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06.11.2015

15:28 Uhr

Zinstief

Die Mär von der weltweiten Sparflut

VonMalte Fischer
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Renommierte Ökonomen behaupten, nicht die Notenbanken seien Schuld an den rekordtiefen Zinsen, sondern die Sparer selbst. Sind Notenbanken Opfer oder Verantwortliche der Misere? Eine Studie gibt die Antwort.

Sparen ist eine deutsche Angewohnheit – zumindest für die meisten. Sind aber genau die Leute schuld am Zinstief? Getty Images

Zinsen und Sparen

Sparen ist eine deutsche Angewohnheit – zumindest für die meisten. Sind aber genau die Leute schuld am Zinstief?

Es gibt wohl keinen Sparer, der sich nicht über die Minizinsen ärgert, die ihm die Banken seit Jahren für sein Erspartes gutschreiben. Selbst wer sein Geld in Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren steckt, erhält derzeit kaum mehr als ein halbes Prozent Zinsen pro Jahr. Doch wer trägt die Schuld an den Bonsai-Zinsen?

Die Zentralbanker, werden die meisten Zeitgenossen wohl sagen. Denn die Währungshüter haben die Geldbeschaffungskosten im Zuge der Finanzkrise nach unten geschleust, um einen Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern.

Die Notenbanker sehen das jedoch anders - und weisen jede Verantwortung für die Niedrigzinsen von sich. Unterstützt von renommierten Ökonomen wie dem ehemaligen US-Finanzminister Larry Summers und dem deutschen Ökonomieprofessor Carl Christian von Weizsäcker behaupten sie, ein weltweiter Überschuss an Ersparnissen über die Investitionen habe die langfristigen Zinsen nach unten gedrückt.

Dahinter steckt die neoklassische Vorstellung, dass sich der Zins durch das Zusammenspiel von Kapitalangebot (Ersparnis) und Kapitalnachfrage (Investitionen) bildet. Den Grund für die schwache Nachfrage nach Kapital sehen Summers und Weizsäcker in dem lahmenden Wachstum der Produktivität (säkulare Stagnation) und dem nachlassenden Wachstum der Bevölkerung. Beides bremse die Investitionsbereitschaft der Unternehmen.

Auf der anderen Seite legten die Menschen in den alternden Industrieländern immer mehr Geld auf die hohe Kante, um davon im Alter ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Das habe eine Sparflut ausgelöst, die die Zinsen nach unten gedrückt habe, so die These der Neoklassiker. Die Geldpolitik habe sich den Kräften des Marktes nicht entziehen können. Daher sei den Zentralbankern nichts anderes übrig geblieben als die Geldbeschaffungskosten an die niedrigen Marktzinsen anzupassen. Summers, Weizsäcker und Co. nehmen die Notenbanker damit aus der Schusslinie der Kritiker. Folgt man ihrer Argumentation, sind die Notenbanker nicht die Verursacher für die Niedrigzinsen, sondern Getriebene der Märkte.

So legen die Deutschen an

Sparbuch und Tagesgeld über alles

Deutsche Anleger bleiben ihrem Sparbuch sowie dem Tagesgeldkonto treu (77,3 Prozent) – und das obwohl zwei von drei Befragten davon ausgehen, dass das niedrige Zinsniveau in Europa noch mindestens drei bis fünf Jahre anhalten wird (65,4 Prozent). Auf dem zweiten Platz folgen Aktien bzw. Aktienfonds, in die 26,1 Prozent der Befragten investiert sind. Immobilien- oder Immobilienfondsanlagen halten 19,1 Prozent, Anleihen oder Rentenfonds 12,4 Prozent der Anleger. 9,5 Prozent der Befragten haben derzeit kein Geld in einer der genannten Anlageformen investiert.

 

Quelle: Goldman Sachs Asset Management/TNS Infratest (Oktober 2015)

Sicherheit ist Trumpf

Sicherheit bleibt unverändert das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung über die eigene Geldanlage (61,8 Prozent). Die ständige Verfügbarkeit des Geldes ist 29,4 Prozent der Anleger am wichtigsten, eine hohe Rendite nannten lediglich 6,8 Prozent der Befragten als wichtigstes Kriterium.

Wirtschaftliche Krisen als größtes Risiko

Als größte Risiken für ihre Geldanlage sehen private Investoren wirtschaftliche Krisen (42,9 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen Inflation und politischen Krisen (22,1 Prozent bzw. 15,6 Prozent). Staatsverschuldung und Deflation spielen, wie im vergangenen Jahr, eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.

Frustrierte Sparer, zufriedene Aktionäre

60,4 Prozent der Anleger, die ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto haben, sind eher unzufrieden oder sogar äußerst unzufrieden mit ihrer Geldanlage. Mit ihren Erträgen bei Aktien/Aktienfonds, die gerade im aktuellen Niedrigzinsumfeld bessere Renditen versprechen, sind 69,2 Prozent sehr zufrieden oder eher zufrieden, mit Anleihen/Rentenfonds 62,7 Prozent. Am zufriedensten sind Immobilien- bzw. Immobilienfondsanleger mit ihren Erträgen: Hier geben über drei Viertel der Anleger an, sehr zufrieden oder eher zufrieden zu sein (78,4 Prozent).

Eine aktuelle Studie des Flossbach von Storch Research Institutes entlarvt diese Theorie jedoch als wirtschaftspolitisches Ammenmärchen. Die Autoren der Studie, die Ökonomen Agnieszka Gehringer und Thomas Mayer, werfen den neoklassischen Mainstream-Ökonomen vor, eine naive Vorstellung von der Rolle der Banken zu hegen. „Anders als in den meisten Lehrbüchern kolportiert, finanzieren die Banken ihre Kredite nicht durch die Einlagen der Sparer, sondern schöpfen diese aus dem Nichts“, sagt Thomas Mayer.

Die Folge: Statt Ersparnisse und Investitionen ins Gleichgewicht zu bringen, erzeugt die Kreditvergabe der Banken Ungleichgewichte, die zu gefährlichen Boom-Bust-Zyklen führen. Die Ökonomen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, allen voran Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, haben dies schon vor Jahrzehnten erkannt – und auf Basis ihrer Erkenntnisse eine Konjunkturtheorie entwickelt. Senkt die Zentralbank den Zins, so können sich die Banken billiger als zuvor bei der Notenbank refinanzieren.

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