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31.07.2012

15:14 Uhr

„Weltfremd“, „Fatal“, „Stimmungsmache“

Versicherer attackieren Verbraucherschützer

VonJens Hagen

Die Branche wehrt sich vehement gegen Kritik an Altersvorsorge-Produkten. Der Tenor ist hitzig, eigene Fehler sehen die Versicherer nicht. Droht ein Zerwürfnis zwischen der Branche und den Vertretern ihrer Kunden?

Logo der Allianz: Ein Vorstand der Leben-Sparte findet deutliche Worte. dpa

Logo der Allianz: Ein Vorstand der Leben-Sparte findet deutliche Worte.


Die Kritik war fundamental und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten erklärte vergangene Woche in einem Interview im Handelsblatt, dass „die Branche in der Altersvorsorge versagt habe“. Das gelte sowohl für Lebensversicherungen wie auch für Riester und Rürup-Renten. Letztere seien nicht förderwürdig erklärte Kleinlein.

Die Branche reagiert auf diese Anwürfe erbost. „Wir sind erstaunt über die undifferenzierten und vielfach unzutreffenden Aussagen. Das Interview zeichnet ein Bild unserer Branche, dass an der Realität vorbeigeht“, kommentiert eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Verbraucherschützer: „Die Versicherer haben in der Altersvorsorge versagt“

Verbraucherschützer

„Die Versicherer haben in der Altersvorsorge versagt“

Der Verbraucherschützer Axel Kleinlein gilt als schärfster Kritiker der Branche. Im Interview verrät er, warum Lebensversicherungen, Riester- und Rürup-Rente nichts taugen und mit welchen Allianz-Vorständen er sich duzt.

Auch einzelne Versicherer melden sich zu Wort. „Leider führt die anhaltende Kritik mit meist unzutreffenden Argumenten dazu, dass viele Vorsorgewillige verunsichert werden“, erklärt etwa Alf Neumann, Vorstand der Allianz-Leben. Die Konkurrenz stößt ins gleiche Horn. „Wir halten die pauschale Kritik von Herrn Kleinlein für überzogen und nicht zutreffend“, erklärt etwa ein Sprecher der Ergo-Versicherung. „Die Aussage, es gäbe in der Altersvorsorge nichts Positives und die Versicherer hätten hier versagt, ist absolut fatal“, erklärt eine Sprecherin der Zurich-Versicherung. „Wir können die Kritik nicht nachvollziehen“, vermeldet die Württembergische.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Kleinlein verglich die Effizienz der Altersvorsorgeprodukte von Versicherern mit einem Sparstrumpf. „Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen“, findet der GDV. Versicherte erhielten vier Prozent Zinsen, eine Absicherung zentraler Lebensrisiken sowie eine monatliche Rentenzahlung „egal wie lange sie leben“.

Analyse: Was Versicherer alles falsch machen

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Was Versicherer alles falsch machen

Die Verbraucherschützer vom Bund der Versicherten machen aktuell mobil gegen die Versicherungsbranche. Handelsblatt Online analysiert was die Verbraucherschützer kritisieren und wie valide die Kritik ist.

Auch die R+V-Versicherung reibt sich am Vergleich mit dem Sparstrumpf. Kleinlein würde nur die anfangs zugesagten Mindestleistungen berücksichtigen „Damit wird implizit unterstellt, dass die Versicherungswirtschaft nie Überschüsse erwirtschaften würde“, erklärt ein Sprecher und spricht von „irreführenden Ergebnissen“. Ein Sprecher der Axa gibt an, dass sich der Versicherte einer Stellungnahme des Verbandes anschließen würde. Der GDV sprach von einer „Stimmungsmache gegen die Riesterrente“.

Die Versicherungskammer Bayern wirbt ebenfalls für Riester. „Wer die „Methode Sparstrumpf“ oder Tagesgeldkonto der Rentenversicherung vorzieht, läuft sehr große Gefahr, das angesparte Kapital vorzeitig zu verbrauchen und im hohen Alter ohne zusätzliches Einkommen dazustehen“, warnt der größte öffentliche Versicherer Deutschlands. „Hier werden alle gängigen Klischees vor allem gegen die Riester-Rente aufgeführt“, erklärt eine Sprecherin der Zurich.

Kommentare (23)

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Account gelöscht!

30.07.2012, 10:36 Uhr

Ist doch kein Problem, sobald die Versicherer auch mit ihrem Privatvermögen haften, ist das Vertrauen sofort wieder hergestellt.

Aber das wird aus gutem Grund wohl nicht passieren.

HBOnlineLeser

30.07.2012, 10:44 Uhr

dann sollten die Verbraucherschützer und sog. Fachjournalisten auch für ihre Texte haften.

thorsap

30.07.2012, 10:48 Uhr

Wenn doch nur mal die Richtigen, nämlich diejenigen, die nach wie vor unsinnige Rentenversicherungen erwerben, das Fazit von Axel zu Herzen nehmen würden. Ein Vorstand von Ergo, Allianz, Debeka hat SICHER KEINE Lebens-oder Rentenversicherung zum Standardtarif.

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