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27.08.2013

15:28 Uhr

Zinstief

Lebensversicherer bitten Bafin um Gnade

Das Zinstief beutelt die Lebensversicherer. Einige Gesellschaften sollen bei der Aufsicht um eine Lockerung der Vorschriften bitten. Für die Kunden soll erst einmal weniger zurückgelegt werden.  

Standmitteilung einer Lebenpolice: Die Versicherer ächzen unter dem Zinstief. dpa

Standmitteilung einer Lebenpolice: Die Versicherer ächzen unter dem Zinstief.

Die Besorgnis bei den Inhabern der rund 89 Millionen Lebensversicherungsverträge in Deutschland um die Stärke ihrer Gesellschaften im Zinstief wächst. Einige Gesellschaften sollen mit den aktuellen Vorgaben zur Beteiligung der Kunden an den Überschüssen nicht mehr klar kommen.

Angesichts der niedrigen Zinsen fordern einige Lebensversicherungen einem Bericht zufolge Ausnahmen bei den Vorschriften zu Gewinnrücklagen. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, mehr als zehn Gesellschaften hätten bei der Finanzaufsicht Bafin beantragt, dass sie für ihre Kunden weniger vom Gewinn zurücklegen müssen.

Mit der Aussetzung der Vorschriften wollten sich die Unternehmen für eine gewisse Zeit Luft verschaffen. Die Bafin wollte der Zeitung die Zahl nicht bestätigen.

Dem Artikel „Hilferuf der Lebensversicherer“ zufolge sollen die Gesellschaften „deutlich weniger“ als die 75 oder 90 Prozent für ihre Kunden reservieren. Das würde den Gesellschaften Luft verschaffen, sie könnten in späteren Jahren die Gewinntöpfe wieder auffüllen. Vor allem Unternehmen mit schwachen Kapitalerträgen sollen laut SZ betroffen sein.

Während der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte, für die Kunden von Lebensversicherungen habe ein zeitweiliger Verzicht auf eine Aufstockung der Finanzreserve aus laufenden Erträgen keine negative Folgen, schätzen Verbraucherschützer das anders ein: „Für Kunden bedeutet das im Zweifel, dass sie weniger Geld ausgezahlt bekommen“, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Was Lebensversicherte wissen sollten

Wie hoch ist der Garantiezins?

1,25 Prozent – so viel (oder wenig) Verzinsung garantieren deutsche Lebensversicherer Neukunden ab dem 1.1.2015. Zuvor lag der Garantiezins noch bei 1,75 Prozent (ab 2012) beziehungsweise 2,25 Prozent (ab 2007). Bei Abschluss zwischen 2004 und 2006 lag der Satz bei 2,75 Prozent. Versicherte, die zwischen den Juli 2000 und Ende 2003 abgeschlossen haben, können mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent rechnen. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 betrug der Garantiezins noch vier Prozent.

Warum wurde der Garantiezins gesenkt?

Die Höhe des Garantiezinses wird regelmäßig  vom Bundesfinanzministerium überprüft. Der Satz darf nicht mehr als 60 Prozent des Mittelwertes des Anleihezinses der vergangenen zehn Jahre betragen. Wegen des aktuell niedrigen Zinsumfeldes war der bisherige Satz nicht mehr haltbar.

Wie wirkt die Absenkung auf die Rendite?

Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Damit liegt die Beitragsrendite bezogen auf den Garantiezins ab 2012 je nach Kostenquote der Versicherer aber deutlich unter 1,75 Prozent. Ein Inflationsausgleich durch den Garantiezins wird gleichzeitig schwerer. Versicherte müssen daher auf eine attraktive Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen.

Was bestimmt neben dem Garantiezins die Rendite einer Police?

Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Auch dieser Satz sinkt. Für die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 senkten die meisten Gesellschaften ihre Überschussbeteiligung. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung.

Welche Rolle spielen die Kosten?

Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge. Was letztlich übrig bleibt, hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. In Zukunft wird die Auswahl kostengünstiger Versicherer noch wichtiger.

