. Und damit fahre ich deutlich besser als jemals zuvor, trotz allerlei ‚Beratung’.

Contra: Gewinnstreben gibt es überall

„Ich bin selbst seit 12 Jahren Versicherungsagent und erlebe täglich die Gewinnabsichten in unserer heutigen Gesellschaft. Einige Beispiele: mein Bäcker, meine Autowerkstatt und deren Autoverkäufer, die Tankstellenkonzerne, der Frisör meiner Frau, die Verkäuferin bei P&C (die günstige Hose passt nicht aber sicher die von Boss), mein Arzt, die Telefongesellschaft, unsere Politiker in diversen Aufsichtsräten, die Discounter die in Billiglohnländer produzieren und wir freuen uns über eine Hose für 10 Euro, mein Heizungsinstallateur, eigentlich alle Handwerker, der IT Spezialist mit 100,- die Stunde, der Anwalt mit 180,- die Stunde, usw. Ich wünsche allen Auflegern am Telefon viel Glück im Schadensfall wenn sie nicht richtig versichert sind, am besten eine Berufsunfähigkeit und hoffe dass die Unternehmer die sich genervt fühlen wenn sie angerufen werden, nicht dasselbe Gefühl verbreiten, wenn sie versuchen, in ihrem Job Geld zu verdienen.“

Auch die Tatsache, dass nicht Anlegeranwälte, enttäuschte Kunden oder Verbraucherschützer berichteten, sondern Branchenteilnehmer freimütig aus ihrer täglichen Praxis erzählten, sorgte für teils harsche Reaktionen der Leser.

„Immer dieser ‚scheinheilige‘ Schwachsinn. Ich kann es nicht mehr hören“ schreibt ein Leser. „Die Gier des Kunden ist hier das Problem.“ Die Verkäufer seien doch nur die Anbieter. „Sie bieten genau das an, was der Kunde meint zu gebrauchen, um seine Gier zu stillen.“ Ein anderer Leser meint: „Verkauf ist kein Verbrechen und findet zu jeglicher Zeit unseres Lebens statt. Alles, was wir sehen, ist aus einem Verkauf entstanden.“

Kommentare (30)

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SaschaDatler

06.08.2013, 14:22 Uhr

Gut, dass diese Methoden endlich aufgedeckt werden. Die seriösen Mitarbeiter, wurden lange genug von Soziopathen in den Orgalinien verheizt und drangsaliert. Ich erlebte es leider selbst, zog aber durch Gründung meiner eigenen Firma die Konsequenzen daraus.
Sascha Datler
[...]

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Chalando

06.08.2013, 15:02 Uhr

„Kundengelder auf den Kopf gehauen“
eine Überschrift, die in die Irre führt: im Text wird deutlich, dass niemand "Kundengelder auf den Kopf gehauen" hat, sonder aus seinen Erträgen "Geschenke (Krügerrands, iPads und Co) Reisen, Essen" bezahlt hat.
Lieber Herr Hagen, wenn das Handelsblatt Sie nächstes Mal zum Weihnachtsessen einlädt, schreiben Sie dann auch, dass "Kundengelder auf den Kopf gehauen" wurden?
Schon die Headlines trennen die guten von den schlechten Journalisten.

holli0704

06.08.2013, 15:20 Uhr

Schade, daß das Handelsblatt immer mehr auf das Niveau eines bildzeitungsinspirierten Sensationsjournalismusses abgleitet. Zweifelsohne gibt es erhebliche Mißstände in dieser Branche, wie in vielen anderen Branchen auch. Alleine hätte ich mir - wie früher in Ihrem Blatt üblich - weniger blutgetränkte Schlagzeilen als eine sachliche Bestandsaufnahme udn Kommentierung darüber gewünscht. Aber dazu muß man wohl die Zeitung wechseln. Ich habe viel Verständnis für den Auflagen- bzw. Umsatzdruck der Journaille, aber so gewinnen Sie keine seriösen Leser für die bezahlte Zeitung. Am Ende sind Sie dann auch nicht viel besser als der umsatzgierige Versicherungsvertreter. Bald kommen die ersten nackten Mädels im Handelsblatt. Aber wahrscheinlich sind Journalisten wie Finanzvertreter alle so... Eine schöne einfache Welt, die Sie da haben!

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