 

Welche Auswirkungen hat die Garantiezinssenkung für Bestandskunden?

Keine. Die höheren Garantiezinsen aus alten Verträgen gelten weiter.

Was hält die Branche von der Senkung?

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt zur Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent: „Sie sollten ihre Entscheidung, ob sie in Form einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder einer Riester-Rente die immer wichtiger werdende ergänzende Altersversorgung betreiben, nicht von der Höhe des „Garantiezinses“ abhängig machen. Vielmehr bleibt die Lebensversicherung auch nach einer möglichen Absenkung des „Garantiezinses“ attraktiv. Sie kombiniert neben Sicherheit und Rendite auch Risikoschutz und die Möglichkeit einer lebenslangen Rente, egal wie alt man wird.“

Droht in Zukunft eine weitere Senkung?

Das steht erst einmal nicht zur Debatte, kann aber langfristig angesichts des niedrigen Zinsniveaus nicht ausgeschlossen werden.

Ist der Abschluss einer Lebensversicherung noch attraktiv?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Für risikoscheue Sparer kann der Abschluss trotz niedriger Renditen weiterhin attraktiv bleiben. Die Kosten müssen allerdings niedrig sein, die Verzinsung hoch und die bilanzielle Situation der Gesellschaft stabil. Die grundsätzlichen Nachteile bleiben aber. Bei einer vorzeitigen Kündigung verschenken Kunden in der Regel viel Geld. Die Produkte bleiben im Vertrieb häufig intransparent, das gilt auch für die Kosten.

Auch für die Anlagepolitik der Gesellschaften können wegen der Finanzkrise ungeahnte Risiken entstehen, etwa bei einer Ausfallwelle am Anleihemarkt. Eine steigende Inflation ist wegen der niedrigen Verzinsung und der mangelnden Flexibilität ebenfalls Gift für die Versicherten. 

Wehren könnten sie die Versicherten kaum. „Verbraucher mit Lebensversicherungen verlieren durch die vorübergehende Aussetzung der Gewinnzuführung kein Geld“, stellte GDV-Sprecher Christian Ponzel fest. „Die anteiligen Gewinne, die ihnen die betroffenen Versicherungsunternehmen nun nicht gutschreiben können, erhalten sie zu einem späteren Zeitpunkt.“

Verbraucherschützerin Castello setzt dagegen: „Es gibt zwar eine Verordnung darüber, wie die Unternehmen die Kunden an den Gewinnen beteiligen müssen. Wird diese Verordnung aber geändert, müssen Verbraucher das akzeptieren.“ Denn die Gewinnbeteiligung sei nicht Bestandteil der Verträge, sagte Castello.

Einige Lebensversicherer haben angesichts der langen Niedrig-Zinsphase Probleme, die Zuführungen aus den normalen Kapitalerträgen zu verdienen. Die Finanzaufsicht kann auf Antrag der Gesellschaften die Mindestzuführung aussetzen. Die Bundesregierung hatte die Branche 2010 verpflichtet, eine besondere Reserve für die hohen Garantien aufzubauen.

Kommentare (31)

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Coza

27.08.2013, 11:42 Uhr

Man könnte ja auch bei den Aktionären, beim Vorstand und bei den Beschäftigten der Versicherungen sparen statt den Sparer abzuzocken. Die Zinsen der Sparer sind(theoretisch) GARANTIERT!
Und wenn die Versicherung zu dumm ist, das Geld gewinnbringend anzulegen, dann muß sie eben bei sich selbst sparen.

Account gelöscht!

27.08.2013, 11:50 Uhr

Das hat mit "Dummheit" wenig zu tun... schon mal den Anlagekatalog und die Anlagegrenzen, an die sich die Versicherer halten müssen, angeguckt?

werner

27.08.2013, 11:52 Uhr

um gnade winseln ,aber weiter abzocken und sich die beutel fuellen.ein neuer deutsche gemeiner verbrechertrick

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